"Wir packen die Herausforderungen jetzt an"

Die größte Bildungsmesse im europäischen Raum findet in diesem Jahr in Köln statt. Wir haben den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Jürgen Rüttgers, nach seinen politischen Zielsetzungen gefragt. Rüttgers ist Schirmherr des Weiterbildungs-Innovationspreises (WIP), der am 1. März auf der didacta verliehen wird.

13.02.2007 Nordrhein-Westfalen Artikel

Herr Ministerpräsident, für das kommende Jahr hat die Landesregierung ein neues Kindergartengesetz angekündigt. Wird damit die frühkindliche Bildung besser und für die Eltern kostengünstiger?

Rüttgers: Ja, die frühkindliche Bildung wird besser und in ein umfassendes Beratungs- und Betreuungsangebot schon für die Jüngsten eingebunden. Die Kinder werden somit individuell gefördert, etwaige Sprachdefizite abgebaut, flexible Betreuungsangebote können genutzt werden und die Zusammenarbeit mit den Eltern wird intensiviert. Hierfür werden die Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren ausgebaut, in denen Bildung, Erziehung und Betreuung mit Angeboten der Beratung und Hilfe für Familien zusammengeführt werden. Noch in diesem Jahr werden 1.000 Familienzentren geschaffen. Über den Elternbeitrag, der auch vom Familieneinkommen abhängig ist, entscheidet das jeweilige örtliche Jugendamt. Schon heute sind 22 Prozent der Eltern aufgrund ihres geringeren Einkommens von Beiträgen freigestellt.

Kopfnoten, Auflösung der Grundschulbezirke und eingeschränkter Elternwille bei der Wahl der weiterführenden Schule – das neue Schulgesetz wird von der Opposition als Rollback in die 50er-Jahre bezeichnet. Sie haben die Einführung des Gesetzes mit den Worten "Heute ist ein guter Tag für die Kinder in unserem Land" begrüßt. Was wird denn nun so gut für die Kinder?

Rüttgers: Mit dem neuen Schulgesetz stärkt die Landesregierung die individuelle Förderung. Wir verzetteln uns nicht in jahrelangen schulstrukturellen Umbauprozessen, wir führen keine ideologisierten Strukturdebatten, sondern wir packen die Herausforderungen jetzt an. Wir wollen mehr Durchlässigkeit in unserem Bildungssystem, wir wollen mehr Eigenständigkeit unserer Schulen, wir wollen mehr Verantwortung der Schulen, wir wollen eine bessere Qualität unseres Bildungssystems, wir wollen mehr soziale Gerechtigkeit und wir wollen mehr Förderung für jedes einzelne Kind.

"Jeder junge Mensch in NRW, der ausgebildet werden will, wird ausgebildet", heißt es im Ausbildungskonsens NRW. Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Rüttgers: Die Landesregierung hat im vergangenen Jahr mit dem Sonderprogramm Ausbildung 2006 die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass jedem Jugendlichen, der am Ende des Ausbildungsjahres ohne eine Lehrstelle dastand, ein konkretes Angebot gemacht werden konnte. Das Sonderprogramm mit seinen mehr als 3.100 zusätzlichen Ausbildungsplätzen steht auch Jugendlichen offen, die sich in einer Warteschleife befinden. Weitere Maßnahmen prüfen wir derzeit, etwa die Möglichkeiten für neue zweijährige Abschlüsse, ähnlich dem erfolgreichen Kfz-Servicemechaniker. Zudem wollen wir, dass die Schulabgänger mit realistischeren Vorstellungen und besser vorbereitet auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz gehen, z. B. durch die frühzeitige Einbindung von Experten aus der Wirtschaft in den Schulunterricht. Wir wollen zudem mehr Transparenz bei den Förderprogrammen und Qualifizierungsmaßnahmen im Berufsbildungsbereich schaffen. Die vorhandenen Instrumente müssen stärker auf ihre Wirksamkeit kontrolliert werden.

Niemand solle von einem Studium abgeschreckt werden, haben Sie im Hinblick auf die Studiengebühren erklärt. Nach deren Einführung melden die Hochschulen in NRW aber sieben Prozent weniger Erstsemester als im Vorjahr. Wirken die erhöhten Studienkosten also doch abschreckend?

Rüttgers: Nein, die Studienbeiträge finden eine hohe Akzeptanz, weil sie die Qualität des Studiums erhöhen. Das Studium wird besser, kürzer und planbarer. Die nordrhein-westfälischen Hochschulen werden dadurch attraktiver. Der Rückgang der Anfängerzahlen hatte eher mit dem Anstieg von Fächern zu tun, die mit einem örtlichen Numerus clausus belegt sind. Übrigens: Die Universität Mainz hatte auch weniger Erstsemester, und Rheinland-Pfalz hat keine Studienbeiträge.

Weniger Geld für die Volkshochschulen, stattdessen Projekte wie "Bildungsscheck – Weiterbildung zum halben Preis" - welche Strategie verfolgt Nordrhein-Westfalen in Sachen Weiterbildung?

Rüttgers: Richtig ist, dass auch von den Volkshochschulen ein Beitrag zur Konsolidierung des Landeshaushalts erwartet wird. Wir unterstützen aber die Weiterbildung zusätzlich mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Dies waren 5 Mio. Euro im Jahr 2006 und sind jeweils 12 Mio. Euro in den Jahren 2007 bis 2010. Damit stehen im Jahr 2007 zusammen mit unseren eigenen Landesmitteln den Weiterbildungseinrichtungen rund 100 Mio. Euro zur Verfügung. Um zusätzlich die Bildungsbeteiligung zu erhöhen, also mehr Menschen zu motivieren, sich weiterzubilden, erhalten die Beschäftigten einen Bildungsscheck, mit dem sie sich 50 Prozent der Weiterbildungskosten erstatten lassen können. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass Nordrhein-Westfalen im Vergleich der Länder in der Weiterbildungsförderung vorne steht.

Durch welche Maßnahmen unterstützt das Land die Erzieherinnen und Lehrer bei der Teilnahme an dem einmaligen Weiterbildungsangebot didacta 2007?

Rüttgers: Das Schulministerium hat ausdrücklich auf die Möglichkeit hingewiesen, die didacta zu besuchen. Der Besuch ist im Rahmen von entsprechenden Vertretungsregelungen möglich. Die Bedeutung der Veranstaltung wird auch durch die intensive Teilnahme von Ministern und Staatssekretären deutlich.

Erstveröffentlichung: Themendienst 3 didacta 2007


Weiterführende Links

  • didacta 2007

Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden