Interview

„Kompetenzorientierung ist nicht eine Erfindung von Pädagogen, sondern von der OECD in Paris“

Lernziele und Lernformen haben sich verändert. Über die Zeit verlor das Stoffpauken an Bedeutung, im Vordergrund steht heute der Erwerb von Kompetenzen. Stefany Krath sprach mit dem Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Gruschka über kompetenzorientierten Unterricht.

05.03.2018 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Stefany Krath
  • © www.pixabay.de

Herr Prof. Gruschka, warum halten sie die Kompetenzorientierung der Curricula im deutschen Bildungssystem für falsch?
Man muss verschiedene Dimensionen bei diesem Thema unterscheiden. Die erste ist, dass das Wort bzw. die Forderung nach Kompetenz schlecht zu kritisieren sind. Die Alternative für Kompetenz wäre Inkompetenz!? Jeder Mensch mit Sinn und Verstand muss für Kompetenz sein. Insofern sollte man auch nicht gegen Kompetenzorientierung sein. Diese positive Aufladung des Begriffs macht die Opposition gegen die konkrete Bildungspolitik ein bisschen schwierig. Ich habe natürlich überhaupt nichts dagegen, dass Schüler kompetent werden. Man sollte allerdings gerade bei solchen Heilsbegriffen genauer hinschauen. Die Frage ist doch, worauf bezieht sich diese Kompetenz? Es gibt ja eine Menge menschliche Fähigkeiten, eben Kompetenzen, vor der wir allen Grund haben, uns zu fürchten. Und manche Kompetenz kann für gute wie für schlechte Zwecke eingesetzt werden.

Was ist die Konsequenz?
In unserem Fall lässt sich feststellen, dass die Forderung in strikter Ablehnung zu dem entsteht, was in unserer Tradition Bildung heißt. Man will einen Perspektivenwechsel einleiten. Insofern ist zu fragen, ob wir eine Orientierung auf Kompetenzen wollen können, wenn dies zugleich bedeutet, die bisherige normative Orientierung unseres Bildungssystems aufzugeben. Es heißt ja nicht umsonst Bildungssystem und nicht Kompetenzsystem, Schule und nicht Kompetenzzentrum. In der OECD-Sprache heißt das Literacy, und Literacy ist etwas anderes als Bildung. Literacy soll Menschen in die Lage versetzen, sehr flexibel je nach Situation Wissensbestände für Problemlösungen zu nutzen. Kompetenz bedeutet somit instrumentelle Verfügung über Wissen, das man gar nicht im Sinne von Bildung verinnerlicht haben muss. Schauen Sie sich die PISA-Testaufgaben an: Es wird nicht nach dem Verständnis gefragt, nicht Urteils- und Kritikfähigkeit gefordert, sondern die Fähigkeit, Gelerntes auf vorgegebene, in den Tests relativ einfache, künstliche Problemlösungen anzuwenden. Alles Wissen und Können zielt auf Nützlichkeit. Beides wird zum bloßen Mittel für einen von außen kommenden Zweck. Er erzieht zur Indifferenz gegenüber den Inhalten und zur Folgebereitschaft. Das ist ein sehr markanter Kontrastpunkt zum herkömmlichen Humboldt‘schen Bildungsbegriff, der Kompetenz vor allem auf die innere Beziehung zu den Inhalten, die fachliche Urteils- und Kritikfähigkeit ausrichtete.

© Uwe Dettmar, Goethe-Universität Frankfurt

Andreas Gruschka war Professor im Fachbereich Erziehungswissenschaften am Institut für Pädagogik der Sekundarstufe der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2016 ist er emeritiert.

