Entscheidend ist die Qualität von Bildung und Erziehung der Kleinstkinder

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßt den Vorstoß der Bundesfamilienministerin in Sachen Kinderbetreuung, denn damit wird erstmals nicht mehr darüber diskutiert, ob Kindertagesstätten gebraucht werden oder nicht, sondern wie man dem Mindestbedarf gerecht wird und wie die Finanzierung zu sichern ist.

19.03.2007 Bayern Pressemeldung GEW Bayern

Oskar Brückner, Landesvorsitzender der GEW Bayern: "Die Debatten gehen allerdings nur der Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus der Sicht der Besserverdienenden nach – haben aber nicht die Qualität der Einrichtungen, deren pädagogisches Profil und Professionalität im Blick." Im Sinne der Kinder, deren Eltern bzw. der Erzieher/-innen ist zu berücksichtigen:

  • Die Wahlfreiheit der Eltern darf nicht nur auf die Frage der Unterbringung von Kindern außer Haus reduziert werden. Dieses Wahlrecht soll auch die Entscheidung für eine professionelle Kindertagesstätte oder eine zumeist semiprofessionelle Betreuung durch Tagesmütter umfassen. Dabei muss klar sein, dass in der Kinderkrippe an pädagogischen Konzepten ausgerichtete organisierte Gruppenprozesse ablaufen, während die Qualität der Tagespflege in starkem Maße von Zahl und Alter der Kinder, dem Wohnraum und der Aktivität der Tagespflegeperson bestimmt wird.
  • Sowohl aus professioneller als auch aus der Perspektive des Kindes ist es abzulehnen, private Tagespflege mit Kindertagesstätten gleichzusetzen. Auch Kleinstkinder brauchen Erfahrungen in gleichaltrigen und altersgemischten Gruppen, um Lernpotentiale und Sozialverhalten optimal zu entwickeln. Dieses Konzept kann am besten in Kleinstkindeinrichtungen umgesetzt werden, in denen Kinder und Eltern durch Fachkräfte begleitet werden.
  • Die Alternativen, Kinder einer Tagesstätte anzuvertrauen oder sie zu Hause zu erziehen, schließen sich nicht gegenseitig aus. Vielmehr ergänzen und bedingen sich beide. Intakte Familien stabilisieren den Erfolg guter Einrichtungen und umgekehrt. Der Horizont der Kinder wird erweitert, die Beziehungen zu anderen Kindern und Eltern gefördert. Es entstehen soziale Netzwerke und in vielen Fällen präventive Auffangbecken.
  • Landtagspräsident Alois Glück hat es treffend formuliert: "Nicht die Einrichtung ist das Problem, sondern ihre Qualität. (…) Und wenn umgekehrt ein Kind zuhause keine Erziehung und Zuwendung erfährt, ist auch dort nichts gewonnen."
  • Eine gute Kinderkrippe ist in diesem Sinne eine Einrichtung, die über einen kindgerechten Personalschlüssel verfügt, der individuelle Zuwendung und Förderung für alle Kinder ermöglicht: Eine Fachkraft auf drei bis vier Kinder unter drei Jahren; in altersgemischten Gruppen gilt ein Verhältnis von einer Fachkraft zu sechs Kindern als günstig. Davon ist Bayern weit entfernt. Hier liegt das Verhältnis im Durchschnitt bei eins zu acht – und nur die Hälfte des Personals sind Fachkräfte.
  • Bessere Personalschlüssel sind vor allem durch hohe Elternbeiträge erreichbar, und damit entscheidet auch der Preis einer Kinderkrippe über ihre Qualität. Eine vorausschauende und wirtschaftlich denkende Jugendhilfe müsste diesen Preis auch für Geringverdiener zahlen, um gerade die Kinder in die guten Einrichtungen zu bringen, die am meisten davon profitieren würden. Bisher werden die Kosten aber nur in Notfällen oder unter Verweis auf die billigeren Tagesmütter übernommen.
  • Darüber hinaus werden in Bayerns kinderarmen Gegenden durch den Zwang, die Kapazitäten betriebswirtschaftlich auszunutzen, immer mehr unter 3-jährige Kinder in Kindergärten gesteckt, ohne dass die für Kinderkrippen typische Pädagogik kleinerer Gruppen mit Altersgleichen angeboten werden kann.
  • Die bisher in Medien geführte Diskussion wird vorwiegend von fachfremden Personen bestimmt; sie leidet unter dem Mangel, dass Menschen, die Kleinstkinder betreuen, erziehen und bilden darin keine Rolle spielen.

Die Frage ´Masse oder Klasse´ wird beim heutigen Stand der gesellschaftlichen Debatte zuungunsten der Kinder, Eltern und Erzieher/-innen entschieden werden. Die GEW Bayern fordert deshalb die Einbindung entsprechender Professionen bei der Erarbeitung zukunftsfähiger Konzepte der Kinderbetreuung.

Ansprechpartner

GEW Bayern

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