Gastbeitrag

Schluss mit Jetlag

Eine Schule in Nordrhein-Westfalen lässt seit vergangenem Jahr ihre Schüler länger schlafen. Haben sich dadurch die Leistungen der Schüler verbessert? Ein Zwischenfazit vom Magazin didacta. Von Tina Sprung

10.01.2018 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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Wenn der Wecker morgens um 6.30 Uhr klingelt, kann das zur Tortur für Jugendliche werden. Sie sind müde, unausgeglichen und stehen schwer auf. Das liegt nicht daran, dass sie zu spät ins Bett gehen, sondern an ihrem Schlafverhalten, das sich durch die Pubertät verändert. Im Gymnasium Alsdorf bei Aachen können Oberstufenschüler daher seit einem Jahr länger schlafen, wenn sie wollen. Sie entscheiden selbst, ob sie um 8 oder 9 Uhr in die Schule gehen.

Schulleiter Wilfried Bock führte vor einem Jahr das Gleitzeitmodell an seinem Gymnasium ein. Kurz zuvor fand der Kongress der Dalton Vereinigung Deutschland statt, bei dem Erziehungswissenschaftler Peter Struck von der Universität Hamburg für einen späteren Schulbeginn plädierte. Das überzeugte Bock. „Faktisch schlafen viele Schüler um acht Uhr noch und sind nicht aufnahmebereit“, erklärt er. „Wenn Schüler nicht lernen können, warum sollen sie dann in die Schule kommen?“. Der Schulleiter des Gymnasiums, das bereits für seine Pädagogik mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, überzeugte die Schulaufsicht innerhalb zwei Monate von seiner Idee, Gleitzeit in der Schule einzuführen.

Experten in der Schlafforschung betonen seit Jahren, dass Schüler, denen man mehr Schlaf gönnt, mehr leisten. Alfred Wiater, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, ist überzeugt: „Früher Schulbeginn und Tests in den ersten Schulstunden führen dazu, dass die Schüler in ihren Leistungsmöglichkeiten eingeschränkt und damit aufgrund ihrer biologischen Voraussetzungen diskriminiert werden.“ Schlafforscher Till Roenneberg, Professor an der Universität München, sprach in der Süddeutschen Zeitung über die Verwehrung von Bildungschancen: „Überspitzt gesagt entscheidet sich dadurch, ob jemand nach dem Abitur Medizin studieren kann oder nicht.“ Der Grund: Bei Schülern, die in der Pubertät sind, kann die letzte von bis zu vier REM-Phasen (Rapid Eye Movement-Phase), also der Traumschlaf, deutlich später eintreten als bei Erwachsenen. Klingelt morgens der Wecker, wachen sie inmitten dieser Phase auf. Dadurch gelingt es ihnen weniger, Erlebnisse des Vortages zu verarbeiten und in das Gedächtnis zu übertragen. Zudem fühlen sie sich sehr müde. Da Jungs mehr als Mädchen davon betroffen sind, „kann das ein Indiz dafür sein, dass Schülerinnen signifikant bessere schulische Leistungen erbringen“, sagt Bock.

Gleitzeit durch Dalton-Stunde
Das Konzept der Gleitzeit an dem Gymnasium funktioniert durch die Dalton-Pädagogik. Die Schüler entscheiden in zehn Wochenstunden, sogenannten Dalton-Stunden, selbst, mit welchen Mitschülern und Lehrern sie klassenübergreifend zusammen lernen. Die Lehrer stellen hierfür Aufgaben bereit. Die Schüler lernen dadurch selbstständig und arbeiten eigenverantwortlich. Seit Einführung der Gleitzeit ist an dem Gymnasium nun täglich die erste Stunde eine Dalton-Stunde. Schüler, die später kommen, holen den verpassten Stoff in ihren Freistunden, die fest im Stundenplan stehen, nach. „Unser Ziel war, dass unsere Schüler nicht länger an der Schule bleiben müssen, wenn sie später kommen“, sagt Bock. „Und das funktioniert auch gut.“ Auch für Lehrer bringt das Gleitzeitsystem Vorteile: In der ersten Stunde müssen rund ein Viertel weniger Lehrer da sein, da weniger Schüler in der ersten Stunde, der Dalton-Stunde, anwesend sind. „Dadurch haben die Mütter und Väter bei uns einen entspannten Einstieg in den Arbeitstag“, sagt Bock. Andererseits werden die Springerstunden durch Dalton-Stunden gefüllt – es verdichten sich die Stundenpläne.

Späterer Unterrichtsbeginn teilweise möglich
Die Diskussionen um den späteren Unterrichtsbeginn sind nicht neu. Bereits vor zwei Jahren forderte die damalige Familienministerin Manuela Schwesig, um 9 Uhr statt 8 Uhr zu starten. Auch der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband befürwortet seit Jahren das Modell. In Bayern können die Schulen bereits den Unterricht später starten lassen. „Schulen können den Unterrichtsbeginn in gewissem Rahmen flexibel gestalten“, sagt Sprecher Andreas Ofenbeck vom Kultusministerium. Eine Gleitzeit-Regelung sei aber wegen der Leistungsstandfeststellung nicht sinnvoll. Skeptisch ist auch der Deutsche Philologenverband. Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger: „Aufgrund der engen Koppelung von beruflichen Arbeitszeiten und Schulbeginn, der Taktung der Schulbusse und insbesondere der Tatsache, dass ein späterer Unterrichtsbeginn zwangsläufig zu Nachmittagsunterricht führen würde, gibt es in Deutschland keine Realisierungschance auf absehbare Zeit.“

Und was wollen die Schüler?
Lena besucht das Gymnasium in Alsdorf und profitiert von dem Gleitzeitmodell. Die Oberstufenschülerin kann ihren Schulalltag flexibler gestalten und ist froh darüber. „Ich kann morgens spontan sagen, dass ich lieber noch eine Stunde zu Hause bleibe. Außerdem kann ich meine Freistunden jetzt sinnvoller nutzen, indem ich meine Daltonaufgaben mache“, sagt sie. Wenn Lena eine Klausur schreiben muss, sei es für sie schöner, ausschlafen zu können, um auch in der 8. Stunde noch aufmerksam zu sein. Ob das Modell zu besseren Leistungen der Schüler beiträgt, kann Schulleiter Bock noch nicht abschätzen. „Mit Professor Till Roenneberg haben wir einen Experten gewonnen, der unser Projekt begleitet und evaluiert. Erst danach können wir sagen, ob sich die Leistungen der Schüler gebessert haben. Aber eines kann ich jetzt schon sagen: Die Schüler gehen sehr verantwortungsvoll mit der Gleitzeit um und geben uns positives Feedback.“

didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 4/2017, S. 50-52, www.didacta-magazin.de


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