Worin liegen die Gefahren einer Ökonomisierung von Bildung?
Die Allgemeinbildung stand und steht bisher vor der Berufsbildung. Diese erst richtet sich auf die ökonomischen und technischen Bedingungen. Wenn nun aber die ersten 10-13 Jahre der Schule ebenfalls ausgerichtet werden, auf das, war später beruflichen Erfolg verspricht und was vermeintlich die „Wirtschaft“ will, werden wir eher nützliche Idioten als urteilsfähige Bürger unserer Gesellschaft produzieren. Die begleitende Botschaft der Modernisierer, die gerne vom Bildungsschrott sprechen, lautet: Du sollst deinen Kopf nicht vollschütten mit Wissen, das du nicht brauchst. Für den Fall, dass du solches Wissen brauchst, hast du ein kleines Gerät in der Hand, mit dem du auf Knopfdruck alles erfahren kannst. Viel wichtiger ist, dass du weißt, wie du das Wissen nutzen sollst. Nicht unbedingt für deinen eigenen Nutzen. Du wirst dienstbereit gemacht für Aufgaben, die andere für dich bestimmt haben. Über deren Sinn kannst du freilich nicht mehr kompetent urteilen. Das Hintergrundwissen und Verstehen, das dagegen zu erwerben ist, dient unserer Orientierung in der Welt. Mit der können wir auf Distanz zu solcher Vernutzung unserer Fähigkeiten durch andere gehen.

Geht die Kompetenzorientierung zu Lasten von Wissensvermittlung in der Schule?
Das lässt sich empirisch an den Umstellungen der Lehrpläne beobachten. Es geht nicht mehr primär darum, Wissen zu erwerben, sondern dass ein Schüler auf eine ihm gestellte Frage Wissen als Information aus den digitalen Technologien heranzieht und es als solche präsentiert. Nicht umsonst ist die Methode, die in deutschen Schulen den größten Erfolg in den letzten zwanzig Jahren hat, die Präsentation. Ein triviales Beispiel: Im Biologieunterricht werden Drogen behandelt, also sollen sich die Schüler über Drogen informieren. Der einfachste Modus ist der, dass man Drogen in acht Beispielen ausdifferenziert und Zweier- oder Dreiergruppen von Schülern den Auftrag gibt, nach Maßgabe der chemischen Formeln, nach Maßgabe der Langzeitwirkung, der Verbreitung und einiger anderer Kriterien Informationen zu sammeln. Danach bekommen sie den Auftrag, in zwei Minuten die Ergebnisse zu präsentieren und in eine Kreuztabelle einzutragen, links die Droge und oben fünf oder sechs Kategorien. Damit hat die Lehrkraft das Thema Drogen im Wesentlichen behandelt. Aber ein mehr als oberflächliches Etikettierungswissen oder die Durchdringung eines der Drogenprobleme ist damit nicht gegeben. Die Schüler haben nur gelernt, wie man Informationen von einem Format in ein anderes bringt. Der Lehrer wird ersetzt durch den Moderator der Informationsbeschaffung.

Sprechen wir vom beschleunigten Wissenswandel. Wozu soll ich mir heute Wissen aneignen das morgen schon wieder veraltet ist?
Wissen veraltet nicht. Das ist eine Modernisierungsparole, die keinen Gehalt hat. Sie können doch nicht sagen, dass das, was schon die Griechen an Wissen, an Kenntnissen, an Gedanken entwickelt haben oder die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die vor 50 oder 100 Jahren gemacht worden sind, veraltet sind. All das ist die Basis unseres Wissens. Veraltet sind bestimmte Technologien. Wir trommeln heute nicht mehr, oder wir bedienen nicht mehr das normale Telefon. Das heutige Wissen baut auf vorgängigem auf. Nehmen wir eine Fremdsprache, die in deutschen Schulen vermittelt wird. Wer könnte sagen, dass Englisch veraltet ist? Selbst Latein ist nicht veraltet.

Trotzdem hat sich das Kompetenzmodell an deutschen Schulen durchgesetzt.
Weil es dazu lange Zeit keine Opposition gab. Wir befinden uns in einer Debatte über die inhaltlichen Ziele des Bildungssystems. Dort gibt es die Verfechter von Bildung und Wissen auf der einen Seite und die Protagonisten der Kompetenz in dem so verstandenen utilitaristischen Zugriff mit der Orientierung auf ein nützliches, verwendungsorientiertes Wissen auf der anderen Seite. Was kommt hiervon nun real in den Schulen an? Das ist eine einzige Katastrophe. Wenn Sie heute deutsche Schulen, insbesondere in den sogenannten ‚weichen‘ Fächern besuchen, dann werden sie erkennen, dass die Kompetenzorientierung dazu führt, dass die Schüler inhaltlich fast nichts mehr lernen. Es gibt keine Lernherausforderung mehr. Sie operieren mit Methoden, die irgendwie Spaß machen und sozial integrativ wirken sollen. Schüler werden beschäftigt. mit Methoden wie Präsentation, Gruppenarbeit, Klipperts Methodentrainings oder so schönen Dingen wie  „fishbowls“, die die Inhalte des Unterrichts nur noch als Spielmaterial benutzen.

