Bildschirmfrei – ist das vorbei?
Ob es bereits in der Kita digitale Medien und KI braucht, wird öffentlich kontrovers diskutiert. Eine Medienpädagogin erklärt, warum Tablets und Roboter auch in der frühkindlichen Bildung ihren Platz haben, Erzieher:innen Entwicklungsgespräche mit Eltern aber weiterhin persönlich führen sollten. Interview: Franziska Schuberl
17.02.2026 Bundesweit Artikel Meine KitaMeine Kita: Digitale Medien und Künstliche Intelligenz halten Einzug in immer mehr Bereiche unseres Lebens. Gehören sie auch schon in die Kita?
Susanne Eggert: Ja, aber mit Maß und Verstand. Kinder wachsen heute selbstverständlich mit digitalen Geräten auf: Sprachassistenzsysteme wie Alexa, Smartwatches, Tablets, smartes Spielzeug. Manche Zahnbürsten sind vernetzt, in Haushalten stehen smarte Kühlschränke. Wenn Kinder damit in Berührung kommen, dürfen wir sie diesen Einflüssen nicht einfach aussetzen. Wir tragen die Verantwortung, sie zu begleiten und ihnen zu helfen. Damit sie verstehen, was da eigentlich passiert.
Wie können Erzieher:innen komplexe Dinge wie Künstliche Intelligenz denn kindgerecht erklären?
Am besten spielerisch. Zum Beispiel können sie die KI ein Tier zeichnen lassen und die Kinder be- stimmen, wie es aussehen soll. Dann merken sie: Je genauer sie beschreiben, desto besser wird das Ergebnis. So verstehen sie, dass eine KI nur das kann, was Menschen ihr beigebracht haben. Sie ist keine Person, sondern eine Maschine, die nach Regeln arbeitet. Dieses Verständnis ist heute schon für Vorschulkinder wichtig.
„Bildschirmfrei unter drei“, so lautet eine bekannte Faustregel. Stimmen Sie dem zu?
Nicht pauschal. Ein einjähriges Kind darf mit seinen Eltern oder seiner Erzieherin Fotos auf dem Tablet ansehen – das ist nichts Schlechtes. Aber ein Film mit schnellen Schnitten etwa überfordert ein Kleinkind. Entscheidend ist immer der Entwicklungsstand. Haptische Erfahrungen bleiben die Basis. Digitale Medien können das ergänzen, aber niemals ersetzen. Generell gilt: lieber kurze Einheiten der Mediennutzung, viel Abwechslung und zwischendurch wieder analog spielen, toben, basteln. Kinder müssen die Welt auch begreifen – im wörtlichen Sinn.
Wie lange sollten Kinder in der Kita digitale Medien nutzen dürfen?
Solche Orientierungswerte – „eine halbe Stunde am Tag, eine Stunde ab vier Jahren“ – sind höchstens grobe Richtwerte. Wichtiger ist die Balance. Lieber zehn Minuten konzentriert etwas am Tablet machen, dann wieder zwei Stunden analog spielen. Wenn ein Vierjähriger eine Stunde am Stück vor dem Bildschirm sitzt, ist das zu viel. Entscheidend ist, dass Kinder von Anfang an lernen: Medien gehören zum Leben, aber sie sind nur ein Teil davon.
Also digitale Medien nur als Ergänzung?
Genau. In der Kita geht es um frühe Bildung, nicht um Freizeitbeschäftigung. Digitale Medien sind ein Werkzeug – so selbstverständlich wie Stift, Papier oder Schere. Sie dürfen aber nie den Ton angeben.
Susanne Eggert ist fachliche Leitung am JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in München. Sie forscht und berät zu den Themen Medienbildung, Digitalisierung und KI in der frühen Kindheit.
Was bedeutet das konkret für den Kita-Alltag?
Es braucht klare Regeln. Kinder sollen wissen, wann sie Medien nutzen dürfen – und wann nicht. Etwa beim Essen oder im Morgenkreis bleiben Tablets aus. Ich halte es für wichtig, dass die Erzieher:innen solche Regeln mit den Kindern besprechen und aushandeln. Selbst Dreijährige können schon sagen, was sie für gerecht halten. So lernen sie, Verantwortung zu übernehmen.
Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse dazu, wie digitale Medien Kinder beeinflussen?
Es gibt erste Hinweise, dass Kinder, die kreativ mit digitalen Medien arbeiten – also selbst fotografieren, filmen oder erzählen – mehr davon profitieren als jene, die nur konsumieren. Das zeigen Studien des JFF und auch der medienpädagogischen Forschungsverbünde. Ab dem kommenden Jahr starten zudem neue Förderprojekte zur Digitalisierung in der Frühen Bildung. Wir werden bald deutlich mehr darüber wissen.
Welche Chancen bieten digitale Medien in der Frühpädagogik?
Sie können Kreativität, Sprachkompetenz und soziales Lernen fördern. Wenn Kinder zusammen einen kleinen Film drehen, etwa mit Apps wie Stop Motion oder Puppet Pals, denken sie sich Geschichten aus, verhandeln Rollen, üben Sprache und lernen, wie ein Film entsteht. Sie begreifen: Das, was sie sonst im Fernsehen sehen, ist gemacht. Das gilt auch für das Fotografieren – das lieben viele Kinder. Wenn sie sich gegenseitig fotografieren, kann man mit ihnen besprechen, ob sie das Foto schön finden, wer es sehen darf. So entsteht Medienkompetenz und ganz nebenbei ein Bewusstsein für Datenschutz.
Welche Risiken bestehen dabei für die Kinder?
Überforderung, Reizüberflutung, falsche Nutzung. Deshalb ist Begleitung so wichtig. Kinder brauchen Erwachsene, die mit ihnen über Medien sprechen. Kinder sollen jederzeit fragen können. Und Erwachsene müssen aktiv nachfragen – etwa, wenn ein Kind still vor einem Tablet sitzt: „Was machst du da?“ oder „Wie gefällt dir das?“ Medienbildung ist kein Selbstläufer. Sie lebt vom Dialog.
Wie kann die Kita Eltern in der Medienerziehung unterstützen?
Durch Transparenz und Zusammenarbeit. Eltern sollten wissen, wie und warum die Einrichtung digitale Medien einsetzt. Umgekehrt kann die Kita Tipps geben, wie Eltern zu Hause für Balance sorgen. Wenn beide Seiten an einem Strang ziehen, entsteht ein konsistenter Rahmen – und das ist für Kinder enorm hilfreich.
Viele Kita-Teams zögern noch beim Einsatz digitaler Medien – wie lässt sich diese Hemmschwelle abbauen?
Durch Ausprobieren! Es gibt großartige Unterstützungsangebote, etwa vom Verein Blickwechsel in NRW, oder in Bayern die Kampagne „Startchance kita.digital“. Ein halber Fortbildungstag genügt oft, um Berührungsängste abzubauen. Viele denken bei digitalen Medien nur an Kinder vor Bildschirmen, dabei kann digitales Lernen so lebendig sein. Man kann etwa Suchspiele mit Tierlauten gestalten, Objekte einer bestimmten Farbe mit der Kamera suchen oder Tablets nutzen, um Naturgeräusche aufzunehmen. Das ist alles Medienbildung – und macht Spaß.
Manche Kitas fürchten den Datenschutz.
Verständlich, aber lösbar. Es ist kein Grund, Medien zu meiden. Heute gibt es viele datenschutzkonforme Angebote. Wichtig ist, die Eltern von Anfang an einzubinden und schriftlich festzuhalten, was erlaubt ist. Wer unsicher ist, kann sich auch an Datenschutzbeauftragte oder medienpädagogische Fachstellen wenden.
Müsste auch die Politik mehr in die Digitalisierung von Kitas investieren, ähnlich zum „Digitalpakt Schule“?
Definitiv. Wir brauchen eine verbindliche Förderung – ähnlich wie an Schulen. Viele Kitas scheitern schlicht an der Ausstattung. Sie würden gern mehr machen, haben aber keine Mittel oder nur alte Geräte. Es reicht nicht, Tablets anzuschaffen – die Fachkräfte müssen auch wissen, wie sie diese pädagogisch nutzen können. Ein Digitalpakt Kita sollte daher Geräte finanzieren, aber auch Fortbildungen. Nur so entsteht echte Medienbildung: mit moderner Technik und geschulten Fachkräften.
Digitale Tools können die Fachkräfte in der Kita auch entlasten.
Absolut. Kita-Apps erleichtern die Organisation und Elternkommunikation, digitale Portfolios sparen Platz und Zeit. Übersetzungsfunktionen helfen bei Sprachbarrieren. Aber digitale Tools ersetzen kein persönliches Gespräch. Entwicklungsgespräche gehören immer an den Tisch, nicht an den Bildschirm.
Die Technik schreitet immer schneller voran. Gehören für Sie auch Roboter in die Kitas?
Wenn dosiert eingesetzt, ja. Mit kleinen Robotern wie „Bee-Bots“ oder „Ozobots“ können Kinder erste informatische Grundprinzipien verstehen: etwa, dass ein Roboter nur das tut, was man ihm vorher befohlen hat. So wird Technik für die Kinder durchschaubar, aber sie bleibt spielerisch. Ein Roboter ist kein Ersatz für Bauklötze, sondern eine neue Möglichkeit, logisches Denken zu fördern. Entscheidend ist, dass es nicht um Technikspielzeug geht, sondern um Lernanlässe – zum Beispiel Wege planen, zählen, Reaktionen auslösen oder Richtungen verstehen.
Sollten Tablets oder Roboter für die Kinder jederzeit zugänglich sein?
Lieber nicht. Aus den Augen, aus dem Sinn – das hilft. Ich würde die Geräte zeitweise wegräumen, zum Beispiel während des Morgenkreises oder in der Essenszeit, so wie es auch für anderes Spielzeug geregelt ist. Digitale Medien sollten aber nicht nur für Projekte genutzt werden, sondern auch für den spontanen Einsatz zur Verfügung stehen. Hier ist es sinnvoll, klar zu regeln, wann die Kinder sich diese einfach nehmen können und wann sie nachfragen müssen. Digitale Medien sollten gezielt genutzt werden, aber nichts Besonderes sein.
Wie blicken Sie auf die Zukunft der frühkindlichen Bildung?
Die Digitalisierung wird weitergehen, KI wird allgegenwärtig. Umso wichtiger ist, dass Kitas diesen Wandel pädagogisch gestalten. Analoge und digitale Lernwelten gehören zusammen. Dafür brauchen wir gut ausgebildete Teams – und zwar alle, nicht nur einen Medienbeauftragen oder eine Medienbeauftrage im Team. Die Verantwortung liegt hier bei Trägern und Politik gleichermaßen, aber auch bei den Leitungen – denn bei diesen Personen entscheidet sich oft, ob in einer Kita etwas vorangeht oder blockiert wird. Wo aber Neugier herrscht, entsteht Bildung.
Dieser Artikel ist zuerst im Magazin Meine Kita Ausgabe 4/2025, S. 6-8 erschienen.
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