Gastbeitrag

Die Bedeutung der Kommunikation

Warum entwickelte sich der Mensch zu dem, was er ist? Der entscheidende Vorteil: seine Kommunikation. Und auch in Zukunft wird diese Kompetenz entscheidend sein für einen erfolgreichen Bildungsweg. Von Prof. Wassilios E. Fthenakis

13.07.2021 Bundesweit Artikel Meine Kita, Prof. Dr. mult. Wassilios Fthenakis
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Spätestens seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts diskutieren Bildungsexpertinnen und -experten die Frage nach den Zukunftskompetenzen weltweit. Sie erkannten, dass die Vermittlung von Wissen für die Bewältigung anstehender Probleme in Gegenwart und Zukunft nicht mehr ausreichend sein kann. Nun konzentrierten sie sich auf die Frage, welche Kompetenzen Kinder benötigen, um den Herausforderungen einer sich wandelnden Welt zu begegnen. Darüber gibt es nun eine lebhafte Debatte, die auf bestimmte Rahmenwerke zurückgreift und die Implementation solcher Konzepte in etlichen Bildungssystemen zum Fokus hat.

Am Anfang war das Wort

In den meisten Rahmenwerken oder Bildungsplänen nimmt die Kommunikationskompetenz als eine der Zukunftskompetenzen einen prominenten Platz ein. Im Hessischen Bildungsplan wird die Vision „kommunikationsfreudige, medien- und digitalkompetente Kinder“ kodifiziert. Ähnliches findet sich auch im englischen Curriculum „Wach, neugierig, klug – Kinder unter drei Jahren“. In diesem Curriculum stellt das kommunikationsfreudige Kind eine der vier Lernziele dar und umfasst die Subdimensionen: mit anderen zusammen sein; eine eigene Stimme entwickeln, zuhören und antworten sowie verstehen und verständlich machen. Für jede Subdimension werden Ziele definiert, die entwicklungsangemessen erreicht werden sollen. Diese und weitere Bildungspläne bauen auf Erkenntnissen der Anthropologie, Entwicklungspsychologie, Soziologie und Neurowissenschaften auf, die fundierte Erkenntnisse zur Entwicklung kommunikativer Kompetenz bei Kleinkindern vorgelegt haben.

Der Anthropologe Claude Owen Lovejoy hat 1981 eine Theorie über die Anfänge des Homo Sapiens vorgelegt. Er stellte die bis dahin geltende Auffassung in Frage, wonach der zweckvolle Gebrauch von Werkzeugen die Entwicklung zum modernen Menschen eingeleitet haben soll und argumentierte, dass eine andere Entwicklung vorher stattfand: Eltern hatten gelernt, mit ihrem Säugling zu kommunizieren und zu interagieren. Diese Kommunikation stimulierte die Entwicklung des kindlichen Gehirns. Das Gehirn wurde dadurch so gut entwickelt, dass Menschen den Einsatz komplexer Werkzeuge erlernen konnten.

Man könnte sagen: Der Beginn der Menschheit ist mit der Fähigkeit zu kommunizieren eng verbunden. Studien der Forscher Hannes und Mechtilde Papuschek vom Max Planck Institut in München konnten zeigen, dass die Qualität der frühen Interaktions- und Kommunikationsprozesse die kindliche Entwicklung beeinflusst. Der Psychologe Jérôme Seymour Bruner wies 1983 darauf hin, dass Säuglinge bereits in den ersten Lebenswochen die Kompetenz entwickeln, Mimik und Gestik zu imitieren. Andere Forscher haben gezeigt, dass der Fötus im Uterus eine wachsende Sensibilität für die Stimme der Mutter und die Rhythmen ihrer Sprache entwickelt. Mütter verändern ihr Kommunikationsverhalten nach der Geburt, indem sie eine hohe Tonlage verwenden, mit Gestik und Mimik auf das Neugeborene reagieren und ihr ganzes Verhalten so umstellen, dass es eine gute Grundlage für Kommunikation
und Interaktion mit dem Neugeborenen bietet.

Wenige Wochen nach der Geburt zeigen Säuglinge eine Verbundenheit mit Personen, mit denen sie kommunizieren, mit Lächeln, Lippenbewegungen, Gesichts- und Handbewegungen. So entwickelt sich langsam eine stabile und vertrauensvolle Beziehung, die sich über Kommunikation und Interaktion weiterentwickelt und verfestigt.

Kommunikation durch Ko-Konstruktion

Die Frage für die Praxis lautet: Wie kann jedes Kind zu einem kompetenten Kommunikator werden? Wie kann Kommunikation in allen Lernbereichen und an allen Lernorte gestärkt werden? Für alle diese Fragen gibt es heute eine Antwort. Das neue Verständnis von Bildung und der Rolle der sozialen Interaktion kommt uns hier entgegen. Interaktionen finden zwischen Individuen und neuerdings zwischen Individuen und neuen Technologien statt. Und die Organisation des Lernprozesses kann am besten mittels der Ko-Konstruktion stattfinden. Dieser Ansatz lädt jedes Kind ein, seine eigenen Ideen zu präsentieren, den Diskurs aktiv mitzugestalten und gemeinsam mit anderen Kindern und Erwachsenen zu lernen. Ko-Konstruktion erweist sich als ein inklusiver und diskursiver Ansatz und stärkt kommunikative Kompetenz. Und dies auf der Grundlage gegenseitiger Akzeptanz und Wertschätzung.

Es ist für die frühpädagogische Praxis von größter Bedeutung, schon früh kommunikative Kompetenzen zu stärken und sich mit der Frage nach den Zukunftskompetenzen zu befassen, damit Kinder gut auf eine andere als die heutige Welt vorbereitet werden. Eine Herausforderung – aber zugleich eine spannende Aufgabe für Fachkräfte und Eltern.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 2/2021, S. 6-7, www.meine-kita.de



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