Welche Methoden erachten Sie für sinnvoll?
Die Methoden, die verständlich machen, warum etwas ist, wie es ist: als ein methodisch in je besonderer Weise bestimmter Gegenstand des Wissens und des Könnens. Sie können dagegen schlecht in eine Schreinerlehre gehen und laufend irgendwelche Tischkreise um das Holz herum bilden, wo sie „mindmaps“ zu Stühlen aufmalen. Dabei wird nie ein Stuhl entstehen. Selbstverständlich benutzen sie dort die Methoden, die zur Herstellung eines Stuhls notwendig sind. Wenn Sie das auf naturwissenschaftlichen Unterricht beziehen, dann sind die Methoden angebracht, die zeigen, wie ein Wissenschaftler zu einer Erkenntnis, wie man zu einem Beweis in der Mathematik gekommen ist. Die Methoden also, denen wir unsere Erkenntnisse verdanken, sind auch die Methoden, mit denen diese den Schülern durchsichtig gemacht werden müssen. Die anderen Methoden vermitteln nur sich selbst, aber schwerlich einen fachlichen Inhalt.

Wie gehen Lehrkräfte mit dieser Situation um?
Nach wie vor gibt es in der Schule Fächer und nicht Beschäftigungstherapie. Es herrscht ein gewaltiger Unmut in der Lehrerschaft. Die Botschaft der Kompetenzorientierung macht Lehrkräfte nicht glücklich. Natürlich gibt es einige, die das gut finden, weil sie mit den neuen Methoden scheinbar von allen pädagogischen Aufgaben entlastet sind. Sie müssen nicht mehr erziehen und nichts mehr didaktisch selbst entwickeln. Aber in der großen Mehrheit der Lehrerschaft ist eine tiefgehende Frustration gegenüber diesen Reformen vorhanden. Als Lehrer stehen sie für ein Fachwissen, das sie den Schülern zu vermitteln haben. Wird das immer weniger bedeutsam, verlieren sie den Kern ihrer Aufgabe. Und in dieser Situation treten ihnen die Schüler entgegen mit dem Hinweis: Was willst du eigentlich von mir? Was du mir vermitteln willst, kann ich beliebig mit Computer, Smartphone und Co. abrufen. Das aber zwingt den Lehrer dazu zu begründen, warum es wichtig ist, dieses und jenes zu verstehen, nicht bloß sich darauf zu verstehen, einen Suchbefehl zu platzieren.

Der Pädagoge gerät mehr und mehr in die Rolle des Moderators?
Es gibt wundersame Begriffsveränderungen. Erziehen ist ein mühseliges Geschäft. Das weiß jede Mutter und jeder Vater. Lehrer haben es noch ein bisschen schwieriger, weil sie nicht nur ein Kind vor der Nase haben, sondern gleich dreißig oder mehr. Aber Lehrkräfte sollen nicht mehr erziehen. Sie sind jetzt „Classroom-Manager“. Mit Schülern hat das begrifflich schon nichts mehr zu tun, denn Lehrer sind jetzt Raumpfleger. Sie gestalten und pflegen „Lernlandschaften“, in denen sich die Kinder selbstständig tummeln und bewegen. Sie haben mit den schmuddeligen Aufgaben des Erziehens nichts mehr zu tun. Das ist natürlich sehr verführerisch, allerdings nur für die, die eigentlich mit der Pädagogik nichts zu schaffen haben wollen.

Was müsste die Politik also tun?
Nicht wenigen Verantwortlichen wird mittlerweile schockartig klar, dass sie den Zug in die falsche Richtung bewegt haben. Sie können das an den rhetorischen Versuchen zurück zu rudern feststellen. Man hört zunehmend den Satz: Wir müssen wieder das Fachliche stärken. Das, was die Bildungspolitik seit Jahrhunderten auszeichnet, ist eine Pendelbewegung. Der geht inzwischen in die andere Richtung. Natürlich wird kein Politiker öffentlich eingestehen, dass er auf das falsche Pferd gesetzt hat. Aber in den Schulen ist die Kompetenzorientierung bereits weitgehend im Lehrerbewusstsein als eine gescheiterte Reform abgelegt.

