Interview

Die beste Unfallprävention ist Bewegung

Kinder vor Unfällen und Gefahren zu schützen, ist eine Gemeinschaftsaufgabe aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei Annette Kuhlig von der Unfallkasse Berlin können sich Kitas Hilfe holen. Ein Interview von Silvia Schumacher

07.10.2019 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Meine Kita: Frau Kuhlig, mit welchen Fragen wenden sich Kitas an Sie?
Annette Kuhlig: Häufig geht es um Belastungen am Arbeitsplatz und Fragen zur Aufsicht. Oft auch zur Außengestaltung und zu baulichen Sachen. Bei meinem nächsten Termin besuche ich eine Einrichtung, bei der die obere Etage bisher nur durch eine Wendeltreppe zu erreichen ist und nur von über Dreijährigen genutzt werden kann. Nun will die Kita den Bereich auch für U3-Kinder verwenden.

Annette Kuhlig ist stellvertretende Leitung des Sachgebietes Kindertageseinrichtungen und Kindertagespfl ege bei der DGUV – Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Sie berät Berliner Kitas zum Thema Gesundheit und Sicherheit.

Und was genau ist Ihre Aufgabe?
Bei meinem Besuch prüfe ich, was man verändern kann, damit das möglich wird. Manchmal reicht es aus, wenn mir die Kita ein Foto schickt, zum Beispiel, wenn es um eine Hochebene geht, aber in diesem Fall besuche ich die Einrichtung, da größere bauliche Maßnahmen notwendig sein werden. Und bei dieser Gelegenheit frage ich dann auch gleich die anderen großen Themen ab, welche die Sicherheit und Gesundheit betreffen. 

Zum Beispiel?
Die Organisation des Arbeitsschutzes, Brandschutzmaßnahmen oder ob das Infektionsschutzgesetz eingehalten wird. Wir prüfen außerdem, ob alle baulichen Vorgaben in Ordnung sind, das Außengelände den Vorgaben entspricht und die Einrichtung eine Gefährdungsbeurteilung vorliegen hat.

Was genau ist die Gefährdungsbeurteilung?
Nach Paragraf 3 des Arbeitsschutzgesetzes muss der Arbeitgeber, in dem Fall der Träger, dafür sorgen, dass alle Tätigkeiten in der Kita und die Räume auf Gefahren hin geprüft werden. Meistens überträgt der Träger diese Aufgabe an die Leitung. Sie erfasst, wo Gefährdungen für die Kinder oder Belastungen für die Mitarbeiter auftreten können. Danach wird festgelegt, welche Maßnahmen umgesetzt werden müssen, um diese zu beheben. Die Sicherheitsbeauftragte hilft der Leitung dabei.

Sicherheitsbeauftragte?
Ab 20 Beschäftigen (Anm. d. Redaktion: In Kitas sind die betreuten Kinder nach Paragraf 22 im siebten Sozialgesetzbuch bei der Bestimmung der Zahl der Sicherheitsbeauftragten als Beschäftigte zu werten.) ist die Ernennung eines Sicherheitsbeauftragten verpflichtend. Wir empfehlen aber auch kleinen Einrichtungen, dass eine Mitarbeiterin gemeinsam mit der Kita-Leitung für das Thema Sicherheit zuständig ist. Die Verantwortung, dass alle Vorschriften umgesetzt sind, bleibt aber dennoch beim Träger. Kleine Träger wissen das manchmal nicht.

Stellen Sie bei Ihren Kita- Besuchen häufig Mängel fest?
Nein. Die Kitas sind recht gut aufgestellt, schon alleine deshalb, weil die Sicherheit der Kinder durch die Eltern im Fokus steht. Die meisten Träger haben entsprechendes Wissen und engagieren eine Fachkraft für Arbeitssicherheit sowie einen Betriebsarzt. Kleinere Einrichtungen wie Eltern-Kind-Initiativen haben manchmal Schwierigkeiten bei der Umsetzung der baulichen Vorgaben, da die Räume meist gemietet sind. Da muss zum Beispiel häufig der zweite Fluchtweg nachgerüstet werden.

Wie sollte ich als pädagogische Fachkraft handeln, wenn mir in meiner Einrichtung  Mängel auffallen?
Man sollte es der Kita-Leitung melden, die dann gemeinsam mit dem Hausmeister prüft, ob sie die Kita selbst beheben kann. Größere Träger haben auch spezielle Intranets, in denen man den Mangel eingibt und der Träger daraufhin Firmen beauftragt, die den Mangel beseitigen. Spielgeräte müssen ohnehin nach strengen Vorgaben gewartet werden, hier gilt die Norm DIN EN 1176. Somit gibt es regelmäßige Begehungen durch die Firmen.

Was sind die häufigsten Unfallursachen in den Einrichtungen?
Über 80 Prozent sind Bagatellverletzungen: Die Kinder stolpern, laufen gegeneinander, fallen irgendwo hinunter. Unfälle aufgrund technischer Mängel passieren ausgesprochen selten. Das zeigt: Der wichtigste Ansatz bei der Unfallprävention ist Bewegung.

Das heißt konkret?
Einerseits geht es darum, die Räume so zu gestalten, dass Gefahrenquellen vermieden werden. Andererseits ist aber wichtig, dass Kinder möglichst viele Anlässe zur Bewegung bekommen, dass sie klettern, rennen, hangeln können, damit sie lernen, mit Risiken umzugehen, und fit werden – und beim nächsten Mal nicht mehr herunterfallen, sondern das Gleichgewicht halten können. 

Sicherheit in Kitas

  • Während des Aufenthaltes in Tageseinrichtungen sind Kinder gesetzlich versichert. 
  • Das Siebte Buch Sozialgesetzbuch, SGB VII, ist die Rechtsgrundlage für die gesetzliche Unfallversicherung in Deutschland. Kitas müssen sich außerdem an das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) halten. 
  • Einrichtungen müssen die Vorgaben zu den Anforderungen im Innen- und Außenbereich der gesetzlichen Unfallträger einhalten. Die Unfallkassen der einzelnen Länder geben dazu entsprechende Broschüren und Handreichungen heraus, die auf den jeweiligen Websites zu finden sind. 
  • Für das Außengelände und die Spielgeräte gelten spezielle Regelungen, es müssen die Empfehlungen der DIN EN 1176 „Spielplatzgeräte und Spielplatzböden“ beachtet werden. 
  • Jede Kita muss laut Arbeitsschutzgesetz eine Gefährdungsbeurteilung durchführen, um die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten und Kinder zu gewährleisten und wenn nötig zu verbessern. Das Angebot der Unfallkasse NRW unterstützt mit einer virtuellen Gefährdungsbeurteilung.

Hier gibt es allgemeine Infos zum Thema Unfallschutz in Kitas.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: 
Meine Kita - das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 2/2019
https://fruehe-bildung.online/meine-kita


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