Auf Lernreise
Internationale Erfahrungen gelten für junge Menschen als Motor für die persönliche und berufliche Entwicklung. Doch auch erfahrene Ausbilderinnen und Ausbilder profitieren von einem Blick über die Landesgrenzen hinaus. Von Hanna Bolin und Stefany Krath
30.01.2026 Bundesweit Artikel BildungspraxisNormalerweise ist Carsten Bricke derjenige, der anleitet. Als Leiter des Werkschutzes beim international agierenden Spezialchemie-Unternehmen Evonik erklärt er Auszubildenden am Standort im nordrhein-westfälischen Marl, wie sie Gefahren erkennen, Risiken vermeiden und im Ernstfall richtig reagieren. Doch diesmal steht er selbst bereit, zuzuhören und Notizen festzuhalten – nicht auf dem Betriebsgelände seines Arbeitgebers in Deutschland, sondern in einem Krankenhaus in Finnland. Konzentriert lässt er sich von den finnischen Sicherheitsbeauftragten durch die Gänge führen und Kamerasysteme, Notfallroutinen und Evakuierungspläne zeigen. „Ich war wirklich überrascht, wie viel Sicherheitspersonal hier eingesetzt wird“, bemerkt Bricke rückblickend. „Das ist in Deutschland deutlich anders.“
Vier Tage lang reist Bricke durch Finnland, besucht neben dem Krankenhaus in Helsinki auch die Nokia-Arena in Tampere, das Olympiastadion Helsinki und eine Einkaufsmall in Hyvinkää. Überall empfängt ihn der jeweilige Sicherheitschef, zeigt Kontrollräume, Einsatzpläne, Kommunikationssysteme und nimmt sich Zeit für Fragen. Auch ein Besuch an einer Berufsschule steht auf dem Programm. „Die Menschen waren ausgesprochen offen“, erzählt Bricke. „Niemand hat sich auf Betriebsgeheimnisse berufen – im Gegenteil, sie haben uns bereitwillig Einblicke gewährt und jede Frage beantwortet.“
Den Wissenstransfer in Europa stärken
Brickes Finnlandaufenthalt fand im März 2025 im Rahmen eines europäischen Bildungsprogramms statt, das nicht nur für Studierende und Auszubildende gedacht ist: Erasmus Plus richtet sich auch an das Ausbildungspersonal – also an Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Berufsschullehrkräfte. „Das soll den europäischen Austausch in der Berufsbildung stärken und den Wissenstransfer zwischen Betrieben, Schulen und Ländern fördern“, erklärt Anna Wendt. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung, kurz NA beim BIBB. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Sichtung und Prüfung von Erasmus-Plus-Anträgen.
Für Ausbilderinnen und Ausbilder ist das Programm eine Möglichkeit, ihre fachlichen, didaktischen und interkulturellen Kompetenzen zu erweitern. „Durch Auslandsaufenthalte können sie Einblicke in andere Berufsbildungssysteme gewinnen, neue Lehrmethoden und Technologien kennenlernen und die eigene Art und Weise auszubilden im internationalen Vergleich reflektieren“, erläutert Wendt. Gleichzeitig würden solche Erfahrungen sprachliche und soziale Fähigkeiten – etwa in Kommunikation, Teamarbeit und Konfliktlösung – stärken sowie die Fähigkeit, den Ausbildungsalltag konstruktiv und vielfältig zu gestalten.
Laut der Nationalen Agentur beim BIBB sammeln immer mehr Bildungskräfte im Rahmen der beruflichen Bildung internationale Erfahrung. Während 2023 noch 7752 Teilnehmende einen Auslandsaufenthalt mit Erasmus Plus absolvierten, waren es 2024 bereits 9365. „Das ist eine Rekordzahl für uns“, verkündet Wendt stolz. „Stark vertreten sind dabei auch Fachkräfte aus technischen und gewerblichen Bereichen – von Handwerk und Industrie bis zu Pflege und Sicherheit.“
Andere Länder, andere Systeme
Für viele Teilnehmende bedeutet der Auslandsaufenthalt mehr als nur fachliche Weiterbildung, vor allem wenn sie ein „Jobshadowing“ machen, eine Art individueller Hospitation bei Ausbildenden und Berufsschullehrkräften vor Ort. Sie erleben neue Formen der Zusammenarbeit, entdecken andere Ausbildungskulturen und entwickeln Ideen, wie sich die eigene betriebliche Ausbildung weiterentwickeln lässt.
So wie Florian Kessel. Der Ausbilder ist seit sechs Jahren für die technische Berufsausbildung bei ProCar Automobile, einer Autohausgruppe in Nordrhein-Westfalen, verantwortlich. Erasmus Plus führte ihn 2024 nach Lille in Frankreich. „Die Berufsausbildung in Frankreich findet fast ausschließlich schulisch statt“, erläutert Kessel. Es gebe zwar auch praktische Phasen, diese bestünden jedoch meistens aus ein- bis zweiwöchigen Praktika: „Die Auszubildenden kennen das Gefühl gar nicht, im ‚echten‘ Arbeitsleben zu stehen.“
Entsprechend kämen die Betriebe in Frankreich frühzeitig in die Berufsschulen, um Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern und damit zu potenziellen neuen Mitarbeitenden zu knüpfen. Diese Idee hat Kessel mitgenommen und wendet sie inzwischen für die Rekrutierung von Auszubildenden an: „Wir haben jetzt Kooperationsschulen – natürlich keine Berufsschulen, aber Realschulen, Gymnasien, Gesamtschulen –, in die wir regelmäßig gehen und ein bisschen die Werbetrommel für unsere Ausbildung rühren.“
Über den Tellerrand hinaus
Anders als in den meisten anderen Ländern ist das Berufsbildungssystem in Deutschland dual organisiert – dieser Unterschied macht den Perspektivwechsel für Ausbildende aufschlussreich. „Jedes System hat seine Vor- und Nachteile“, so Werkschutzleiter Carsten Bricke, der in der Vergangenheit via Erasmus Plus auch schon Betriebe und eine Berufsschule in den Niederlanden besucht hat. „Die einen machen eine schulische Ausbildung, die anderen eher eine praktische.“ Ihm ging es bei seinen Auslandsaufenthalten nicht darum, herauszufinden, was „besser“ sei. „Woanders gibt es andere Systeme, die auch funktionieren. Jeder muss das finden, was ihm persönlich am ehesten zusagt.“
Besonders wertvoll finden beide Ausbilder aus NRW die Möglichkeit, sich durch Erasmus Plus vor Ort selbst ein Bild von anderen Betrieben zu machen, die später vielleicht auch ihre eigenen Auszubildenden besuchen können. Außerdem entstehe durch die Aufenthalte ein wertvolles Netzwerk von Ausbilderinnen und Ausbildern aus verschiedenen Ländern. „Ich habe Kontakt zu den Kollegen und auch einem Berufsschullehrer in Frankreich“, sagt Florian Kessel. Carsten Bricke berichtet, er habe schon Azubis für einen Auslandsaufenthalt in einen Betrieb nach Tschechien geschickt, der ihm von niederländischen Kollegen empfohlen worden sei: „Da verlasse ich mich auf das Wort der Ausbilder, die dort mit ihren Azubis positive Erfahrungen gemacht haben.“ Ein Berufsschullehrer aus Finnland besuchte Bricke später in dessen Betrieb im Ruhrgebiet. Für den Ausbilder eine Selbstverständlichkeit: „Ich möchte es auch anderen ermöglichen, bei mir Einblicke zu bekommen.“
Austausch für alle Beteiligten
Ganz konkret haben beide auch ihre sprachlichen Kompetenzen verbessert. Carsten Bricke berichtet, dass sich alle Seiten bemüht hätten, ein für die jeweils andere Seite verständliches Englisch zu sprechen. Florian Kessel betont, dass auch die Kommunikation „mit Händen und Füßen“ in Frankreich lehrreich gewesen sei. „Von solchen Situationen berichten auch unsere Auszubildenden immer wieder, wenn sie mit Erasmus Plus ins Ausland gehen“, erklärt er lächelnd. Beide Ausbilder würden jederzeit wieder einen Auslandsaufenthalt machen. „Ich habe es auch schon einem Kollegen weiterempfohlen“, so Florian Kessel. Carsten Bricke schlägt sogar ein verpflichtendes Geben und Nehmen vor: Jede Person, die einen Auslandsaufenthalt mit Erasmus Plus absolvieren durfte, sollte im Gegenzug mindestens einmal einen Kollegen oder eine Kollegin aus dem Ausland bei sich aufnehmen.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 4/2025, S. 20-22, www.bildungspraxis.de
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