didacta-Themendienst

Grenzen in der Kita: „Du darfst auch ‚Nein‘ sagen.“

In der Kita ist es für Kinder wichtig, Selbstbestimmung zu erleben - aber auch Grenzen kennenzulernen und selbst zu setzen. Darin ist sich die Prozess- und Organisationsbegleiterin Ursula Günster-Schöning sicher. Doch auch für Erzieherinnen und Erzieher haben Grenzen im Arbeitsalltag eine wichtige Bedeutung.

15.04.2021 Bundesweit Artikel Martin Stengel
  • © Stefan Schöning Ursula Günster-Schöning ist systemische Prozess- und Organisationsbegleiterin, systemischer Coach (DGSF), SeniorCoach QRC und pädagogische Koordinatorin, staatlich anerkannte Sozialfachwirtin.

    Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung im Rahmen des Interviews verwendet werden.

Frau Günster-Schöning, sie werden auf der diesjährigen didacta zum Thema Grenzen setzen sprechen? Aber fangen wir doch andersherum an: Warum ist es bereits in der Kita wichtig, dass Kinder Selbstbestimmung erfahren?
Weil es wichtig ist, gut für sich zu sorgen, und zu erleben, dass ich als Persönlichkeit respektiert werde. Kinder sollen spüren: Da ist jemand, der mich ernst nimmt, der auch mein „Nein“ respektiert. Er zeigt mir aber auch auf, dass ich in einer sozialen Gemeinschaft heranwachse und von daher eine eigene Meinung haben darf, die aber nicht immer durchgesetzt werden kann. 

Welche Rolle spielt es für die Selbstbestimmung von Kindern in der Kita auch Grenzen kennenzulernen und mit diesen umgehen zu müssen?
Es gibt generelle Regeln, an die sich alle zu halten haben, wie zum Beispiel, dass wir anhalten, wenn die Ampel rot ist, sowie faktische Grenzen, z.B. Landesgrenzen oder physikalische Grenzen, z.B. eine gemauerte Wand. Und dann gibt es persönliche Grenzen, die erst im Laufe des Lebens reifen. Gerade in den ersten Jahren erleben Kinder, sehr viel begrenzt und reglementiert zu werden. Und deswegen ist es wichtig, dass sie auch ein Pendant kennenlernen, nämlich dass sie selber auch Grenzen setzen dürfen, indem sie zum Beispiel „Nein“ oder „Halt“ sagen.

Was sind denn Situationen, in denen es besonders darauf ankommt, Grenzen zu setzen?
Immer dann, wenn es um den eigenen Körper geht. Im Krippenbereich ist das Füttern ein Beispiel: Wenn Kinder aus Ablehnung den Kopf wegdrehen, muss ich das ernst nehmen und dieses Signal der Kinder einfangen und interpretieren können. Kinder sollen ein gutes Selbstwertgefühl erleben: Du bist wichtig, deine Wahrnehmung ist wichtig und du darfst auch „Nein“ sagen und eine eigene Meinung haben. Und umgekehrt sollten Kinder auch wissen, dass wir in einer sozialen Gemeinschaft leben und sie daher nicht immer ihren Willen durchsetzen können. 

An welcher Stelle kommt es denn für Erzieherinnen und Erzieher darauf an, ebenfalls Grenzen zu ziehen? 
Das Thema Grenzen umfasst alle, ob nun Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Kinder oder eben auch das gesamte Team. Ich muss mich auch im Team manchmal abgrenzen, wenn es mir zu viel wird oder im Umgang mit den Eltern. Gerade jetzt in der belastenden Situation durch die Pandemie müssen Erzieherinnen und Erzieher Grenzen setzen, etwa wenn sie für etwas verantwortlich gemacht werden, für das sie nichts können. Es geht nicht darum, den Eltern vor den Kopf zu stoßen, aber ganz klar aufzuzeigen: bis hier hin und dann wird eine Grenze überschritten. 

Und worauf sollten die Erzieherinnen und Erzieher achten, wenn sie solche Grenzen ziehen?
Es geht immer darum, den anderen nicht zu verletzen. Ich muss dafür auch Strategien kennen, wie ich beispielsweise mit Widerstand umgehen kann. In Gesprächen mit Eltern muss ich manchmal auch zum Wohle des Kindes Dinge ansprechen, die eine Mutter oder ein Vater vielleicht nicht gerne hören möchten. Hier muss ich gut abwägen, wie ich eine Grenze ziehen oder jemanden auf eine Grenze hinweisen kann.

Wie wichtig ist es denn, Grenzen auch einmal zu überschreiten?
Mit Blick auf die Kinder ist es wichtig, dass sie auch Grenzerfahrungen machen, und das auch proaktiv und intrinsisch motiviert. Einfach mal testen: Was passiert, wenn ich eine Grenze überschreite? Es gibt manche Grenzen, die müssen eingehalten werden, weil sie Schutz bieten. Auf der anderen Seite dürfen Kinder auch spüren, dass sie manche Grenze überschreiten können, und dann stellen sie fest, dass dies Folgen, gar Konsequenzen haben kann.

Hier finden Sie das Interview in Bild und Ton: 

Über die didacta 2021
Die didacta 2021 ist das virtuelle Live-Event für die Bildungsbranche. Vom 10. bis 12. Mai 2021 führt Europas führende Bildungsmesse wieder Lehrkräfte, ErzieherInnen, AusbilderInnen sowie Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. Starke PartnerInnen aus Bildungsinstitutionen, Ministerien, Lehrer- und Fachverbänden und der Bildungswirtschaft sowie innovative BranchenexpertInnen präsentieren auf der Online-Plattform an drei Tagen ihre neuesten Produkte und Bildungskonzepte. Teilnehmende erhalten in Live-Chats Beratung von jedem Ort der Welt. Ein umfassendes Programm mit spannenden Diskussionen, Key Notes und lösungsorientierten Produktpräsentationen thematisiert aktuelle Entwicklungen, bietet Möglichkeiten zum Dialog und zeigt Wege für Gegenwart und Zukunft. Die Veranstaltung wird unterstützt vom Kultusministerium Baden-Württemberg. 

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Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2021 finden Sie unter www.didacta.digital und www.facebook.com/didacta-messe.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Quellenangabe: Dieser Beitrag erschien zuerst im didacta Themendienst.

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