GEW: Nein zum Konzeptentwurf der Landesregierung

"In der vorliegenden Form halten wir das Konzept "Bildung und Betreuung von 2 bis 16" im Sinne von Qualitätsentwicklung für nicht realisierbar. Mit der Vorlage des GEW Konzepts "Bildung von Anfang an" haben wir deshalb eine zweite Diskussionsgrundlage eingebracht. Unser Ziel ist die Entwicklung eines zukunftsfähigen Systems vom Bildung, Erziehung und Betreuung in Thüringen. "Dazu gehört eine öffentliche Diskussion aller Vorschläge ohne Tabus, aber auch ohne einseitige Vorgaben. Die GEW Thüringen ist für eine solche Diskussion offen," sagte der GEW Vorsitzende zur gestrigen Fachkonferenz "Konzept Bildung und Betreuung von 2 bis 16 - Top oder Flop".

17.03.2005 Thüringen Pressemeldung GEW Thüringen

60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer GEW-Fachtagung am gestrigen Tag bestätigten diese Haltung der GEW einhellig. Eltern, Erzieherinnen aus Kindertagesstätten und Horten sowie Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten brachten ihre Bedenken zum Ausdruck. Sie kritisierten:

  • die vorgesehene Verlagerung von Verantwortlichkeiten auf viele Träger, Þ die unzureichend dargestellte Rolle der Schulen,

-die Zusammenlegung von Jugendpauschale und Mitteln für Schuljugendarbeit bei gleichzeitiger massiver Kürzung und Ausweitung der möglichen Empfänger,

  • die schleichende Ausblutung oder direkten Abschiebung des Thüringer Grundschulhorts als Bestandteil der Schule und Voraussetzung vieler aktueller Projekte, wie der optimierten Schuleingangsphase.

In einem offenen Brief an den Thüringer Kultusminister begründet die Bildungsgewerkschaft ihre Ablehnung des Entwurf mit zwei wesentlichen Punkten:

  • Der Konzeptentwurf geht von einer oberflächlichen Analyse aus und zeigt keine überzeugenden Alternativen zu bereits bestehenden Systemen und Handlungsmöglichkeiten auf.
  • Der Konzeptentwurf lässt viele Fragen offen, deren Beantwortung aber die Voraussetzung für reale Umsetzungsschritte ist.

"Zu unkonkret, zu weit interpretierbar, zu realitätsfremd, zu unausgegoren", lauteten die Bewertungen des Konzeptentwurfs von den Teilnehmern. "Die im Konzept angedeuteten Wege zu mehr Ganztagsbetreuung sind auch mit den Horten in der jetzigen Form möglich und sogar einfacher realisierbar. Für eine Kommunalisierung der Horte gibt es keine Begründung," so die Meinung der Teilnehmer. Scharf kritisierten sie auch den "breiten Diskussionsprozess". "Wann werden wir Kleinen, die es ja nur umsetzen müssen gefragt?" fragte eine Erzieherin. Die Erfahrungen vieler Kollegen, wie mit ihrer Meinungsäußerung via Internet bei der letzten Schulgesetznovelle umgegangen wurde, schreckt vor der Nutzung dieser Variante ab. Sie wissen bis heute nicht, ob ihre Mail überhaupt angekommen ist. Sie wissen nur, dass ihre Vorschläge keine Berücksichtigung fanden. Abschließend stimmten die Teilnehmer dem offenen Brief der GEW zu.

Anlage: Offener Brief

Offener Brief zum Konzept "Bildung und Betreuung von 2 bis 16"

Sehr geehrter Herr Minister, am 25. Januar 2005 hat das Thüringer Kultusministerium in Abstimmung mit der Landesregierung den Entwurf eines Konzeptes "Bildung und Betreuung von 2 bis 16" vorgestellt. Damit wurde die Ankündigung des Ministerpräsidenten aus der Regierungserklärung in diesem Punkt mit weiterführenden Überlegungen und Vorstellungen untersetzt. Gleichzeitig mit der Veröffentlichung wurde eine breite öffentliche Debatte zum Konzept angekündigt. Die GEW lehnt den vorgelegten Konzeptentwurf ab. Er geht von einer oberflächlichen Analyse aus und zeigt keine überzeugenden Alternativen zu bereits bestehenden Systemen und Handlungsmöglichkeiten auf. Das Konzept lässt zu viele Fragen offen, die seiner realen Umsetzung entgegenstehen. In einer ersten Reaktion hatte die GEW bereits auf viele Unzulänglichkeiten hingewiesen und viele dieser offenen Fragen aufgeworfen. Der vorgelegte Entwurf und auch die vor und nach der Veröffentlichung vom TKM bekannt gewordenen Meinungsäußerungen und Diskussionen konnten keine der offenen Fragen beantworten bzw. bestehende Befürchtungen, dass funktionierende Systeme und Strukturen zerschlagen werden, ausräumen. Die breite Skepsis und auch offen artikulierte Ablehnung, auf die der Konzeptentwurf in der Öffentlichkeit stößt, zeigt, dass die GEW Thüringen mit ihrer ablehnenden Haltung nicht allein ist.

Ebenso wenig optimistisch kann der eingeschlagene Weg der öffentlichen Debatte stimmen. Schriftliche Stellungnahmen, deren Schicksal offen ist, die Diskussion zu den Regionalkonferenzen der Schulämter und zum Bildungssymposium des Ministeriums sind notwendig, aber nicht ausreichend. Konkret verhandelt wird offenbar nur mit kommunalen Spitzenverbänden. Die Einbeziehung der direkt betroffenen Eltern, Schüler und Beschäftigte, ist dadurch nicht gegeben. Dieses Manko kann auch nicht durch die Angabe einer E-Mail-Adresse ausgeglichen werden. Die Diskussion oder Meinungsäußerung über E-Mail-Versand schließt von vornherein die aus, die keinen Internetzugang haben. Das kann nicht im Sinn einer breiten öffentlichen Diskussion sein. Mit diesem Schreiben übergebe ich Ihnen das GEW-Konzept "Bildung von Anfang an" sozusagen als zweite Diskussionsgrundlage im Prozess der Weiterentwicklung des Thüringer Bildungswesens.

Ansprechpartner

GEW Thüringen

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