Abitur für alle?
Der Bayerische Philologenverband (bpv) hat Forderungen des Grund- und Hauptschullehrerverbandes BLLV nach der Abschaffung des vielgliedrigen Schulwesens, der Abschaffung von Noten und der Abschaffung des Sitzenbleibens zurückgewiesen. Der bpv-Vorsitzende Max Schmidt sagte dazu am Donnerstag in München: "Das ist Humbug. Solche Forderungen laufen in letzter Konsequenz auf eine Gesamtschule hinaus, in der alle Schüler das Abiturzeugnis erhalten. Genauso gut könnte man dann dazu übergehen, Abitur und allgemeine Hochschulreife bereits gleich auf der Geburtsurkunde zu bescheinigen."
31.07.2008 Bayern Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)Angaben über Zahl der Klassenwiederholer derzeit seriöserweise noch nicht möglich
Schmidt kritisierte, dass der BLLV auch heuer wieder mit vermuteten Zahlen Stimmung gegen das gegliederte Schulsystem zu machen versuche: "Seriöse Angaben über die Zahl der Klassenwiederholer sind derzeit nicht möglich. Aber darum scheint es auch nicht zu gehen. Ich habe eher den Eindruck, dass dem BLLV die mediale Empörungswelle nach seiner letztjährigen Schätzung von 35.000 Sitzenbleibern nicht hoch genug geschlagen ist. Nun versucht man es mit einem deutlichen Aufschlag und wirft die Zahl 50.000 auf den Markt." Im Bereich der Gymnasien, so Schmidt, sei keine Steigerung der Wiederholerzahlen feststellbar. Hier sinkt seit Jahren die Quote.
bpv-Rat an SPD: Abnabelung vom BLLV und schulpolitisch auf eigenen Füßen stehen
Deutliche Kritik übte Schmidt auch an der Bildungspolitik der bayerischen SPD: "Anstatt durchdachte eigene Ideen zu präsentieren, betet die SPD fast schon reflexartig immer wieder aktuelle Positionen und Forderungen des Lehrer- und Lehrerinnenverbandes nach – Ist der BLLV etwa der bildungspolitische "Think Tank" der bayerischen SPD? Ich persönlich kann der SPD nur raten, sich intellektuell vom BLLV abzunabeln und auf eigenen Füßen zu stehen, wenn sie schulpolitisch punkten will."
Wiederholung einer Klasse kann auch neue Chance sein
Aus diesen Zahlen und aus volkswirtschaftlichen Gründen die Abschaffung des Sitzenbleibens abzuleiten, hält der bpv für falsch. "Wer das fordert, denkt zu kurz", urteilte Schmidt. Die Konsequenz dieser Argumentation bedeute nämlich, auch Schülern ohne entsprechende Qualifikation das Abitur zu verleihen. "Der daraus entstehende volkswirtschaftliche Schaden dürfte um einiges größer sein als das Sitzenbleiben", gab der Verbandsvorsitzende zu bedenken. Ein Verbleiben in der überfordernden Klassenstufe würde sich außerdem demotivierend und entwicklungshemmend auf die Schüler auswirken. Ein klug genutztes Wiederholungsjahr dagegen biete eine "echte Chance", die Schullaufbahn erfolgreich zu beenden. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) kommt in einer Studie an 2500 Schülern sogar zu dem Ergebnis, dass 50 Prozent der Sitzenbleiber einen besseren Abschluss erreichen als vergleichbare Nicht-Sitzenbleiber.
Sitzenbleiben von Schülern, Eltern und Lehren befürwortet
Auch die Schüler selbst widersprechen der Forderung des BLLV. So hat eine Umfrage des bpv unter 1000 Gymnasiasten im Jahr 2002 ergeben, dass rund 76 Prozent das Wiederholungsjahr als sinnvoll ansehen und nicht abschaffen wollen. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine repräsentative Lehrerumfrage der GEW und des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung aus dem Jahr 2006 (62 Prozent). Einer repräsentativen Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2002 zufolge wird die Ehrenrunde auch von 79 Prozent der Bevölkerung befürwortet.
... und Noten zuverlässiger Indikator für Leistungen
Auch die Vergabe von Noten, die der BLLV als demotivierend ablehnt, möchte der bpv laut Schmidt beibehalten. "Bayerische Notenbögen erfassen das Fachwissen, motivationale Faktoren wie Mitarbeit sowie soziale Komponenten wie Verhalten. Sie sind ein zuverlässiges Instrument der Leistungsmessung." Erziehungswissenschaftler bestätigen die Erfahrung von Lehrkräften und vieler Eltern, dass Noten immer noch das probateste Mittel sind, den Leistungserfolg in der Schule zu bewerten.
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