VBE: PISA ermutigt
Als eine "gute erste Nachbereitung" bezeichnete der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Ludwig Eckinger das Gespräch zwischen den Lehrerorganisationen und der KMK gestern in Bonn. Ausdrücklich hält der VBE nichts von einer neuen Runde im Schulstrukturstreit. Das liefe auf eine Blockade notwendigen Handelns hinaus, so Eckinger.
06.12.2001 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE)Auch der VBE sieht in folgenden Handlungsfeldern die richtige Richtung, um langfristig die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler auf ein höheres Niveau zu bringen:
- Es muss insbesondere die Wertigkeit der Primarstufe erhöht werden, um die Chancengleichheit aller Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen. Die Voraussetzungen für Lernerfolge werden in Kindergarten und Grundschule gelegt.
- Die Lehrpläne dürfen nicht weiter als gestopfte Gänse behandelt werden, sondern müssen auf das Wesentliche zu vermittelnder Kompetenzen konzentriert werden.
- Die Lehrerinnen und Lehrer müssen durch verstärkte Angebote der Lehrerbildung ihre diagnostischen Fähigkeiten ausbauen, um das Können der Schülerinnen und Schüler realistisch einschätzen und entsprechende Schlüsse für die weitere Unterrichtsarbeit ziehen zu können.
- Lernzeit ist Lebenszeit unserer Kinder und Jugendlichen. Es muss von frühem Anfang an ein kontinuierliches Lernen gesichert werden, das die Schülerinnen und Schüler aufbaut und ermutigt, ihre Stärken zu erkennen.
- PISA muss Anlass sein, die Durchlässigkeit unseres Schulsystems von unten nach oben kritisch zu analysieren. Jede Schülerin, jeder Schüler hat einen Anspruch darauf, den bestmöglichen Bildungsweg zu gehen. Es darf keine Bildungssackgassen geben. Ein schwieriges soziales Umfeld von Schulen darf nicht stigmatisieren.
- Die Professionalität der Lehrerinnen und Lehrer muss gestärkt werden. Das geht nur über eine grundständige pädagogische Lehrerausbildung, die auf einem gemeinsamen Grundstudium für alle Lehrämter, einem anschließenden Hauptstudium nach Schulstufen und einem 24-monatigen Referendariat fußt. Die Erziehungswissenschaft als eigentliche Berufswissenschaft muss an den Universitäten aufgewertet und Hauptbestandteil der Lehramtsstudien werden.
- Die empirische Bildungsforschung muss in Deutschland entwickelt werden auch für eine Wissenschaft von der Lehrerbildung.
Ludwig Eckinger bekräftigte, dass "mit der vorjährigen Bremer Erklärung zu den Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer ein wesentlicher Grundstein gelegt worden ist, um die Schwächen unseres Bildungssystems in den Griff zu bekommen". Der VBE trage diese Erklärung nicht nur mit, sondern habe lange für deren Zustandekommen gestritten. "Die Bremer Erklärung muss aus der Schublade heraus; das erspart uns, neue Papiere zu stricken", sagte Eckinger. "So ist dort der Auftrag an Lehrerinnen und Lehrer, ständig ihre Kompetenzen weiter zu entwickeln und geeignete Fort- und Weiterbildung zu nutzen, längst anerkannt und gewollt." Der VBE-Bundesvorsitzende unterstrich: "Klar muss aber ebenso sein, dass der Bildungsbereich nicht länger als Kostgänger in den Büchern der Finanzminister laufen darf, sondern tatsächlich als Investitionsbereich aufgewertet wird."
Weiter erklärte der VBE-Bundesvorsitzende Ludwig Eckinger: "Die Ergebnisse von PISA sind kein Auftrag zur Jagd nach schlechten Schulen. Wir tun gut daran, uns mehr denn je auf Schatzsuche zu begeben und die an Schule Beteiligten zu stärken. Es gibt in allen Schulstufen des deutschen Bildungssystems hervorragende Einzelschulen, in denen methodisch vielfältig unterrichtet wird, fächerübergreifende Arbeitsformen alltäglich sind, der 45-Minuten-Takt kein Dogma ist, Unterricht durch außerunterrichtliche Angebote ergänzt wird. Doch Leuchttürme reichen nicht aus. Ein Blick auf die Bedingungen erfolgreich arbeitender Schulen lohnt sich. Wir kämen dann auf viele Hemmnisse, die es gemeinsam auszuräumen gilt.
- Die Schulaufsicht muss sich als Beratungsinstanz für Schulentwicklung verstehen und entsprechend qualifiziert werden. Schulaufsicht darf nicht länger als Dach funktionieren, unter dem Schulentwicklung an ihre Grenzen stößt. Nicht punktuelle Inspektionen, sondern prozesshafte Zusammenarbeit mit den Kollegien brauchen die Schulen. Es muss klar werden, dass alle am gleichen Strang ziehen.
- Schulentwicklung braucht starke Schulleitungen. Sie müssen motivieren, pädagogische Visionen anstoßen und sich auf die notwendigen materiellen, personellen und finanziellen Ressourcen verlassen können. Dies erfordert ein neues Anforderungsprofil für Schulleiterinnen und Schulleiter und eine darauf ausgerichtete Ausbildung.
- Schulen brauchen den Zugang zu wissenschaftlicher Unterstützung und Reflexion der eigenen Arbeit. Das Lernen im Beruf - die dritte Phase der Lehrerbildung - muss als ständiges Element des Lehrerberufes nicht nur anerkannt werden sondern in der schulischen Praxis stattfinden können.
- Schulen sind erfolgreicher, wenn sie auf die demokratische Mitwirkung von Schülern und Eltern zählen, wenn sie sich als Polis profilieren.
- So wie den Schülerinnen und Schülern Mut zum Denken, Mut zum Zweifel, Freude am Sich-Anstrengen und Entdecken vermittelt wird, muss auch den Lehrerinnen und Lehrern Vertrauen auf ihr Können entgegengebracht und Mut zu neuen Wegen gemacht werden."
Ludwig Eckinger betonte abschließend, die gründliche Auswertung der PISA-Ergebnisse dürfe nicht im ersten Anlauf wieder im üblichen ideologischen Schulgraben versacken. "Nur ein konstruktives Miteinander aller an Schule Beteiligten auf gleicher Augenhöhe bringt Deutschlands Schulen voran."
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