Den Konflikt weglachen
Wie kann datengestützte Pädagogik den Kita-Alltag verbessern? Und welche Rolle spielt Humor in kindlichen Konfliktsituationen? Das Institute for Early Childhood Studies IECS forscht in Neuseeland seit 1995 zu diesen und anderen Aspekten frühkindlicher Bildung. Unser Autor hat sich zwei Forschungsprojekte angeschaut. Von Alexander Wolf
26.05.2026 Bundesweit Artikel Meine KitaJeden Tag entstehen in Kitas überall auf der Welt zahlreiche Daten: Pädagogische Fachkräfte beobachten Kinder, dokumentieren Lernprozesse, reflektieren Situationen und tauschen sich darüber aus. Doch wie lassen sich diese Informationen so nutzen, dass sie die Qualität pädagogischer Arbeit tatsächlich verbessern? Mit dieser Frage befasst sich die IECS-Leiterin Sue Cherrington gemeinsam mit Kolleginnen in dem wissenschaftlichen Sammelband „Assessment and Data Systems in Early Childhood Settings“. Darin fassen die Autorinnen den Begriff Daten bewusst weit: Gemeint sind Informationen „in jeder Form“, die für einen „klaren Zweck und nach einem nachvollziehbaren Verfahren“ erhoben werden. Im Kita-Alltag können solche Datensysteme sehr unterschiedlich aussehen: Digitale Portfolios, zum Beispiel mit Hilfe des Tools „Storypark“ erstellt, können individuelle Lernwege sichtbar machen und die Zusammenarbeit mit Eltern erleichtern. Strukturierte Beobachtungsverfahren helfen Fachkräften dabei, Lernmomente zu erkennen, die sie im Alltag leicht übersehen können. Entscheidend ist aus Sicht der Autorinnen jedoch nicht das jeweilige Instrument, sondern der professionelle Umgang damit. Daten würden ihren Wert vor allem dann entfalten, wenn sie dem Team Anlass für gemeinsame Reflexion bieten: Was fällt uns auf? Wie interpretieren wir das Gesehene? Welche pädagogischen Konsequenzen ziehen wir daraus? Daten seien dann wirksam, wenn sie „bestehende Annahmen irritieren“ und zur Neubewertung des eigenen Handelns anregen.
Daten sind anspruchsvoll
Gleichzeitig verdeutlichen Cherrington und ihre Mitautorinnen, dass eine datengestützte Pädagogik nur funktioniert, wenn Einrichtungen Zeit, Struktur und personelle Ressourcen bereitstellen. Viele Verfahren erzeugen zunächst zusätzlichen Dokumentationsaufwand. Ohne fest eingeplante Zeiten für Beobachtung, Auswertung und Austausch kann die Arbeit mit Daten pädagogische Fachkräfte zusätzlich belasten. Hinzu kommt: Ein professioneller Umgang mit Daten ist anspruchsvoll. Er setzt Wissen über kindliche Entwicklungsverläufe, diagnostische Verfahren und Beobachtungstechniken voraus – ebenso wie Sensibilität für die Perspektiven der Kinder und ihre jeweiligen Lebenskontexte. Für die Praxis, auch in Deutschland, bedeutet das: Richtig umgesetzt können Datensysteme dazu beitragen, die individuellen Lernwege von Kindern und ihre Unterstützungsbedarfe sichtbar zu machen und pädagogische Entscheidungen fundierter zu treffen. Nutzen Kitas Daten reflektiert, transparent und dialogisch, können diese einen Beitrag zur Qualitätsentwicklung leisten und den Beruf der pädagogischen Fachkraft in der frühkindlichen Bildung nachhaltig stärken.
