7 Punkte für eine soziale Öffnung der Hochschulen

- Präsident des Deutschen Studentenwerks nennt 7-Punkte- für eine soziale Öffnung der Hochschulen - Ausreichend Studienplätze, weniger Numeri clausi, keine Studiengebühren, mehr BAföG, mehr Beratung und Stipendien - Dobischat: "Empirischer Nachweis, dass Studiengebühren abschrecken, ist erbracht"

10.11.2008 Pressemeldung Deutsches Studentenwerk

Der Präsident des Deutschen Studentenwerks, Prof. Dr. Rolf Dobischat, hat Bund und Länder zu einer radikalen Kurskorrektur in der Hochschulpolitik aufgefordert und massive Investitionen in Hochschulen und Studentenwerke gefordert, um das deutsche Hochschulsystem sozial durchlässiger zu machen. Auf einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung sagte Dobischat am Wochenende in Berlin: "Wenn es uns in den kommenden Jahren nicht gelingt, mehr junge Menschen auch aus bildungsfernen und einkommensschwächeren Familien für ein Studium zu begeistern, setzen wir Deutschlands Wohlstand und Wirtschaftskraft aufs Spiel." Dobischat bezeichnete vor mehr als 140 Gästen die extreme soziale Selektivität des deutschen Hochschulsystems als "größte bildungspolitische Herausforderung", vor der die deutsche Hochschulpolitik stehe. Ihr müssten sich Bund und Länder stellen, forderte Dobischat.

"Bei keinem anderen Thema klaffen bildungspolitische Absichtserklärungen und die Wirklichkeit so weit auseinander wie beim Hochschulzugang", sagte Dobischat. Hochschulbildung werde in Deutschland immer mehr von Akademikergeneration zu Akademikergeneration weiter vererbt; hochschulferne Schichten sind krass unterrepräsentiert. Dobischat nannte sieben Punkte für mehr soziale Durchlässigkeit an Deutschlands Hochschulen.

Ausreichend Studienplätze: Dobischat begrüßte ausdrücklich, dass Bund und Länder mit dem Hochschulpakt II 275.000 zusätzliche Studienplätze schaffen wollen. Dass deren Finanzierung bisher unklar ist, sei "Besorgnis erregend".

Weniger Numeri clausi: Dobischat forderte, die Hochschulen müssten in die Lage versetzt werden, auf Numeri clausi verzichten zu können. Dobischat: "Da wird mit Macht die Schulzeit verkürzt -und die studierwilligen jungen Menschen müssen womöglich auf einen Studienplatz warten. Da werden millionenschwere Kampagnen für ein Studium gefahren - und die jungen Menschen stehen vor verschlossenen Türen?"

Starkes BAföG: Das BAföG ist für den DSW-Präsidenten "ein Schlüsselinstrument für mehr soziale Durchlässigkeit". Da der Anteil der BAföG-geförderten Studierenden insbesondere in den Ingenieur- und Naturwissenschaften hoch sei, müsste auch die Wirtschaft ein Interesse an einem starken BAföG haben, sagte Dobischat. Das BAföG müsse regelmäßig an die Preis- und Einkommensentwicklung angepasst werden. "Eine starke staatliche Studienfinanzierung ist gegenüber einkommensschwächeren Familien das beste Argument für ein Studium."

Mehr Beratung: "Bis zum Jahr 2014 könnten dem deutschen Arbeitsmarkt eine halbe Million Akademiker fehlen", referierte Dobischat jüngste Schätzungen. "Die zusätzlichen Studierenden, die Deutschland dringend benötigt, müssen vor allem aus hochschulfernen, einkommensschwächeren Familien kommen. Dort will man nicht nur etwas über Bildungsrenditen oder Einstiegsgehälter von Hochschulabsolventen etwas erfahren, sondern vor allem ehrliche Informationen über die Kosten eines Studiums", sagte Dobischat. Er fordert mehr und bessere Beratung, schon in den Schulen, auch zur Studienfinanzierung. Laut jüngster Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ist für 40% der Studierenden die Studienfinanzierung unsicher.

Keine Studiengebühren: Die erst kürzlich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebene Studie "Studiengebühren aus der Sicht von Studienberechtigten" des Hochschul-Informations-Systems HIS ist für Dobischat "ein empirischer Nachweis, dass Studiengebühren tatsächlich abschrecken". Für ihn ist es keine Beruhigung, dass die Abschreckungseffekte, wie die HIS-Forscher schreiben, geringer ausfielen als befürchtet. Dobischat: "4% der Studienberechtigten, die wegen Studiengebühren nicht studieren, sind 4% zu viel. 6.000 bis 18.000 junge Menschen, die wegen Studiengebühren nicht studieren, sind 6.000 bis 18.000 zu viel." Studiengebühren gehörten abgeschafft, weil sie sozial- und bildungspolitisch "falsch und fatal" seien, so Dobischt.

Mehr Stipendien: Nur 2% der Studierenden in Deutschland erhalten ein Stipendium; die durchschnittlich 328 Euro im Monat machen weniger als die Hälfte des studentischen Durchschnittsbudgets von 770 Euro aus. "Das ist ein bildungspolitischer Skandal und macht deutlich, wie sehr wir ein staatliches Studienfinanzierungssystem wie das BAföG benötigen", sagte Dobischat. Er appellierte erneut an die Wirtschaft sowie die Studiengebühren erhebenden Länder, ihren Ankündigungen Taten in Form neuer Stipendienprogramme folgen zu lassen.

Starke Studentenwerke: Campusnaher Wohnraum, günstige hochschulgastronomische Angebote, BAföG, Studienfinanzierungs- und Sozialberatung, Kitas: Für Dobischat sind umfassende Service- und Beratungsangebote der Studentenwerke "unabdingbar für ein erfolgreiches Studium". "Ein Denken allein in Studienplätzen reicht nicht", sagte er, "zur Attraktivität einer Hochschule und eines Studium gehört auch eine gute soziale Infrastruktur." Er appellierte an die Länder, die Studentenwerke stärker zu unterstützen und ausreichen zu finanzieren. Die Zuschüsse der Länder machten aktuell weniger als 12% der Gesamteinnahmen aus; noch Anfang der 1990er Jahre seien es 25% gewesen, so Dobischat.


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