Gastbeitrag

Das große Ganze sehen

Viel zu wenig Zeit bei der Übergabe, Konflikte mit Eltern oder im Team: Herausforderungen im Kita-Alltag erfordern Lösungen. Die systemische Beratung kann dabei helfen. Von Sandra Leitl

22.07.2021 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Die dreijährige Marie* tut sich schwer, wenn sie sich von ihrer Mama verabschieden muss. Sie weint sehr viel, will nicht loslassen. Die Fachkräfte versuchen alles Mögliche, um sie abzulenken und zu motivieren und möchten Marie so helfen. Die Gründe, warum sie so viel weint, können sich die Mutter von Marie und die Fachkräfte nicht erklären. Bei diesem Fall kann die systemische Beratung helfen.

Egal ob Leitung, Erzieherin im Gruppendienst oder „Springer“ – Themen wie Personalmangel, gestresste Eltern oder Bürokratie fordern das Team in der Kita. Eltern wünschen sich flexible Bring- und Abholzeiten mit ausführlichen, individuellen Tür- und Angelgesprächen sowie längere Betreuungszeiten. Oft erwarten sie, dass die Gewohnheiten der Kinder, die sie von zu Hause kennen, berücksichtigt werden. Dadurch entsteht Druck bei der Leitung, den pädagogischen Fachkräften, den Kindern sowie den Eltern, diesen Spagat für alle Beteiligten gut zu meistern. Eine systemische Beratung erkennt vorhandene Ressourcen und findet Lösungen.

Systemtheorie als Grundlage

Die systemische Beratung bezieht sich auf die Grundlagen der Systemtheorie, der systemischen Familientherapie und der Beratungswissenschaft. Derzeit gibt es keine einheitliche Definition von systemischer Beratung. Sie erklärt das Verhalten eines Menschen nicht isoliert aus ihm selbst heraus, sondern aus seiner Umwelt und seinen Beziehungen. 

Menschen sind Teil eines großen sozialen Geflechtes. Sie leben in sozialen Verbindungen, in denen Wechselwirkungen und Dynamiken entstehen. Daraus können wiederum Schwierigkeiten, Unruhen und Unstimmigkeiten aus der Interaktion mit der Umwelt sowie ihren Beziehungen resultieren. Die systemische Beratung greift auf eine Vielzahl von Methoden zurück, die sich auch im Kita-Bereich anwenden lassen. Sie müssen individuell auf die jeweilige Person abgestimmt werden. Wichtig sind dabei zum Beispiel systemische Fragetechniken wie das zirkuläre Fragen, also beispielsweise „Was denkst du, würde der Vater des Kindes sagen?“ oder W-Fragen, also wo, wann, wie, weshalb und wer.

Wichtig ist am Anfang jeder Beratung die Auftragsklärung: Was ist das konkrete Anliegen der Eltern? Was genau ist das Thema des Teamkonfliktes? Nur wenn dieser Auftrag klar ist, können alle eine zufriedenstellende Lösung erarbeiten.

Methodenkoffer bei Marie

Auch bei Marie hat sich die Bringsituation am Morgen mit Hilfe der systemischen Beratung, zu der ihre Mutter ging, entspannt. Ihr Anliegen war, herauszufinden, was die Übergabe in den Kindergarten morgens so erschwert und warum Marie dabei immer weint.

Zu Beginn der systemischen Beratung erfolgt ein ausführliches Anamnesegespräch, in dem die Kita-Fachkraft Informationen über die Herkunftsfamilie der Mutter, die aktuelle Lebenssituation der Familie und aktuelle Belastungen oder Krankheiten abfragt. Die Fachkraft kann hierbei, um die Komplexität der Familie visuell zu verdeutlichen, bereits ein Genogramm, eine Art Familienstammbaum, erstellen. Durch dieses Gespräch wird deutlich, dass die Mutter von Marie noch nicht über den Verlust ihrer eigenen Mutter hinweg ist. Zudem ist ihr Mann, der Vater von Marie, seit einem Jahr vermehrt beruflich unterwegs. 

Um die Beziehung von Marie und der Mutter visuell zu verdeutlichen, wird anhand des Familienstammbaumes die Beziehung Mutter, Vater und Marie und die Beziehung der Mutter zu Ihrer eigenen Mutter gestellt. Durch diese Methoden und anhand von systemischen Fragetechniken wurde Maries Mutter klar, dass sie seit dem Tod ihrer eigenen Mutter und dem häufigen Wegbleiben ihres Mannes an Marie klammert. Sie nimmt Marie als Halt wahr, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Anschließend wird diese Erkenntnis anhand eines Modells nach Salvador Minuchin verdeutlicht. Das Modell geht davon aus, dass sich Mitglieder der Familie auf vier unterschiedlichen Ebenen bewegen: der Individual-Ebene, Paar-Ebene, Eltern-Ebene und Kind-Ebene. 

In einer weiteren systemischen Beratungsstunde wird der Mutter von Marie klar, dass sie ihr Kind auf die Paarebene hebt. Sie vermischt die Elternebene mit der Paarebene dadurch, dass sie Halt bei Marie sucht, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Durch diese Verdeutlichung in den Beratungsstunden konnte die Mutter ihr Verhalten besser reflektieren und verstand auch, dass sie es war, die Marie nicht loslassen konnte und das Kind dies spüren ließ. Durch die systemische Beratung gelang es der Mutter, ihre Einstellung und ihre Haltung zu ändern. Es dauerte nicht lange, bis der Mutter der Abschied leichter fiel und somit Marie auch nicht mehr weinte.

* Name geändert

Weiterbildung zur systemischen Beratung

Es gibt viele Möglichkeiten, sich selbst zur systemischen Beraterin oder zum Berater aus- und weiterzubilden und so neuen Input in das Kita-Team zu bringen. Das Angebot reicht von privaten Instituten in Großstädten wie München, Hamburg oder Köln zu öffentlichen Bildungseinrichtungen wie den Volkshochschulen, VHS. Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie, DGSF, stellt Zertifikate für Absolventinnen und Absolventen DGSF-anerkannter Weiterbildungen aus. 

Die Kosten für die Ausbildung sind unterschiedlich und können bis zu 8000 Euro betragen. Auch die Inhalte und die Dauer unterscheiden sich – bis zu zwei Jahre kann die Ausbildung dauern.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 2/2021, S. 42-44, www.meine-kita.de


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