Interview

"Das Wie ist entscheidend"

Essen ist weit mehr, als nur Hunger zu stillen. Es ist ein Raum der Begegnung. Was bei der Esskultur in Kitas beachtet werden muss. Interview Tina Sprung

28.06.2021 Bundesweit Artikel Tina Sprung, Meine Kita
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Meine Kita: Wie sieht das perfekte Mittagessen in der Kita aus?
Andrea Maier-Nöth: Das gibt es nicht. Aber man kann auf einige Dinge achten: Kinder sollten gegartes Gemüse immer mit konzentrierter Energie, also beispielsweise in Kombination mit Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Fleisch, Fisch oder Eiern, essen. Dann bekommt ihr Körper das richtige Signal: Hier werde ich satt! Es ist wichtig, Vielfalt anzubieten: viel Gemüse, viele Hülsenfrüchte, Nüsse, Fisch. Auch frisch aufgeschnittene Möhren, Kohlrabi, Gurken und Paprika essen viele Kinder sehr gerne. Essenziell ist es, auf das „Wie“ zu
achten.

Wie meinen Sie das?
Pädagogische Fachkräfte sollten eine Esskultur in der Kita schaffen. Das ist erstmal eine Herausforderung und gelingt nicht immer – Kinder sitzen teilweise alleine am Tisch, während drum herum Kinder spielen und Tohuwabohu machen. ErzieherInnen fnden oft keine Zeit, sich mit an den Tisch zu setzen oder sitzen lustlos daneben. Dabei spielen das soziale, psychische und pädagogische Umfeld eine große Rolle für eine Mahlzeit, denn sie sind verantwortlich für die Sättigung von emotionalem Hunger: Das Essen ist genauso relevant wie die Tischatmosphäre und das Mitwirken an den Vorbereitungen.

Andrea Maier-Nöth, Gründerin der Eat-Health-Pleasure GmbH, erarbeitet präventive Gesundheits- und Ernährungskonzepte. Sie ist Professorin an der Hochschule in Albstadt-Sigmaringen, ist wissenschaftliche Fachberaterin im Bereich Gesundheitspsychologie und Ernährung für Kinder und Autorin wissenschaftlicher Veröffentlichungen, Fachzeitschriften und Bücher.

Wie kann das im Alltag aussehen?
Die Kinder basteln Tischdekoration, decken und räumen die Tische ab oder singen ein Lied zu Beginn des Essens oder beten zusammen bevor gegessen wird. So gewinnt das gemeinsame Essen an Bedeutung, wichtige Rituale werden antrainiert und so zu einer Gruppenangelegenheit, die allen Spaß macht und an der jeder seinen Anteil hat. Indem Kinder in Sachen Essen miteinbezogen werden, steigert das auch ihre Freude an dem Thema Ernährung.

Welche Möglichkeiten gibt es, um die Freude am Essen zu fördern?
Die Kinder sollten Gelegenheit bekommen, das Essen mitzuplanen und bei der Arbeit zu helfen: Sie dürfen mitbestimmen, sodass auch ihre Lieblingsmahlzeiten mittags serviert werden, oder beim Zubereiten kleiner Speisen aktiv mithelfen – sie sind mitverantwortlich. Spätestens, wenn ein Kind eine Tageseinrichtung besucht, sind die Eltern nicht mehr allein für seine Ernährung verantwortlich. Wichtig ist auch die Selbstbestimmung: Die Kinder dürfen sich selbst einschenken oder Essen auf ihren Teller schöpfen. Die eigene Meinung vertreten, Kompromisse aushandeln und gemeinsam entscheiden – das will gelernt sein. Kinder, die aktiv mitbestimmen dürfen, erleben sich selbstwirksam und lernen, dass ihre Entscheidungen Konsequenzen haben. Allerdings nur dann, wenn Sie als Erzieher so mutig sind, das zuzulassen.

Warum ist die Unterstützung pädagogischer Fachkräfte bei der Ernährung so wichtig?
Pädagogische Fachkräfte können gerade in der frühen Phase die Ernährungsgewohnheiten der Kinder prägen. Sie agieren als Vorbilder für die Kinder. Wenn sie sich auf eine Portion Gemüse freuen, so schmilzt auch bei den Kleinen der Widerstand gegen ein vielleicht noch ungeliebtes und unbekanntes Lebensmittel. Um eine ausgewogene Ernährung gewährleisten zu können, müssen alle Beteiligten zusammenarbeiten und klare Regeln vereinbaren. Da viele Kinder zunehmend auch den ganzen Tag in Kindertageseinrichtungen verbringen, ist es besonders wichtig, dass dort ökologisch angebaute und fair gehandelte Mahlzeiten angeboten werden, um eine gesunde und nachhaltige Ernährung zu entdecken. Fachkräfte könne mit Kindern gemeinsam überlegen: Was ist gesund? Wie schmecken Gurke, Möhren oder ein Apfel? Schmecken oder riechen alle gleich? Wie fühlen sie sich an?

Wie bilden Kinder einen Geschmackssinn aus?
Bei der Geburt können Kinder fünf Geschmacksrichtungen unterscheiden: süß, sauer, salzig, bitter und umami, sprich deftig. Dabei ist eine Vorliebe für Süßes angeboren – die Muttermilch hat eine leicht süßliche Note. Das ist evolutionär bedingt, denn: Giftige Pflanzen schmecken meist bitter, nahrhafte dagegen eher süß. Geschmacksempfnden, Vorlieben und Abneigungen bilden sich im Kleinkindalter. Daher ist es besonders wichtig, Kindern eine breite Vielfalt an Lebensmitteln anzubieten, vor allem den Schwellenwert von Süssem so niedrig wie möglich zu halten und alle anderen Geschmacksrichtungen wie bitter mit grünem Gemüse zu stärken.

Und wenn ein Kind lieber Ketchup, statt Gemüse mag. Wie kann man diese Kinder abholen?
Kinder benötigen Zeit, um einen neuen Geschmack kennenzulernen. Pädagogische Fachkräfte brauchen daher vor allem Durchhaltevermögen! Sie dürfen nicht zu früh aufgeben und dem Kind seine Mäkeleien nicht vorwerfen. Eltern sollten ihr Kind dasselbe Gemüse immer wieder probieren lassen, im Abstand von ein paar Tagen und mindestens achtmal. So kann es sich mit dem Geschmack vertraut machen und lernen, ihn zu mögen. Geduldige Wiederholung ohne Druck und Zwang zahlt sich aus. Und natürlich
die Vorbildfunktion der Erzieher.

Bis zu welchem Alter haben Eltern eine Chance, dieses zu beeinflussen?
Es ist niemals zu spät. Aber: Wenn die Geschmacksknospen der Kinder schon an „ungesunde“ Dinge gewöhnt sind, ist es schwieriger, sie an Obst und Gemüse zu gewöhnen. Zum Glück kann man auch noch bei älteren Kindern umsteuern. Dafür immer wieder Lebensmittel wie verschiedene Gemüse anbieten und nicht zu schnell aufgeben. Eine entspannte Atmosphäre hilft: Wenn das gemeinsame Essen am Tisch als schönes Erlebnis wahrgenommen wird, ist schon viel gewonnen.


Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 1/2021, S. 30-32, www.meine-kita.de.



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