PISA-Studie

Bildungschancen nicht ausgewogen verteilt

"Deutschland hat schul- und bildungspolitisch aufgeholt, das ist erfreulich. Lehrer und Schüler sind engagiert und leisten immens viel, obwohl die Voraussetzungen für erfolgreiches und ertragreiches Lernen nicht immer optimal sind. Das relativ gute Abschneiden bei der internationalen Pisa-Studie 2009 darf aber nicht über die massiven Probleme im Schul- und Bildungssystem hinwegtäuschen, vor allem in Bayern, einem Land, das sich notwendigen Schulreformen verweigert. Solange zehnjährigen Kindern der Zugang zu höherer Bildung systematisch erschwert wird, werden die Probleme nicht gelöst, sondern verschärft." Dieses Fazit hat der Präsident des Bayerischen Lehrer und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, aus den bereits vorab bekannt gewordenen Ergebnissen der internationalen OECD-Studie gezogen.

06.12.2010 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Er forderte, an allen Schulen ein neues Lernverständnis zu etablieren, Bildungschancen sozial benachteiligter Kinder zu erhöhen und alle Schüler/innen intensiv und individuell zu fördern.

Es sei verantwortungslos, dass zehn Jahre nach Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie Bildungschancen immer noch nicht ausgewogen verteilt seien. "Trotz der Pisa-Erfolge müssen wir feststellen, dass in Deutschland und insbesondere in Bayern die Schere zwischen arm und reich, zwischen denjenigen, die an Bildung partizipieren können und denen, die ausgegrenzt werden, immer weiter auseinander geht", sagte Wenzel heute in München. Das sei bedrohlich und könne langfristig den sozialen Frieden gefährden. Viele Lehrerinnen und Lehrer wollten einen anderen Weg gehen, ihre Schüler tatsächlich fördern und möglichst vielen möglichst hohe Abschlüsse ermöglichen. "Doch sie sind gezwungen, andauernd zu sortieren. Das führt zu den großen Verwerfungen im Schul- und Bildungssystem, mit denen uns Studien wie Pisa immer wieder konfrontieren", erklärte er. Anstatt endlich angemessen darauf zu reagieren, werde die Schulwirklichkeit schön geredet, Probleme würden nicht gelöst, sondern bagatellisiert, manchmal sogar verschärft.

Die Pisa-Studien lieferten seit Jahren wertvolle Hinweise, an welchen erfolgversprechenden Ansätzen anderer Staaten sich deutsche Bildungsreformen orientierten könnten. Es gebe zahlreiche Länder, die vormachten, wie eine hohe Qualität von Bildungsleistungen und eine ausgewogene Verteilung von Bildungschancen zu erreichen seien. Die Stichwörter lauteten Integration, Durchlässigkeit und individuelle Förderung. Deutschland habe Bildungsstandards eingeführt, in den Fokus gerückt sei auch die frühkindliche Förderung, in der Schulstruktur setze sich bundesweit die Zweigliedrigkeit durch. "Das ist positiv zu werten", sagte Wenzel. In Bayern allerdings werde die Weiterentwicklung von Schulstrukturen massiv blockiert, was zu einer Stagnation in der Schul- und Bildungspolitik insgesamt führe.

"Im Mittelpunkt erfolgreicher Bildungsstaaten stehen der Lernende und das Lernen, nicht Systemfragen und Abgrenzungsbemühungen. Breitenförderung und Spitzenförderung stellen keine Gegensätze dar, sondern bedingen einander", sagte der BLLV-Präsident. Auch der Ausbau ganztägiger rhythmisierter Ganztagsangebote wäre ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung gewesen, "doch dieser Schritt wurde und wird bundesweit nur sehr zaghaft und zurückhaltend gegangen", kritisierte er. "Der Bedarf ist auch zehn Jahre nach Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie bei Weitem nicht gedeckt, weder in Deutschland noch im Bundesland Bayern. In vielen anderen erfolgreichen OECD-Staaten sind gute Ganztagsschulen längst selbstverständlich."

Darüber hinaus werde unverändert wenig Geld für die frühkindliche Förderung bereit gestellt. Erzieher/innen verdienten immer noch beschämend wenig und sollten gleichzeitig höchsten Ansprüchen genügen. "Sie klagen seit Jahren über schlechte Arbeitsbedingungen, zu große Gruppen und zu wenig Personal. Das zeigt, welchen Stellenwert frühkindliche Bildung tatsächlich hat." In Bayern, wo, allen wissenschaftlichen Untersuchungen und Erkenntnissen über Lernprozesse bei Kindern zum Trotz, Zehnjährige auf verschiedene Schultypen verteilt werden, stehen die Grundschulen unter dem Joch der frühen Auslese. "Unter solchen Voraussetzungen können Lehrerinnen und Lehrer nicht so fördern, wie sie es gerne wollten. Lernbereitschaft und Motivation würden abgewürgt. Die Atmosphäre in dritten und vierten Grundschulklassen ist gespenstisch. Soziale und familiäre Defizite werden hier nicht ausgeglichen, sondern verstärkt."

"Pisa zeigt uns außerdem immer wieder auf, dass die Art, wie unsere Kinder an den Schulen lernen, kontraproduktiv und ohne Nachhaltigkeit ist: Schülerinnen und Schüler, die Lernstrategien beherrschen und regelmäßig anwenden, erzielen bessere schulische Leistungen. Folglich müssen bei möglichst vielen jungen Menschen Lerninteresse geweckt und erhalten sowie Lernstrategien erlernt und geübt werden. Solange die Lehrpläne überquellen und schulisches Lernen sich zu oft auf träges und totes Faktenwissen bezieht, wird die erdrückende Mehrheit der Kinder und Jugendlichen Schule als notwendiges Übel empfinden." Es gehe an den Schulen gegenwärtig nicht um Lerngewinn und Bildung, sondern um den Erwerb von Punkten, Noten, Übertritten, Abschlüssen und Berechtigungen. "Das gängige Lern- und Leistungsverständnis an den Schulen ist überholt und muss dringend reformiert werden."

Für den BLLV forderte Wenzel die Bayerische Staatsregierung auf, die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie ernst zu nehmen und entsprechend darauf zur reagieren.


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