BLLV fordert gleiche Bildungschancen für alle
Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, forderte die Staatsregierung auf, die Datenbasis über Armut in Bayern zu aktualisieren und die Ergebnisse des Landessozialberichts möglichst rasch vorzustellen. "Wir müssen derzeit noch auf Zahlen aus dem Sozialbericht aus dem Jahr 1998 zurückgreifen, weil in Bayern Daten über den familiären Hintergrund von Schülern und deren Schulerfolg seit 20 Jahren nicht erhoben wurden. Die bekannten Fakten sind erdrückend und beschämend genug", erklärte Wenzel. So leben derzeit rund 140.000 Kinder in Hartz IV-Familien. Jedes dritte Kind in Bayern ist bei seiner Einschulung therapiebedürftig. Arme Kinder werden ausgegrenzt, sie haben kaum Chancen auf eine höhere Schulbildung. Das bayerische Schulsystem muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es nichts dazu beträgt, Armut abzubauen, sondern im Gegenteil Armut zementiert." Von Armut betroffene Kinder werden benachteiligt, ausgegrenzt und letztlich diskriminiert. Wer arm ist bleibt es in der Regel auch." Den gestern angekündigten Ausbau von Ganztagsklassen in Bayern bezeichnete Wenzel als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung - "allerdings sind viele Fragen offen."
25.06.2008 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.Lippenbekenntnisse und Betroffenheitslyrik helfen armen Kindern nicht. Was sie brauchen sind Taten. "Arme Kinder müssen vor allem materiell unterstützt werden. Sie brauchen eine frühe und gezielte Förderung, damit sie Defizite ausgleichen können. Eltern armer Kinder müssen mit entsprechenden Angeboten unterstützt und begleitet werden, damit sie sich besser integrieren und sozialisieren können. An den Schulen müssen Unterrichtsinhalte angeboten werden, die armutsspezifische Probleme aufgreifen, z.B. im Bereich Gesundheitserziehung, Ernährung, Freizeitgestaltung oder Berufsorientierung. Das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl armer Kinder muss professionell gestärkt werden. Dringend erforderlich sind ein flächendeckendes, am Bedarf orientiertes Angebot rhythmisierter Ganztagsplätze an allen Schulen und eine längere gemeinsame Schulzeit.
Als Schritt in die richtige Richtung bezeichnete Wenzel die gestern von Staatsregierung und Kultusministerium vorgestellten Pläne zum Ausbau von Ganztagsklassen in Bayern. "Allerdings sind diese Versprechen kein Grund für Euphorie", erklärte Wenzel. Ungeklärt sind die Finanzierung sowie die erforderlichen pädagogischen Konzepte. Ungeklärt ist auch, woher das dafür erforderliche Personal kommen soll. "Der BLLV besteht weiterhin auf eine Bedarfsanalyse, "damit endlich geklärt ist, wie und in welcher Form Ganztagsangebote gewünscht und akzeptiert werden." Außerdem erwartet der BLLV, dass die Kürzungen der zusätzlichen Lehrerstunden von 19 auf 12 sofort zurückgenommen werden."
Es ist bekannt, dass Kinder aus armen Familien weniger Schulerfolge aufweisen. Häufig sind sie es, die eine Klassen wiederholen müssen oder die Schule abbrechen. Sie weisen geringere Kompetenzen und schlechtere Schulabschlüsse auf. Das führt zu geringeren Chancen für eine qualifizierte Berufsbildung. "Eine solide, qualifizierte Berufsausbildung ist heute jedoch unerlässlich. Wer darüber nicht verfügt, ist kaum in der Lage, ein eigenständiges Leben zu führen", erklärte der BLLV-Präsident. Ohne qualifizierte Bildung haben Jugendliche geringere Beschäftigungs- und Einkommenschancen und damit ein höheres Risiko künftig wieder in Armut zu leben bzw. letztlich dort zu verbleiben. So gibt es in Bayern immer mehr Familien, die bereits in der dritten Generation von Arbeitslosigkeit und verhängnisvoller Armut betroffen sind.
Armut führt zu gesellschaftlicher und institutioneller Benachteiligung. Benachteiligung hat soziale Ausgrenzung zur Folge. Wer ausgegrenzt wird, läuft Gefahr, gesellschaftlich diskriminiert zu werden. Wenzel: "Dieser Kreislauf ist verhängnisvoll und kann depressives oder aggressives Verhalten auslösen. Chancengerechtigkeit ist also auch ein wesentlicher Bestandteil einer stabilen demokratischen Gesellschaft. Arme Kinder müssen deshalb die gleichen Bildungs- und Erfolgschancen haben wie Kinder aus gut situierten Familien."
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