Wenn der Streit im Gelächter endet
Wenn ein Streit zwischen Kindern plötzlich im Gelächter endet, muss das kein Zufall sein. Es kann ein Indiz dafür sein, wie Kinder soziale Konflikte aushandeln. Das zeigt eine qualitative Studie des IECS unter Leitung von Carmen Dalli mit dem Titel „Humour and the stretchy temporality of peer conflict“. Die Untersuchung basiert auf rund 270 Stunden Videoaufnahmen, die über einen Zeitraum von 18 Monaten in einer multiethnischen Kindertageseinrichtung in Neuseeland entstanden sind. Beobachtet wurden 25 Kinder im Alter zwischen zweieinhalb und fünf Jahren. Mithilfe interaktional-soziolinguistischer Analysen werteten die Forscherinnen Konfliktsituationen aus. Ein zentrales Ergebnis: Humor tritt in Konflikten zwischen Kindern häufig auf – oft an unerwarteten Stellen. Die Forscherinnen unterscheiden dabei drei Formen kindlichen Humors: „teasing“, also Necken oder Hänseln, körperlicher Humor wie etwa Kitzeln, und vor allem „incongruity-based humour“, also Formen des Humors, die auf dem Bruch von Erwartungen, Konventionen oder situativen Logiken beruhen. Letztere kam in den beobachteten Konflikten am häufigsten vor. So lässt ein Kind in einer beobachteten Situation zum Beispiel einen Spielzug im Streit plötzlich „springen“, begleitet von lauten Geräuschen. Der Bruch mit der Erwartung – Züge fahren, sie hüpfen nicht – kippt die angespannte Szene in gemeinsames Lachen.
Zum Weiterlesen:
Claire McLachlan, Tara Mclaughlin et al. • Assessment and Data Systems in Early Childhood Settings • Theory and Practice • Springer, 2022
Macht und Rollen
Solche humorvollen Interventionen können die Dynamik einer Konfliktsituation verändern und kurzfristig Spannungen entschärfen. Gleichzeitig zeigen die Analysen, dass Humor nicht zwangsläufig zu einer nachhaltigen Lösung führt: Er kann Konflikte zwar abschwächen, in manchen Fällen aber auch dazu beitragen, dass sich bestehende Machtverhältnisse stabilisieren. Wer den Witz initiiert und damit den Spielrahmen neu setzt, behält häufig die Deutungshoheit über die Situation. Andere Kinder passen sich diesem Rahmen an, indem sie vertraute Rollen bestätigen – etwa als Taktgeberin des Spiels, als Wächter einer Freundesgruppe oder als Mitspieler, der sich einfügt, um Zugehörigkeit zu signalisieren.
Sichtbar wird das zum Beispiel dann, wenn Kinder mit hohem Status – etwa als Teil einer etablierten Freundesgruppe oder als anerkannte „Big Girls oder Boys“ – Humor einsetzen, um Widerstand zu übergehen, ohne offen zu eskalieren. Besonders aufschlussreich ist das Konzept der sogenannten „stretchy temporality“. Damit beschreiben die Autorinnen, dass Konflikte nicht linear verlaufen und nicht mit einem letzten Wort enden. Einzelne Interaktionen können sich auf frühere Auseinandersetzungen, Rollenverteilungen und Zugehörigkeiten beziehen – und in späteren Situationen erneut wirksam werden. Für pädagogische Fachkräfte lässt sich daraus ableiten, Konfliktsituationen unter Kindern nicht vorschnell zu unterbrechen. Die Studie zeigt Kinder als aktive soziale Akteure, die Konflikte mit großer Eigenständigkeit aushandeln – häufig mithilfe von Humor. Beobachtendes Begleiten kann Fachkräften dabei Einblicke eröffnen in Machtverhältnisse, Zugehörigkeit und die Art, wie Kinder ihren Platz im sozialen Gefüge aushandeln.
Hier geht es zum vollständigen Artikel: Humour and the stretchy temporality of peer conflict in a group early childhood setting: An analysis of relational power - Carmen Dalli, Anna Strycharz-Banaś, Miriam Meyerhoff, 2023
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Magazin Meine Kita, Ausgabe 01/2026, S. 26-27, www.meinekita.de
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