Sprachheilpädagogik

Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe

Sprachentwicklungsstörungen bleiben oft unbemerkt. Sie möglichst früh zu identifizieren und damit Beratungs-, Förder- oder Therapieangebote unterbreiten zu können, ist eines der Ziele von Professorin Carina Lüke.

16.09.2020 Bundesweit Pressemeldung Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • © Jörg Fuchs Carina Lüke hat seit August 2020 den Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik an der Universität Würzburg inne.

Sprache war für Carina Lüke stets ein zentraler Bestandteil ihrer bisherigen Forschung. In ihrem Fachgebiet der Sprachheilpädagogik untersucht sie Sprach-, Sprech- und Kommunikationsauffälligkeiten im Kindesalter. Ihre Arbeiten, die sie zuletzt in Paderborn verfolgt hat, wird sie nun an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) fortführen – als neue Inhaberin des Lehrstuhls für Sprachheilpädagogik.

Hohe Fallzahlen von Sprachentwicklungsstörungen

„Etwa sieben Prozent aller Kinder sind von einer Störung in ihrer Sprachentwicklung betroffen“, schildert die Forscherin. „Das bedeutet, dass es pro Schulklasse durchschnittlich zwei Kinder gibt, die Schwierigkeiten im Verständnis von gesprochener oder geschriebener Sprache haben und sich selbst weniger gut mitteilen können.“ Obwohl diese Zahl erheblich ist, sind Sprachentwicklungsstörungen im Allgemeinen eher unbekannt. „Stottern zum Beispiel, ist in der Öffentlichkeit viel bekannter, obwohl es viel weniger Kinder betrifft und sich weniger stark auf die Sprachentwicklung und den Lernerfolg von Kindern im Allgemeinen auswirkt.“

Problematisch sind Sprachentwicklungsstörungen vor allem, wenn sie lange unentdeckt bleiben. Einschränkungen des Wortschatzes, Wortfindungsstörungen, fehlerhafte Grammatikproduktionen oder Schwierigkeiten beim Verstehen von Sprache können sich dann besonders negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirken.

Sprache ist mehr als Information

Denn Sprache dient nicht nur zur Übermittlung von Informationen. Sie ist der Schlüssel zur selbstbestimmten gesellschaftlichen Teilhabe. Wer sprachlich nicht mithalten kann, steht vor gewaltigen Hürden: Schulische Ausbildung, Beruf und auch das Sozialleben, Freundschaften und Paarbeziehungen können stark darunter leiden.

Gründe für Störungen der Sprachentwicklung liegen vorwiegend in der erblichen Veranlagung, sie können aber auch durch Umweltfaktoren beeinflusst werden. Haben Kinder nur eingeschränkten Zugang zu ihrer sprachlichen Umwelt, reagieren sie mitunter mit Verhaltensauffälligkeiten. „Das kann der Junge sein, der körperlich aggressiv auf seine Umwelt zugeht, weil er sich sprachlich ausgeschlossen fühlt. Oder das Mädchen, das Sprachverständnisprobleme hat, dem Unterricht daher nicht folgen kann und sich immer mehr abkapselt – und dann als eher ruhige und angepasste Schülerin wahrgenommen wird“, führt Carina Lüke einige typische Fälle auf. „Dass dahinter Störungen in der Sprachentwicklung stecken können, bleibt häufig unentdeckt!“

Mithilfe ihrer Forschungen will sie diese Problematik in das Licht der Öffentlichkeit rücken und Sprachentwicklungsstörungen möglichst frühzeitig identifizierbar machen. „Werden Rückstände in der sprachlichen Entwicklung erst dann diagnostiziert, wenn die Kinder im Vergleich zu Gleichaltrigen bereits ein Jahr und mehr hinterherhängen, so sind die besten Förderchancen schon verpasst. Je eher eine Therapie angeboten wird, desto besser sind die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung“, erläutert die Professorin.

Aus dem Ruhrpott an den Main

Bislang war die 35-Jährige im Ruhrgebiet verwurzelt, einer Gegend, die oft mit ihren sprachlichen Besonderheiten identifiziert wird. Geweckt wurde ihr Interesse für das Thema Sprache schon zu Schulzeiten, als sie Berichte über Menschen las, die nach einem Schlaganfall sprachliche Auffälligkeiten entwickelten – und sich beispielsweise in fremden Dialekten ausdrückten. Um tiefer in das Thema einzutauchen, studierte sie Rehabilitationspädagogik und Klinische Linguistik in Dortmund und Bielefeld.

In ihrem Fachgebiet reizt sie vor allem die Kombination der Grundlagenforschung von Sprachsystemen und Sprachentwicklung mit der praktischen Tätigkeit im Bereich der sonderpädagogischen Sprachförderung und Sprachtherapie. Nach einer Forschungsprojektleitung an der Universität Paderborn kam sie im August 2020 an die JMU.

Akademische Grundlagen des Fachs stärken

Noch während die Umzugskisten ausgeräumt werden und die Farbe an den Bürowänden trocknet, formuliert die Forscherin Vorstellungen über die Zukunft ihres Faches. „Wir wollen die Sprachheilpädagogik und die Sprachtherapie auf eine breitere akademische Basis stellen. Denn die wissenschaftliche Forschung ermöglicht es uns, fundierte Leitlinien für die Entdeckung und Therapie von Sprachentwicklungsstörungen zu entwickeln und zu validieren. Andere Länder, wie die USA, sind uns dabei nicht nur wissenschaftlich weit voraus, sondern auch in der gesellschaftlichen Akzeptanz des Fachs“, weiß die Forscherin, die 2018 einen Forschungsaufenthalt in Pittsburgh (USA) absolviert hat.

Den hohen Stellenwert einer akademischen Ausbildung möchte sie auch ihren Studierenden ihres Faches vermitteln. Mitarbeit am Lehrstuhl ermöglicht ihnen vertiefte Einblicke in den akademischen Betrieb über das reine Lehrangebot hinaus. Auch sollen Studierende in Forschungsprojekten das Thema erschließen, dazu richtet die Professorin momentan ein Forschungslabor im Institutsgebäude am Oswald-Külpe-Weg 84 ein – im Flur stapeln sich schon die Umzugskisten dafür.


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