Sie sprechen von der Eigengesetzlichkeit von Bildung und Pädagogik. Könnten Sie das bitte erläutern?
Das eine ist eine theoretische Figur und eine Beobachtung, die Sie in der Praxis machen können. Die theoretische Figur sagt, dass wir in unseren modernen Gesellschaften, die eine ungewisse offene Zukunft haben, als erwachsene Generation nicht mehr präzise voraussagen können, was die nächste Generation an Wissen, Können und natürlich auch an Kompetenzen erwerben muss, um die auf sie zukommenden Aufgaben zu erfüllen. Das war in alten traditionellen Gesellschaften anders. Da hatte man einen stabilen Zukunftshorizont. Die erwachsene Generation wusste genau, der Sohn wird Nachfolger auf dem Hof oder Handwerksbetrieb. So konnte man ihn entsprechend auf die Übernahme der Funktion der Erwachsenengeneration vorbereiten. Das ist in der modernen Gesellschaft nicht mehr der Fall. Die Vorbereitung der nachfolgenden Generation auf die Aufgaben der Zukunft muss das berücksichtigen. Dazu benötigen wir Bildung. Das heißt also Autonomie, Urteilskraft, Kritikfähigkeit und natürlich substanzielles Wissen, eine Fähigkeit die mit der Urteilskraft verknüpft ist. Wissen, das nicht beliebig austauschbar ist, sondern einen möglichst rationalen Standpunkt, eine Orientierung in der Welt ermöglicht. Wenn wir diese Aufgabe vernachlässigen, hat das fatale Konsequenzen, weil keine Mündigkeit mehr entsteht, sondern nur noch Funktionalität und verantwortungslose Anpassung eingeübt wird. Da sind wir wieder bei der Kompetenzorientierung. Das ist für eine demokratische Gesellschaft nicht tauglich. Das kann man für eine technokratische Gesellschaft beispielsweise nach dem Muster Chinas empfehlen, aber nicht für unsere modernen demokratischen Gesellschaften.

Und die praktische Dimension?
Wenn Sie in einer Schulklasse Kinder unterrichten, haben sie zwei Optionen. Sie können die Kinder zu Papageien machen, die Ihnen blind oder opportunistisch (mit den Fruchtstückchen als Belohnung) gehorchen. Sie richten sie darauf aus, dass sie aus eigenem Antrieb – eine gute Note zu bekommen – tun, was ein anderer sagt, auch wenn sie das innerlich ablehnen. Das ist die eine Perspektive, sozusagen eine Anpassungspädagogik. Sie steht im Widerspruch zu dem Allgemeinziel von Mündigkeit. Wie zeigt sich ganz schlicht diese Zielsetzung in der Praxis? Wenn ein Schüler im Unterricht etwas Falsches sagt, korrigieren Sie ihn. Sie fordern ihn auf, dass er Begründungen für das liefert, was er vorträgt. Sie verpflichten ihn zu Rationalität. Dazu gehört, in der Lage zu sein, auf das, was ein anderer sagt, auch zu hören und zu antworten. Das ist die Aufgabe der Pädagogik. Sie finden in der Praxis unausgesetzt diese Zielsetzung, nicht zuletzt, dass sie von den Schülern artikuliert wird, weil sie einem Unterricht widerstehen, der sie unterfordert. Sie stellen die guten unbequemen Fragen, weil sie nicht verstehen, worum es geht und der Lehrer ihnen nicht klar macht, warum sie das lernen sollen. Diese Form von Ansprüchen erleben wir fast in jedem Unterricht. Die andere Seite verweist auf die Nicht-Erfüllung der Ansprüche, hier muss die Kritik am Unterricht ansetzen. Ein Lehrer, der, damit er keine Konflikte mit den Schülern hat, alles was von den Schülern kommt positiv beantwortet und gute Noten verteilt, korrumpiert die pädagogische Tätigkeit. Schüler erkennen das. Sie wissen, dass sie betrogen werden.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 1-2018 veröffentlicht.


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden