Leichter von der Lehre zum Studium
(bikl/iwd) Im rohstoffarmen Deutschland sind kluge Köpfe die wichtigste Ressource der Wirtschaft. Dennoch gibt es hierzulande im internationalen Vergleich relativ wenig Hochschulabsolventen, wie die OECD Jahr für Jahr aufs Neue kritisch anmerkt. Unter anderem liegt das daran, dass die duale Berufsausbildung einen guten Ruf genießt. Daher beginnen viele Jugendliche nach der Schule eine Lehre. Soll das Land in puncto akademisches Know-how nicht ins Hintertreffen geraten, muss den Absolventen einer Berufsausbildung der Übergang zum Studium erleichtert werden.
14.06.2005 ArtikelInnovationen entspringen oft den kleinen grauen Zellen der Akademiker. Ohne neue Produkte und clevere Herstellungsverfahren aber bleibt ein stärkeres Wirtschaftswachstum bloßes Wunschdenken. Die Industrieländerorganisation OECD ist deshalb besorgt darüber, dass sich der Anteil der Hochqualifizierten, also derjenigen mit abgeschlossenem Studium oder Meisterbrief, bei den 25- bis 34-Jährigen in Deutschland zwischen 1991 und 2002 nur von 21 auf 22 Prozent erhöht hat, während er beispielsweise in Großbritannien, Schweden und den USA um weit mehr als 9 Prozentpunkte auf 31 bzw. 39 Prozent gestiegen ist.
Und so muss sich am hiesigen Bildungssystem einiges ändern, soll das Arbeitskräftepotenzial international konkurrenzfähig bleiben. Dass es in Deutschland bis dato zu wenig Hochqualifizierte gibt, hat im Wesentlichen drei Ursachen:
1. Die Schulleistungen sind zu schlecht. Obwohl die deutschen Schüler im PISA-Test 2003 besser abschnitten als im Jahr 2000, wurden abermals Schwachstellen des Schulsystems offenkundig. Der Leistungsstand des Nachwuchses genügt weiterhin nur für einen Mittelfeldplatz im Ranking der OECD-Staaten.
Die hiesigen Gymnasiasten haben dabei leichte Fortschritte gemacht. So findet sich Deutschland beim Vergleich des jeweils leistungsstärksten Drittels der Schüler immerhin im vorderen Mittelfeld wieder, etwa gleichauf mit Schweden, Frankreich und Großbritannien und deutlich vor den Österreichern, Norwegern, Amerikanern, Dänen, Spaniern und Italienern. Die besten der Besten kommen aus Japan, Finnland und Südkorea. Mehr Schulautonomie und einheitliche Bildungsstandards könnten die bundesdeutschen Schulen noch fitter für die Zukunft machen.
2. Der Hochschulzugang ist zu stark limitiert. Ein Studium absolvieren hierzulande immer noch vergleichsweise wenige junge Leute. In Deutschland zieht es gerade ein Drittel eines Altersjahrgangs an Universität und Fachhochschule - in Schweden oder Finnland gilt dies für über 70 Prozent des Nachwuchses, in den USA immerhin für etwa zwei Drittel und in Italien, Spanien, Dänemark und Großbritannien für rund die Hälfte (Grafik). Allerdings kann die Quote hierzulande kaum höher sein, weil nur knapp 40 Prozent eines Jahrgangs Abitur oder eine vergleichbare Hochschulzugangsberechtigung haben.
Diejenigen, die potenziell an die Unis oder FHs streben, schneiden im PISA-Test immerhin gar nicht so schlecht ab. Das zeigt sich, wenn man davon ausgeht, dass die leistungsstärksten PISA-Schüler die künftigen Studenten sein werden, und man den entsprechenden - von Land zu Land je nach Studienanfängerquote unterschiedlichen - Anteil der besten Schüler vergleicht.
So gerechnet, reihten sich die deutschen Studienanfänger in spe zuletzt recht weit vorne auf Platz sechs ein. Nur die Hochschulkandidaten aus Belgien, Japan, Tschechien, der Schweiz und Südkorea wussten mehr.
In Ländern mit einer höheren Studentenquote sind die Ergebnisse des Wissenstests in dieser Betrachtung tendenziell schlechter - was wenig verwunderlich ist, da die Basis breiter wird. So rangiert PISA-Gesamtsieger Finnland in dieser Rechnung nur auf Platz zwölf. Dafür verfügt das Land in den jüngeren Jahrgängen über viele Akademiker.
