´Integration´ bleibt Fremdwort für Unionspolitiker
Einige Hauptschüler der Berliner Rütli-Schule haben es geschafft, dass namhafte Unionspolitiker – allen voran Bayerns Ministerpräsident Stoiber – ihr wahres Gesicht in Sachen Integration zeigen. Ihr Credo lautet: "Wer sich nicht integriert, wird ausgewiesen." Damit beweisen maßgebliche Politiker von CDU und CSU, dass sie unter Integration vor allem Assimilation, die hundertprozentige Anpassung an die "deutsche Leitkultur", verstehen. Integration ist aber ein Prozess auf Gegenseitigkeit und keine Einbahnstraße.
04.04.2006 Bayern Pressemeldung GEW BayernOskar Brückner, Vorsitzender der GEW Bayern: "Das eigentlich Erschreckende an den Berliner Vorfällen ist, dass keiner nach den Ursachen fragt, sondern nur nach Polizeikontrolle und hartem Durchgreifen gerufen wird. Dass eine Schule offen zugibt, dass sie ihre Probleme mit eigener Kraft nicht mehr lösen kann, bedeutet kein Versagen der Lehrkräfte, sondern zeigt das Versagen der Integrations- und Bildungspolitik des Bundes und der Länder. Unser hierarchisch gegliedertes Schulsystem erzeugt durch seine systematische Ausgrenzung eine Mixtur von Frustration, Misserfolgserlebnissen und Perspektivlosigkeit, die Resignation und Gewaltbereitschaft verstärkt."
Dass Stoiber und anderen Unionspolitikern dazu nochmals nur eine Ausgrenzungs- und Selektionspalette von Erziehungsheim, Jugendknast, separaten Klassen außerhalb der Regelschulen oder gar der Ausweisung einfallen, zeigt die völlige Unfähigkeit, mit diesem Problem angemessen und lösungsorientiert umzugehen. Statt den zugewanderten Familien adäquate und ausreichende Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten für eine Integration zu geben, will jetzt die bayerische Staatsregierung per Gesetzesänderung Kindern ohne ausreichende Deutschkenntnisse den Zugang zu schulischer Bildung verweigern.
Oskar Brückner: "Das Gegenteil ist richtig; frühe Sprachförderung – natürlich auch für deutschsprachige Kinder – ist originäre Aufgabe der Kindergärten und der Schule. Dafür muss ausreichend und qualifiziertes Fachpersonal zu Verfügung stehen. Während Finnland Migrantenkindern je nach Bedarf bis zu 20 Wochenstunden über mehrere Jahre Sprachförderung kostenlos erteilt, gewährt das bayerische Kultusministerium hierfür ein Jahr lang 4 Wochenstunden."
Die GEW Bayern fordert eine gebührenfreie interkulturelle Bildung und Erziehung von Anfang an. Das bedeutet u.a., dass an jeder Bildungseinrichtung mindestes ein Pädagoge oder eine Pädagogin mit Migrationshintergrund beschäftigt sein muss. Auch die Integrations- und Sprachkurse für die Erwachsenen sind nach dem neuen Zuwanderungsgesetz der Bundesregierung dramatisch unterfinanziert – bei Stundenzahl und Qualität der Sprachkurse muss erheblich nachgebessert werden.
Besonders in Bayern besteht ein erhebliches Defizit bei der Bildungsgerechtigkeit. Die ethnische und soziale Herkunft entscheidet in keinem anderen Bundesland so stark über den Schulerfolg. In den Hauptschulen und Förderschulen für Lernbehinderte konzentrieren sich Jugendliche mit vielfältigen und sehr unterschiedlichen Problemen. Die Behauptung, hier könnten sie "begabungsgerecht" besonders gefördert werden, ist wissenschaftlich und durch die Wirklichkeit vielfach widerlegt. Nach der PISA-Studie 2003 betrug der durchschnittliche Rückstand von Hauptschülern gegenüber Gymnasiasten in Mathematik und in der Lesekompetenz in Bayern ca. vier Schuljahre. Auch die Förderung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund gelingt Bayern, gemessen am Schulerfolg, außerordentlich schlecht. Der Anteil der Migrantenschüler an den Haupt- und Förderschulen ist weit überdurchschnittlich hoch und an den Realschulen und Gymnasien liegt Bayern im Ländervergleich an letzter bzw. vorletzter Stelle. Das Einsortieren in verschiedene Schularten führt zur Ghettoisierung und verstärkt die ungerechte Selektion.
Die GEW Bayern unterstreicht erneut die Bedeutung "Einer Schule für alle Kinder", eines integrierten Schulsystems, in dem Demokratie und soziales Verhalten gelernt und gelebt werden und in der es vielfältige Unterstützungsangebote für Schüler und Lehrer geben muss. Die anderen Professionen, Psychologen, Sozialpädagoginnen oder Sozialarbeiter sowie Sonderpädagogen, dürfen nicht erst im Katastrophenfall, sondern müssen den Schulen dauerhaft präventiv zur Verfügung stehen.
Oskar Brückner: "Der Hinweis auf Kosten und angeblich leere Staatskassen braucht gar nicht erst bemüht werden. Wer rechnen kann, investiert rechtzeitig. Der PISA-Sieger Finnland macht es vor. Dort gibt es ein lückenloses gebührenfreies Netz an flexiblen und sehr effektiven Unterstützungssystemen von der Geburt des Kindes an, über die Kindergärten und Schulen bis zur Universität. Dabei gibt Finnland insgesamt nicht sehr viel mehr Geld für Bildung aus als Deutschland. Prävention kommt eben billiger als nachträgliche teure Reparaturen."
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