Bildungsgewerkschaft zu VERA-Ergebnissen
Als "kleinen Lichtblick" hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Ankündigung bezeichnet, den Grundschultest VERA ab 2006 bereits für das dritte Schuljahr vorzusehen. "Den Schulen bleibt so mehr Zeit, auf die Testergebnisse beispielsweise durch verstärkte Förderung der Schüler zu reagieren", sagte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer am Dienstag in Frankfurt a.M.. "Außerdem verringert sich die Gefahr, dass ein einzelner Test als Grundlage für Übergangsempfehlungen zu den weiterführenden Schulen zweckentfremdet wird." Bisher fanden die Tests in der vierten Klasse statt.
20.12.2005 Pressemeldung Gewerkschaft Erziehung und WissenschaftDemmer machte jedoch deutlich, dass an den Schulen die Skepsis überwiegt. "Aufwand und Nutzen der VERA-Tests stehen noch in keinem vernünftigen Verhältnis. Die Zeit, die die Tests verschlingen, fehlt für die individuelle Förderung der Schüler", begründete die Schulexpertin ihre Einschätzung. Sie wies zudem darauf hin, dass die Testaufgaben teilweise didaktisch fragwürdig seien und die Schulen mit den Ergebnissen "allein gelassen" würden. Es fehle an Geld, um wirkungsvolle Konsequenzen aus den Ergebnissen zu ziehen. Außerdem herrsche Unklarheit über die weiteren Pläne der Landesregierungen.
Die GEW-Sprecherin warnte ausdrücklich davor, die VERA-Ergebnisse für Schulrankings zu instrumentalisieren: "Rankings machen Schulen nicht besser. Im Gegenteil: Die Nebenwirkungen verschärfen bestehende Probleme häufig." Sie kündigte an, dass die GEW von ihrer kritisch-konstruktiven Position zu Vergleichsarbeiten abrücken werde, sollten Vergleichsarbeiten für öffentliche Schulrankings benutzt werden. Die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer (CDU) hatte angekündigt, künftig ein Ranking der 25 besten Grundschulklassen auf Grundlage der VERA-Ergebnisse bekannt zu geben. "Nichts gegen freiwillige und faire Wettbewerbe, aber die erzwungene Konkurrenz zwischen Schulen ist schädlich", betonte Demmer.
Sie forderte die beteiligten Kultusminister auf, endlich ihre "vollständigen Qualitätskonzepte offen zu legen". "Die Ranking-Pläne der nordrhein-westfälischen Schulministerin lassen die Alarm-Glocken läuten." Dabei müssten die Kultusminister drei Fragen beantworten. Erstens: Wie sollen die offenkundigen Mängel der Tests und die Probleme bei der Umsetzung behoben werden? Zweitens: Wie wird unerwünschten Nebenwirkungen begegnet? Drittens: Was geschieht mit den Ergebnissen?
Einen "professionellen Umgang mit den Ergebnissen" wünscht sich die Gewerkschafterin von den Politikern. "Immer nur auf dem richtigen Weg zu sein oder Verbesserungen der Schulen einzufordern, ist für ein so aufwändiges Projekt entschieden zu wenig", sagte sie. "Auf mangelnde Souveränität" lasse der Umstand schließen, dass die Länderergebnisse im Internet noch nicht abrufbar seien. "Die Kultusminister wollen die alleinige Deutungshoheit über die Daten, aber keine aufgeklärte Öffentlichkeit. Vertrauensbildend ist das nicht", unterstrich Demmer.
Info: VERA (= Vergleichsarbeit) ist ein Projekt, mit dem seit 2002 zeitgleich in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein sowie in deutschen Auslandsschulen, die eine vierte Grundschulklasse haben, die Kompetenzen der Viertklässler in Mathematik und Deutsch getestet werden. Ihre Ergebnisse 2005 können die Schulen seit dem 19. Dezember abrufen. Die zusammengefassten Ergebnisse, auf die sich die Kultusminister in ihren Stellungnahmen beziehen, sind im Internet noch nicht veröffentlicht.
In der Anlage finden Sie sechs Argumente gegen öffentliche Schulrankings.
Aus internationalen Erfahrungen und Untersuchungen lassen sich sechs Argumente gegen öffentliches Schulranking herausfiltern:
1. Die Qualität einer Schule oder Schulklasse lässt sich nicht durch einen punktuellen Test feststellen. Schulqualität ist ein fortwährender Prozess. Die Lernzuwächse sind entscheidend, nicht das Tagesergebnis. 2. Qualität besteht nicht nur aus Leistungen, die sich mit Papier und Bleistift testen lassen. Soziale Kompetenzen, persönliche Haltungen, Gesundheitsfürsorge und der musisch-kulturelle Bereich sind ebenso wichtige Qualitätsindikatoren für gute Schulen wie Deutsch und Mathematik.
3. Öffentliche Schulrankings spornen zu pädagogisch unsinnigen Aktivitäten an. Schulen/Lehrkräfte versuchen, gute Ergebnisse mit allen Mitteln zu erreichen. Sie "beurlauben" schwache Schülerinnen und Schüler am Testtag oder "entledigen" sich ihrer generell durch Entlassung aus der Schule, sie geben während der Tests unerlaubte Hilfen, pauken wochenlang Testaufgaben ("teaching to the test"), vernachlässigen langfristige Entwicklungsaufgaben, werden ängstlich und wagen seltener neue pädagogische Wege. Im deutschen Schulsystem werden Sonderschulüberweisungen, Klassenwiederholung und Schulformwechsel "nach unten" zunehmen.
4. Schulvergleiche auf der Basis punktueller Tests sind unfair, weil sie die soziale Situation der einzelnen Schule nicht berücksichtigen. Wird allerdings die soziale Situation beim Ranking berücksichtigt und öffentlich berichtet, werden Schulen mit sozial schwacher Schülerschaft stigmatisiert.
5. Schulranking in Kombination mit freiem Elternwahlrecht - wie in Nordrhein-Westfalen für die Grundschulen geplant - vergrößert die Leistungsunterschiede zwischen den Schulen und führt zu weiterer sozialer Entmischung. Denn nur gut situierte Eltern können für ihre Kinder weite Schulwege organisieren. Die stark nachgefragten guten Schulen können sich zudem die besten Schüler aussuchen.
6. Das grundsätzliche Problem des Wettbewerbs zwischen Schulen liegt darin, dass Gewinner und Verlierer produziert werden, statt auf die positive Entwicklung jeder einzelnen Schule zu setzen. Wer auf eine "Verlierer-Schule" geht, ist stigmatisiert. Wenn die "schlechte" Schule dann auch noch eine Hauptschule ist, ist der Schüler/die Schülerin doppelt stigmatisiert. Die Hauptprobleme des deutschen Schulwesens - die große Risikogruppe, die enge Kopplung von Schulleistung und sozialer Herkunft, die große Chancenungleichheit - werden durch Schulranking nicht gemindert sondern verschärft.
Literaturhinweise:
Grit Arnhold, Gabriele Bellenberg, Neue Bildungschancen für NRW? Eine kritische Sichtung schulpolitischer Ziele und geplanter Maßnahmen der neuen Landesregierung. In: Die Deutsche Schule 2005
Isabell van Ackeren: Nutzung großflächiger Tests für die Schulentwicklung. Exemplarische Analyse der Erfahrungen aus England, Frankreich und den Niederlanden. Hrsg. Bundesministerium für Bildung und Forschung. 2003
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