Karin Wolff: "Unterrichtsgarantie wird bis ins letzte Komma erfüllt"
Die Unterrichtsgarantie der hessischen Landesregierung wird auch im kommenden Schuljahr weiter gewährleistet sein. "Die Anstrengungen haben sich gelohnt: Der Unterricht nach Stundentafel wird bis ins letzte Komma erfüllt. Dies ist angesichts schwieriger Rahmenbedingungen eine Leistung der Schulämter, für die ich mich ausdrücklich bedanken darf. Damit und mit unseren wegweisenden Schritten zu mehr Bildungsqualität bleibt Hessen auf geradem Kurs zum Bildungsland Nummer 1 in Deutschland", betonte Kultusministerin Karin Wolff zum Beginn des neuen Schuljahres.
26.08.2004 Hessen Pressemeldung Hessisches Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen"In unserer Regierungszeit hat es noch kein Schuljahr gegeben, dessen organisatorische Vorbereitung solch immenser Anstrengungen bedurfte", so Wolff weiter. Die Gründe dafür liegen vor allem in der schlechten Wirtschaftslage in Deutschland und damit verbundener schwieriger Lage auf dem Lehrstellenmarkt, aber auch in demographischen Veränderungsprozessen, die in einigen Teilen Hessens zu einer deutlichen Zunahme der Schülerzahlen, in anderen zur Abnahme führen.
Erstmals waren daher Personallenkungsmaßnahmen in größerem Umfang notwendig: So konnten über 300 Lehrerstellen aus Nordhessen in den Ballungsraum Rhein-Main verlegt werden. "Lehrkräfte müssen zu den Schülern und nicht umgekehrt. Das zu organisieren kostet Zeit und Kraft", so die Ministerin.
Darüber hinaus stehen den Schulämtern in diesem Jahr Einstellungsmöglichkeiten im BAT-Bereich in einer Größenordnung von 500 Stellen zur Verfügung. Dies wird durch die 10 Millionen € ermöglicht, die die Ministerin über die zugewiesenen Stellen und Mittel hinaus bewilligt hat, um auch bei der steigenden Schülerzahl die Unterrichtsgarantie zu sichern. "Diese Lehrkräfte werden nicht für Vertretungsunterricht angestellt, sondern für den überplanmäßigen Unterrichtsbedarf", stellte die Ministerin klar. "Dennoch werden wir im beginnenden Schuljahr insgesamt nicht mehr BAT-Verträge haben als im abgelaufenen Halbjahr", sagte Wolff. Als Hauptvertretungsgrund nannte sie neben der Erkrankung die Elternzeit, die mehr als die Hälfte der zu vertretenden Stellen betreffen. Im Übrigen werde der Stellenabgang infolge der "Operation Sichere Zukunft" durch die höhere Unterrichtsverpflichtung der Lehrkräfte ausgeglichen. "Und auch in diesem Schuljahr können rund 400 Lehrkräfte als Beamte neu eingestellt werden", betonte sie.
Infolge der Lehrstellen-Misere und des ungebremsten Zuzugs im Süden des Landes wachsen die Schülerzahlen regional wie jahrgangsbezogen höchst unterschiedlich. Insgesamt sind im Schuljahr 2004/05 allein in den allgemeinbildenden Schulen mehr als 7.000 Schülerinnen und Schüler mehr zu erwarten; die Gesamtzahl klettert damit von 666.000 auf über 673.000. Während die Anzahl an Erstklässlern um 1.250 auf 61.450 und die Anzahl an Fünftklässlern um 900 auf 59.150 zurückgehen, wächst die Zahl der Schülerinnen und Schüler in der Jahrgangsstufe 11 um 850 auf 19.840. "Damit setzt sich der Trend fort, dass gerade in den personalintensiven Schuljahrgängen die Schülerzahlen wachsen", so Wolff. Auswirkungen auf die Klassengröße hat die Entwicklung praktisch nicht: Die mittleren Klassengrößen bleiben stabil und steigen im Schnitt um 0,3 Schülerinnen und Schüler.
Auch im beruflichen Bereich erwartet die Ministerin ein Plus von 1.500 bis 2.500 Schülerinnen und Schülern. Das sind allesamt Jugendliche, die, weil ohne Ausbildungsplatz, nach ihrem Abschluss statt in die Teilzeit- in die Vollzeitberufsschule wechseln. "Die Arbeitsplatzabgabe ist zwar endlich vom Tisch, aber die Verunsicherung in den Betrieben wirkt noch nach. Das ist schlimm für alle Jugendlichen ohne Lehrstelle, und das kommt das Land teuer zu stehen", verwies Wolff darauf, dass Schüler im Vollzeitbereich mindestens 32 Stunden Unterricht erhalten, im Teilzeitbereich dagegen nur 12 Stunden.