3. Die betriebliche Berufsausbildung ist zu stark vom Hochschulstudium abgegrenzt. Viele deutsche Jugendliche, die kein Abitur oder eine andere Form der Hochschulreife haben und für die daher die Lehre das Maß aller Dinge ist, haben bei PISA durchaus Uni-tauglich abgeschnitten (Grafik):
Ein Drittel der Realschüler erledigte die PISA-Aufgaben etwa ebenso gut wie der Durchschnitt der späteren Studienanfänger in Spanien, Italien, Schweden oder den USA.
Und immerhin 70 Prozent der Realschüler sowie jeder fünfte Hauptschüler waren beim OECD-Test besser als die leistungsschwächeren Schüler in den USA, die später einmal ein Studium beginnen und - sollten sie es erfolgreich absolvieren - den hoch qualifizierten Arbeitskräften zugerechnet werden.
Will Deutschland einen größeren akademisch qualifizierten Arbeitskräftepool haben, sollte die Devise nicht heißen, die duale Ausbildung mit ihrem hohen Praxisanteil im Betrieb zugunsten einer stärker verschulten Ausbildung zu vernachlässigen. Stattdessen gilt es vielmehr, den Übergang von der Berufs- zur akademischen Ausbildung an Universität oder Fachhochschule zu erleichtern und zu fördern. Dazu bieten sich verschiedene Ansatzhebel:
— Beruflich orientierte Gymnasien. Eine dieser Möglichkeiten baut seit einer Weile mit großem Erfolg das Land Baden-Württemberg gezielt aus. Dort erwirbt mittlerweile jeder dritte Abiturient seine Hochschulreife an einem Gymnasium mit beruflich ausgerichtetem Schwerpunkt, z.B. in den Bereichen Technik, Wirtschaft, Agrar- und Ernährungswissenschaften oder Sozialpädagogik.
Bei einem auf OECD-Kriterien basierenden Leistungstest schnitten die Schüler an diesen Gymnasien kaum schlechter ab als diejenigen an normalen baden-württembergischen Gymnasien, und sie waren genauso gut wie der Bundesdurchschnitt der Gymnasiasten. Gerade für Realschulabsolventen mit konkretem Berufswunsch bieten die beruflichen Gymnasien eine optimale Vorbereitung auf ein späteres Studium.
— Kombination von Berufsausbildung mit dem Erwerb der Hochschulreife. Realschulabsolventen haben in Deutschland auch die Möglichkeit, parallel zu einer Lehre ihr Abitur oder Fachabitur zu machen. Gegenwärtig nutzen diese Möglichkeit zur Doppelqualifikation bundesweit aber erst 6.200 Auszubildende an 155 Berufsschulen - das sind gerade 1 Prozent aller früheren Realschüler, die eine Lehre absolvieren.
Dabei hapert es weniger am grundsätzlichen Interesse der Azubis, die Bildungsleiter weiter nach oben zu klettern, als an den erforderlichen Kapazitäten der Berufsschulen.
— Weiterbildung während der Ausbildung. Es sollte verstärkt möglich sein, bereits während der Lehre Zusatzqualifikationen zu erwerben, die auf spätere Weiterbildungsabschlüsse angerechnet werden können. Aktuell tun dies 8.300 Auszubildende.
— Anrechnung der Berufsausbildung auf das Studium. In Zukunft soll den Absolventen einer Berufsausbildung dadurch der Weg an die Hochschulen geebnet werden, dass beruflich erworbene Qualifikationen im Studium anerkannt werden. Bislang sehen die Hochschulgesetze der Bundesländer dafür Einstufungstests oder Einzelfallprüfungen vor. Nun soll in regionalen Projekten in ganz Deutschland zwischen Hochschulen und Kammern ausgelotet werden, inwieweit eine einheitliche Anrechnung möglich ist.
Eine echte Verzahnung von Ausbildung und Studium würde es bedeuten, wenn bestimmte Aus- und Fortbildungsinhalte etwa für ein Bachelorstudium anerkannt würden. Modell hierfür steht bereits eine Vielzahl neuer dualer Studiengänge, bei denen die Hochschulen eng mit Unternehmen zusammenarbeiten.
— Nationales Leistungspunktesystem. Ein so genannter nationaler Qualifikationsrahmen schließlich wäre das Tüpfelchen auf dem i. Mithilfe eines solchen Leistungspunktesystems könnten sämtliche bereits erworbenen Qualifikationen auf weiterführende Bildungsgänge angerechnet werden. Das Beste aber ist: Beruflich und akademisch erworbene Kompetenzen würden endlich vergleichbar, was die duale Berufsausbildung à la Deutschland ins rechte Licht rücken dürfte - werden akademische Abschlüsse international doch immer noch pauschal höher bewertet.
Erstveröffentlichung:
iwd – Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Nr. 23 vom 9. Juni 2005
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