Chancengleichheit: „Die frühe Selektion ist ein Problem“
Sprachförderung in der Kita, längeres gemeinsames Lernen, mehr Gestaltungsspielraum für Schulleitungen: Im bildungsklick-Interview nennt Sven Winkler gleich mehrere Stellschrauben für mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland.
20.05.2026 Bundesweit Artikel Anna PetersenWie beurteilt er das Startchancen-Programm? Was können Schulleitungen für mehr Chancengleichheit tun? Auch diese Fragen beantwortet der Vorsitzende vom Allgemeinen Schulleitungsverband Deutschland im Gespräch mit Redakteurin Anna Petersen.
Anna Petersen: Herr Winkler, der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen, der hängt ja in Deutschland – leider, muss man sagen – maßgeblich vom sozioökonomischen Hintergrund, also von ihrer Herkunft ab. Das ist schon seit langer Zeit so. Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?
Sven Winkler: Also, das Wichtigste, Sie haben es gerade angerissen, ist, dass wir Chancengleichheit herstellen, also die Nachteile, die tatsächlich durch die sozioökonomischen Gegebenheiten entstehen, müssen ausgeglichen werden. Ansonsten schneiden wir weite Bevölkerungsschichten von der Bildungsteilhabe und damit von der Teilhabe an einem demokratisch basierten Leben ab. Konkret brauchen diese Menschen, diese Schülerinnen und Schüler, die aus den eher bildungsfernen Schichten – um die geht es ja, also sozioökonomisch Benachteiligte – kommen, das Maß an Hilfe, das sie in die Lage versetzt, an allen schulischen Prozessen so teilzunehmen, dass sie dort möglichst gut Erfolg haben können. Die Auslesekriterien sind ja in erster Linie tatsächlich nach dem Ende der 4. Klasse beispielsweise, wenn es um die Sekundarstufe I geht, tatsächlich sozioökonomischer Art. Und das bedeutet, dass bereits in der Primarstufe, in der Grundschule, schon eine Reihe von Schülerinnen und Schülern vom Bildungserfolg ausgeschlossen werden. Ganz einfach deswegen, weil dort auch das Maß an Förderung nicht gegeben werden kann. Dazu sind die Klassen zu groß und der Fokus läuft häufig in die Mitte, also in das mittlere Bildungsfeld.
Das heißt, Sie sehen das Problem schon auch in der frühen Selektion der Schüler:innen. Gibt es noch weitere Punkte?
Die frühe Selektion ist ein wesentliches Thema. Das ist richtig. Ich glaube, dass es insbesondere bei den Schichten oder bei den Bevölkerungsteilen, um die es jetzt hinsichtlich Bildungsnachteilen geht, auch notwendig ist, dass wir Basisqualifikationen anbahnen. Das heißt, Sprachbildung muss relativ frühzeitig ansetzen. Deswegen glaube ich, dass das Einsetzen in der Primarstufe schlicht zu spät ist. […]
- „Die Unterstützung zu Hause ist entscheidend für den Bildungserfolg“
- Ungleiche Bildungschancen: „Wir hängen uns selber ab“
- Umgang mit Mehrsprachigkeit: „In der Schule ist das zu spät“
Keine Kommentare vorhanden