Zum Schuljahresbeginn sind lediglich 48 Stellen nicht besetzt. Sie werden frei gehalten, um spezifischen Fachbedarf sofort nach der Zweiten Staatsprüfung mit jungen Lehrkräften abdecken zu können. Im September/Oktober werden 1.002 Referendarinnen und Referendare ihre Ausbildung abschließen. Sie stehen bereit, um ab dem 1.1.2005 die durch Pensionierung freiwerdenden Stellen zu besetzen. Für den nächsten Einstellungstermin in den Vorbereitungsdienst (1.11.2004) liegen derzeit 1.395 Bewerbungen vor.
Leider sei nicht jeder Fachlehrerbedarf sofort über die Ranglisten zu decken, sagte Wolff. In den Haupt- und Realschulen fehlten die Naturwissenschaften, aber auch Englisch und Mathematik, im Gymnasium werden neben den naturwissenschaftlichen Fächern die Latein- und Griechischlehrkräfte rar. Für die Berufsschulen ist insgesamt der Lehrkräftemarkt "dünn": hier fehlen Metaller, Naturwissenschaftler und Fremdsprachenlehrkräfte. "Unsere hessische Lehrernachwuchskampagne vom Frühjahr unter dem Dach der KMK-Lehrerimagekampagne muss weitergehen. Stetes Klagen über fehlenden Nachwuchs ist wenig hilfreich. Nur stetiges Werben für diesen besonderen Beruf und ein positives Lehrerbild wird uns leistungsstarke Abiturienten für diese Aufgabe gewinnen lassen", so Wolff.
Das Schuljahr 2004/05 bringt im Zuge der Anstrengungen zur Qualitätsverbesserung der Schulbildung in Hessen einige Neuerungen mit sich: In den Grundschulen werden im 2. Halbjahr der 3. Klasse die Orientierungsarbeiten verbindlich. Diese einheitlichen Arbeiten in den Fächern Deutsch und Mathematik sind ein wichtiges Diagnoseinstrument, um Schülerinnen und Schüler rechtzeitig vor Ende der Grundschulzeit bis zur höchsten Kompetenzstufe im Lesen und Rechnen zu fördern. Zudem wird an den Ergebnissen ersichtlich, wo noch weiterer Förderbedarf bei einzelnen Kindern besteht.
In den Hauptschulen startet Hessen eine weitere Initiative, um die Ausbildungs- und Beschäftigungschancen vor allem schulmüder Jugendlicher zu erhöhen. Für Schülerinnen und Schüler, die in ihren Klassen schlechte Aussichten haben, den Hauptschulabschluss zu erreichen, können - zunächst an ausgewählten Schulen - ab sofort Klassen mit erhöhtem Praxisanteil, so genannte SchuB-Klassen (Ausbildung in Schule und Betrieb), eingeführt werden, in denen neben drei Tagen Schule auch zwei Praxistage in Betrieben zu absolvieren sind.
Ebenfalls neu ist, dass die jetzigen Elftklässler der erste Jahrgang sein kann, der das geplante Landesabitur ablegt. Damit ist der Weg zu verbindlichen zentralen Abschlüssen in allen drei Schularten, Hauptschule, Realschule und Gymnasium geebnet. Die beschlossene Verkürzung des gymnasialen Bildungsgangs von neun auf acht Jahre stößt in der Bevölkerung auf breite Zustimmung. Nach Aussage des Offenbacher Marplan-Institutes befürworten knapp zwei Drittel der Hessen das Abitur nach zwölf Jahren. "Ein klares Signal, dass unsere Anstrengungen zur Verkürzung der Schullaufbahn notwendig und sinnvoll waren," freute sich die Ministerin. Schon ein Schuljahr vor der offiziellen Einführung sind 15 Prozent der Gymnasien freiwillig dabei, das G8-Abitur umzusetzen.
In der dritten Ausbaustufe des "Ganztagsprogramms nach Maß" wurden trotz schwieriger Haushaltslage zum neuen Schuljahr weitere 61 neue Ganztagsangebote genehmigt. Jetzt verfügen 290 Schulen in Hessen über ein Ganztagsangebot. Damit hat sich die Zahl der Ganztagsangebote seit 1999 verdoppelt. Für die rund 570 Stellen und Mittel im Umfang von rd. 140 Stellen für Lehrkräfte und pädagogisches Personal im Ganztagsunterricht stellt das Land jährlich ca. 32,5 Millionen € zur Verfügung.
Solide Grundlagen für eine bessere Lehrerbildung und hohe Qualitätsstandards für eine gesicherte Schulbildung in ganz Hessen sind die Vorgabe, die mit dem dritten Qualitätssicherungsgesetz verfolgt wird. Das Gesetz wird derzeit im Landtag beraten und soll im Januar 2005 in Kraft treten. Unter anderem sollen angehende Lehrkräfte schon an den Hochschulen durch mehr Praxiseinheiten stärker auf die Schulwirklichkeit vorbereitet werden. Schulleitungen bekommen zudem die Möglichkeit, Lehrkräfte zur Wahrnehmung bestimmter Fortbildungsmaßnahmen zu verpflichten. "Damit wird die Leistungsfähigkeit unserer Schulen weiter gesichert", so Wolff.
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