Abi zwischen Integration und Abschottung

(hpf) In Hannover ist zu Beginn des laufenden Schuljahres ein "Deutsch-türkisches Gymnasium" gestartet. Sein Ziel ist nicht eine türkische Schule für türkischstämmige Kinder, sondern ein optimales Bildungsumfeld für alle – unabhängig von ihrer Herkunft.

22.07.2008 Niedersachsen Artikel

Seda hat ein Liniennetz kreuz und quer über ein Blatt Papier gezeichnet, die so entstandenen Dreiecke ergeben ein komplexes Muster. Nun malt die Fünftklässlerin die Flächen aus, mit unterschiedlichen Blautönen. "Wie Pablo Picasso", erklärt Seda, "der hatte eine Phase, in der er ebenfalls ganz in Blau malte." Picasso ist Thema im Kunstunterricht der Klasse 5a am VIB-Privatgymnasium in Hannover. "Lehrstoff wie an jedem x-beliebigen Gymnasium in Niedersachsen", sagt Kunstlehrerin Häßler. Doch während sich an anderen niedersächsischen Gymnasien bis zu 30 Schüler in einer Klasse drängeln, sitzen in Häßlers 5a nur 17 Jungen und Mädchen. Und: Sie stammen allesamt aus türkischen Familien.

Allen gerecht werden

Beste Bildungschancen für alle Schüler – mit diesem Ziel startete der Trägerverein Integration und Bildung (VIB) 2007 das hannoversche Privatgymnasium. An staatlichen Schulen seien die Bedingungen nicht immer optimal, sagt VIB-Geschäftsführer Yusuf Ordueri: "Gerade Kinder mit Migrationshintergrund werden dort bisweilen nicht ausreichend gefördert." Ordueri kennt die Schwierigkeiten dieser Schüler, er leitet seit mehr als zehn Jahren ein Nachhilfeinstitut. Vor allem türkischstämmige Eltern traten häufig an den VIB-Geschäftsführer heran – mit dem Wunsch nach einer Schule, die ihren Kindern bessere Chancen bietet. Karl-Heinz Müller, Leiter des Privatgymnasiums, stellt fest: "Etliche unserer Fünftklässler haben zwar lauter Zweier im Abschlusszeugnis, werden aber von ihren Grundschulen dennoch für die Realschule empfohlen." Am Privatgymnasium sollen nun alle Schüler unter besten Bedingungen lernen, unabhängig von ihrer Herkunft. Beispielsweise ist die Klassenstärke auf maximal 20 Kinder festgesetzt. So können Lehrer allen Schülern ausreichend viel Zeit widmen, durch Binnendifferenzierung der ganzen Lerngruppe gerecht werden.

Das Kultusministerium hat das VIB-Gymnasium genehmigt, vorerst für die Sekundarstufe I. Aktuell werden rund 45 Schüler in zwei fünften und einer sechsten Klasse unterrichtet. Die Stundenpläne sehen aus wie überall in Niedersachsen, denn es gelten niedersächsische Rahmenrichtlinien, inklusive Fächerkanon von Englisch bis Mathe und Sport. "Wir bereiten unsere Schüler schließlich auf das Zentralabitur vor", sagt Schulleiter Müller, "natürlich ausschließlich in der gängigen Unterrichtssprache: Deutsch."

Sprachförderung mit besonderem Stellenwert

In einem geht das Privatgymnasium über die Standardstundentafel hinaus: in der Sprachförderung. Einerseits können Kinder mit Migrationshintergrund die Sprache ihrer Eltern oder Großeltern vertiefen. Zur Zeit steht ausschließlich Türkisch auf dem Programm, die Familien aller Schüler stammen aus der Türkei. Daneben sind wöchentlich zwei Förderstunden Deutsch verpflichtend. "Unsere Schüler sprechen zwar allesamt akzentfrei", sagt Deutschlehrerin Häßler, "doch manchmal wird die Grammatik zum Stolperstein, beispielsweise der korrekte Gebrauch von Artikeln, außerdem hapert es bei einigen Schülern etwas bei der Rechtschreibung." Im Förderunterricht wird Grundsätzliches geklärt, darüber hinaus werden individuelle Schwierigkeiten behandelt. "Auch außerhalb der Klassenräume bestehen wir auf Deutsch als Umgangssprache", sagt Häßler.

Über das VIB-Privatgymnasium wird und wurde in Hannover viel diskutiert. Damit entstehe eine rein türkische Einrichtung, lautet einer der Vorbehalte. Schulleiter Müller winkt ab: "Niemand in unserem zehnköpfigen Lehrerkollegium hat einen entsprechenden Migrationshintergrund, könnte beispielsweise auf Türkisch lehren." Nationalität spiele am Privatgymnasium keine Rolle, ergänzt VIB-Geschäftsleiter Ordueri: "Zum kommenden Schuljahr haben sich bereits drei deutschstämmige Schüler angemeldet." Nicht der ethnische Hintergrund, das Konzept soll überzeugen. Den Betrieb zu finanzieren, bedeutet zur Zeit einen Kraftakt. Das Land Niedersachsen beteiligt sich bei Privatschulen erst nach dreijährigem Betrieb an der Finanzierung, so lange trägt allein der VIB als Trägerverein die Kosten. Das Schulgeld deckt rund ein Drittel der Ausgaben für Miete, Gehälter und Materialien, rund 240 Euro zahlen Eltern monatlich. "Das fällt vielen Familien nicht leicht", sagt Müller, "doch sie sind bereit, in die Zukunft ihrer Kinder zu investieren."

Initiative gegen alle Widerstände

Politik und Öffentlichkeit blicken mit gemischten Gefühlen auf die Schule des VIB. Dass Menschen mit Migrationshintergrund es für notwendig hielten, das Privatgymnasium zu gründen, sei eine Bankrotterklärung des deutschen Schulsystems, so Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil. Der migrationspolitische Sprecher der hannoverschen SPD-Fraktion, Alptekin Kirci, fürchtet, dass Bildung immer stärker zur Privatsache werde, dass Chancen zunehmend vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Die Eigeninitiative rund um das VIB-Gymnasium sieht er jedoch positiv: "Türkischstämmige Migranten sind nicht grundsätzlich bildungsfern, viele wissen, dass Bildung ein Schlüssel zum glücklichen Berufsleben ist. "

Die Initiatoren vom VIB jedenfalls schauen in die Zukunft: Ihre Schule soll über die Sekundarstufe I hinaus zu einem vollwertigen Gymnasium wachsen, inklusive abschließender Abiturprüfung. Dazu muss das Land noch seine Zustimmung geben. Schulleiter Müller und VIB-Geschäftsführer Ordueri sind sich sicher: Das Privatgymnasium wird alle Anforderungen erfüllen.

Kompakt

Die Initiatoren des Trägervereins VIB reagieren mit dem Privatgymnasium in Hannover auf fehlende Angebote des deutschen Schulsystems. An ihrem Gymnasium ist Programm, was Schulexperten fordern: Kleine Klassen, individuelle Förderung, engagierter Unterricht, teilweise in Projekten. Insofern liegt das hannoversche VIB-Gymnasium im Trend: Etliche Eltern ergreifen die Initiative und nehmen das Bildungsschicksal ihrer Kinder in die eigene Hand.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst


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