Ahnen: Ganztagsschule bietet Chancen für Neues Lernen über den Wissenserwerb hinaus
"Neues Lernen an Ganztagsschulen bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler ganzheitlich gefördert werden – in ihrem Wissen, in ihren kreativen Fähigkeiten und in ihrem sozialen Verhalten", erklärte Bildungs- und Jugendministerin Doris Ahnen beim Kongress "Neues Lernen – Ganztagsschule erleben" heute in Mainz.
30.01.2006 Rheinland-Pfalz Pressemeldung Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, Rheinland-PfalzDas erweiterte Zeitbudget an Ganztagsschulen eröffne Möglichkeiten, andere Schülerinnen und Schüler, aber auch Erwachsene wie Lehrkräfte und außerschulische Partner, besser kennen zu lernen und so Gemeinsamkeiten zu entdecken und Gemeinschaft zu leben. Ein ganz wichtiges Element für den sozialen Umgang miteinander sei in der Ganztagsschule das Angebot eines gemeinsamen Mittagessens. Deshalb begrüße sie die Absicht, bedürftige Familien und Kinder so zu unterstützen, dass kein Kind mehr aus finanziellen Gründen vom Mittagessen abgemeldet werde.
"Ein gemeinsames Mittagessen ist für mich ein unverzichtbarer Bestandteil eines pädagogischen Ganztagsschulkonzepts, das das ganze Zeitfenster von 8 bis 16 Uhr in den Blick nimmt", sagte Ahnen. Kinder aus einkommensschwachen Familien sollten das Mittagessen zu einem deutlich ermäßigten Preis erhalten. Sie könne sich vorstellen, so die Ministerin, dass sich neben dem Land und den Schulträgern auch private Sponsoren für eine solche Lösung engagieren.
Mit 304 neuen Ganztagsschulen in Angebotsform, die seit 2001 in Rheinland-Pfalz gegründet wurden, habe man eines der größten Schulentwicklungsprojekte der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland auf den Weg gebracht. "Und dieser Weg ist noch nicht zu Ende", erklärte Ahnen mit Blick auf die nahezu 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am landesweiten Ganztagsschulkongress. So habe man weitere 58 Errichtungsoptionen für Ganztagsschulen zum 1. August 2006 vergeben. Die hohe Beteiligung, vor allem von Schülerinnen- und Schülerseite, zeige, dass die Identifikation mit der Idee, Ganztagsschule als Lern- und Lebensraum zu gestalten, sehr hoch sei und sich alle an Schule Beteiligten in die Weiterentwicklung engagiert und mit eigenen Ideen einbringen wollten. Von Anfang an habe man bei der Auswahl der Schulen aus einer Vielzahl von Anträgen auf eine hohe Qualität der Ganztagsschulkonzepte geachtet.
Das rheinland-pfälzische Modell von Ganztagsschule basiere auf einem bildungsfördernden Konzept, das aus vier gleich gewichteten Elementen bestehe, die unverzichtbar seien: Unterricht und unterrichtsbezogene Ergänzungen, themenbezogene Vorhaben und Projekte, Förderung und Freizeitgestaltung. Diese Konzeption sei vor allem auch bei Eltern auf hohe Akzeptanz gestoßen, wie beispielsweise die Untersuchungen des Münchner Politik- und Sozialforschungsinstituts POLIS gezeigt hätten. "Eltern legen Wert auf eine individuelle und gute Förderung ihrer Kinder", so Bildungsministerin Doris Ahnen. Diesen Wunsch der Eltern hätten viele Ganztagsschulen bereits vorbildlich umgesetzt, indem sie spezielle, am Unterricht orientierte Fördermaßnahmen eingerichtet hätten. Erfreulich sei auch, dass die Schulen bei der Weiterentwicklung ihrer Konzepte verstärkt die Interessen und Anregungen der Schülerinnen und Schüler in den Blick nehmen. Nur so sei zu erklären, dass sich heute nahezu 27.000 Schülerinnen und Schüler und deren Eltern dafür entschieden, an dem Ganztagsschulangebot teilzunehmen.
