Interview

„Gebt den Kindern mehr Spielflächen"

Viel Spielfläche, wenig Tische und Stühle im Gruppenraum: Die Raumplanung ist entscheidend dafür, dass Kinder ko-konstruktiv in der Kita lernen können. Ein Interview von Tina Sprung

07.04.2021 Bundesweit Artikel Meine Kita
  • © Andrey Kuzmin - stock.adobe.com

Meine Kita: Herr Schilling, was zeichnet einen guten Kita-Raum aus?
Gottfried Schilling: Dass sich Kinder eigenständig darin betätigen können. Es gibt klare Strukturen, eine erkennbare Ordnung und viel freie Spielflächen. Auch die Raumhöhe wird genutzt.

Der Schreiner und Pädagoge Gottfried Schilling berät Träger, Architekten und Kitas bei der Raumplanung.

Welche Bedürfnisse haben Kinder, wenn es um die Raumgestaltung geht?
Kinder haben das Bedürfnis nach Rückzug. Wenn sie etwas gestalten oder an einem Projekt gearbeitet haben, brauchen sie danach oft Ruhe. Zudem sind sie sehr neugierig – sie wollen die Welt begreifen, verstehen und partizipieren. Sie brauchen Raum und Material, mit dem sie diese gestalten können. Die Räume müssen all diese Bedürfnisse der Kinder erfüllen.

Wann behindern Räume die Bedürfnisse?
Ein klassischer Fehler in Kitas sind zu viele Laufwege, die die Tätigkeit der Kinder stören. Diese Verkehrswege entstehen, wenn Regale an allen Wänden stehen und Kinder dort ständig etwas herausholen. In dieser Umgebung können andere Kinder nicht ungestört spielen. Zudem sollten keine Tische und Stühle mitten im Gruppenraum stehen, denn dadurch entstehen zusätzliche Laufwege.

Wie kann man das verhindern?
Regale gehören in die Verkehrszonen des Eingangsbereiches. Kitas sollten Essbereiche schaffen, die von mehreren Gruppen genutzt werden können und somit Tische und Stühle auf ein notwendiges Minimum im Gruppenraum reduzieren. So entstehen in den Räumen ungestörte Spielflächen. Kinder sollten sich in einem ko-konstruktiven Prozess die Welt erschließen. Dazu ist es wichtig, dass sie ungestört spielen können, denn das Spiel ist, wie schon Einstein sagte, die höchste Form der Forschung.

Was brauchen Kinder noch?
Zeit. Sie sollten möglichst ungestört und eigenständig an einem Projekt arbeiten können und selbst bestimmen, wann sie daran weiterarbeiten wollen. Dazu sollten Materialien nach einer festen Struktur in den Regalen angeordnet sein. Bilder an Boxen tragen dazu bei, dass die Kinder genau wissen, wo sie die Dinge finden. Die Materialien sollten immer zugänglich sein. Wenn möglich, planen wir Sichtfenster zum Flur ein. Denn oft genügt der Blickkontakt zwischen Fachkräften, und die Kinder werden nicht durch aufgehende Türen gestört.

Was sind die ersten Schritte, wenn eine Einrichtung ihre Räume neu gestaltet?
Zuerst gilt es, die Räume und die Position der Türen zu betrachten. Dadurch wird deutlich, wo sich Laufwege befinden. Dort werden die Regale platziert, um im restlichen Raum mehr Platz für das Spiel zu lassen. Wichtig ist auch, viele Funktionsräume zu schaffen und so möglichst wenig Material im Gruppenraum lagern zu müssen. Vielen Kitas fehlt es an Platz.

Welche Möglichkeiten gibt es, um Freiflächen zu schaffen?
Wenn es kein Kinderrestaurant gibt und die Kinder in den Gruppenräumen essen, sollten Eckbänke als Sitzplätze dienen. Sie brauchen viel weniger Raum für die gleiche Anzahl an Plätzen. Das kann man sehr gemütlich gestalten. Wenn Kinder die Wahl haben, sind das die beliebtesten und am ersten besetzten Plätze. In den Fluren entdecken wir häufig verschenkten Spielraum. Dort bringen Architekten häufig die Garderoben unter – dabei befinden sich hier Nischen, in denen Bühnen für Rollenspiele oder Bauecken, also tolle Funktionsräume, Platz finden können. Für die Garderoben finden wir dann in den so und so vorhandenen Verkehrszonen
einen Platz. Das ist nicht immer einfach, aber immer ein Gewinn an wertvoller Spielfläche.

Welche Auswirkungen hat Corona auf die Raumgestaltung?
Durch Corona werden Kitas teils geschlossen. Ziel der Raumkonzepte ist es, Begegnungen zu schaffen, beispielsweise durch die Piazza im Eingang, zu Deutsch Marktplatz, wo sich alle Kinder treffen können. Es muss auch künftig darum gehen, die Begegnung und Bewegung zu fördern. Denn, unabhängig von jeder Pandemie: Kinder haben das Recht auf eine Bildungseinrichtung mit sinnvollem räumlichen Konzept.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita - das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 4/2020, S. 5-6, www.meine-kita.de



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