Ahnen riet den Schulen zu, diesen Prozess der Beteiligung von Schülerinnen und Schülern weiter zu gestalten und noch zu verstärken. "Wer Kinder und Jugendliche zu Eigenverantwortung, Urteilsfähigkeit und zu gesellschaftlichem Engagement führen will, der muss sie an Planung und Umsetzung von Konzepten direkt und verantwortungsbewusst beteiligen", sagte Ahnen. Nur so könnten Schülerinnen und Schüler die heute notwendigen Kompetenzen für eine erfolgreiche berufliche Ausbildung und Berufslaufbahn erwerben.
Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Ludwigshafener Chemie-Unternehmens BASF, Eggert Voscherau, bekräftigte gegenüber den Kongress-Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Bedeutung von Bildung als zentraler Zukunftsressource: "Qualifizierte Bildung und Ausbildung – das sind die Fundamente der wettbewerbsfähigen Wissensgesellschaft im 21. Jahrhundert." Der Verzahnung von schulischer Bildung, Forschung an Universitäten und Wirtschaft komme hier eine sehr große Bedeutung zu. Voscherau betonte, es gelte schon bei den Kleinsten anzufangen: "Wenn sich in Deutschland Investitionen irgendwo lohnen, dann in der Pflege und Entwicklung unserer zentralen Ressourcen: Neugier, Kreativität und das Wissen unserer Kinder und Jugendlichen". Rheinland-Pfalz habe die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt und massiv in den Ausbau von Ganztagsschulen und deren personelle Ausstattung investiert, erklärte Ahnen. Hierfür stünden jährlich bis zu 60 Millionen Euro zur Verfügung. Außerdem sei das Land Spitzenreiter bei der Inanspruchnahme der Mittel aus dem Investitionsprogramm für Bildung und Betreuung des Bundes: 198 Millionen stünden zwischen 2003 und 2007 für bauliche Investitionsmaßnahmen an Ganztagsschulstandorten zur Verfügung. Bei der Konzeption habe man bewusst die Schulen auch für die Mitarbeit von außerschulischen Partnern geöffnet.
"Einige haben diesen neuen Weg der Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe oder mit Vereinen zunächst als ein Problem angesehen. Die Erfahrungen zeigen, es ist eine Bereicherung schulischen Lebens", sagte Ahnen. Mit dieser Öffnung von Schule zu ihrem sozialen Umfeld hin sehe man sich im Übrigen auch durch den aktuellen 12. Kinder- und Jugendbericht ausdrücklich bestätigt. So betonten dessen Verfasserinnen und Verfasser nachdrücklich: "Das Projekt Ganztagsschule, bei dem Schule und außerschulische Träger kooperieren, eröffnet eine realistische Chance, um ein neues System von Bildung, Betreuung und Erziehung zu entwickeln". Von dieser Chance konnten sich auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses bei einem Rundgang durch die "Erlebniswelt Ganztagsschule" überzeugen, in der 15 rheinland-pfälzische Schulen - von der Grundschule bis zum Gymnasium - praktische Beispiele neuen Lernens, gerade auch aus der Kooperation mit außerschulischen Partnern, präsentierten.
Der Berliner Familienforscher Prof. Dr. Hans Bertram sieht in einem solchen "schulischen Angebot, wie es die Ganztagsschule bietet, eine große Chance, dass Kinder so ihre Talente besser entfalten können". Durch ihr ausdifferenziertes Angebot an unterschiedlichen Aktivitäten sei die Ganztagsschule "auch die richtige Reaktion auf den demografischen Wandel", erklärte Bertram zum Abschluss des Kongresses. Er betonte, Kinder bräuchten für ihre positive Entwicklung nicht nur eine verlässliche Familie, sondern auch verlässliche Orte außerhalb der Familie. "Die Ganztagsschule ist ein solcher verlässlicher Ort, an dem Kinder durch ein vielfältiges pädagogisches Angebot besser gefördert werden können, insbesondere auch diejenigen Schülerinnen und Schüler, die sich bisher in der Schule nicht so wohl gefühlt haben", sagte der Familienforscher.
Bildungs- und Jugendministerin Ahnen ermunterte abschließend die Schulen, ihren Weg für ein neues Lernen, das Kindern und Jugendlichen Kompetenzen, Orientierung und Hilfe für ein eigenverantwortliches und selbstständiges Handeln gibt, konsequent weiterzugehen. Gemeinsames Ziel bleibe, allen Schülerinnen und Schülern die bestmögliche Bildung, Erziehung und Betreuung zukommen zu lassen.
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