Bayern

BLLV pocht auf inhaltliche Reform des G8

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, fordert eine inhaltliche Neuausrichtung für alle bayerischen Gymnasien. Die äußere Reform, die Verkürzung um ein ganzes Schuljahr, sei nun abgeschlossen, jetzt müssten dringend Veränderungen an den Inhalten vorgenommen werden. Vor allem gelte es, sich von anachronistischen Lern- und Leistungsvorstellungen zu verabschieden. "Wenn sich nichts bewegt, kann in diese Schulen keine Ruhe einkehren", warnte er heute in München.

28.09.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Die Belastungen seien für Schüler und Lehrer immens bei gleichzeitig geringer Effizienz, denn nachhaltig kann an den bayerischen Gymnasien aufgrund der Stoffüberfrachtung und Prüfungsfixierung meist immer noch nicht gelernt werden. Lehrkräfte sehen sich dadurch vielmehr gezwungen, ihre Schüler im 45- bzw. 90-Minuten-Takt frontal zu unterrichten. Diese spulen das schnell angeeignete Wissen bei den Prüfungen ab, ihre Leistungen werden dann verglichen und bewertet. "Diese Vorgehensweise ist nicht zeitgemäß", kritisierte Wenzel. Tiefes Verstehen oder Erfassen komplexer Zusammenhänge blieben auf der Strecke. Hinzu komme, dass die Schüler nicht individuell gefördert werden könnten, die Prüfungsdichte zu hoch sei und der Ausbau rhythmisierter Ganztagsgymnasien kaum voran komme. "Das G8 kann aber nur als echte Ganztagschule funktionieren, einer Schule, in der sich Unterrichts- und Entspannungsphasen über den Tag verteilt abwechseln", betonte er. Für die gymnasiale Lehrerbildung mahnte er einen Paradigmen- und Perspektivenwechsel an.

"Die einzelne Lehrperson muss aus der Rolle des Aktiven, des ´Belehrers´ zurücktreten und mehr zum Beobachter und im Bedarfsfall Berater werden." Das sei ein schwieriger Prozess und könne in den gegenwärtigen gymnasialen Strukturen kaum gelingen. Deshalb sei den Lehrrinnen und Lehrern auch kein Vorwurf zu machen, betonte Wenzel. "Solche Prozesse brauchen Zeit und solange es Praxis ist, dass ein Gymnasiallehrer nach 45 oder 90 Minuten das Klassenzimmer wechseln muss und bis zu 300 verschiedene Schülerinnen und Schüler unterrichtet, kann das schwer gelingen."

Damit die innere Reform des G8 gelingen kann, muss sich auch die gymnasiale Lehrerbildung verändern: Die Studierenden sollten Gelegenheit erhalten, neue Unterrichtsmethoden kennenzulernen und ihre Diagnosekompetenz zu schulen. Sie müssen auch erfahren, wie sie die Herausforderungen bewältigen können, die die steigende Heterogenität der Schülerschaft mit sich bringt. "Grundsätzlich brauchen die angehenden Lehrkräfte mehr Berufsfeldorientierung während ihres Studiums", betonte Wenzel. Noch immer liege der Schwerpunkt bei der Vermittlung von Fachwissen - "das allein reicht aber nicht mehr aus."

Für individuelle Förderung ihrer Schüler hätten die Lehrerinnen und Lehrer an den Gymnasien weder Zeit noch Ruhe: "Wer tatsächlich individuell fördern will, muss zunächst einmal Eingangsdiagnosen für jeden einzelnen Schüler erstellen können. Sie sind die Basis für individualisierte Lern- und Förderpläne, nach denen jeder Schüler für sich arbeitet. Im nächsten Schritt werden individuelle Entwicklungs- und Arbeitsprozesse beobachtet, entsprechende Rückschlüsse folgen. Der einzelne Schüler wird also mit sich selbst und nicht mit anderen verglichen. Daraus sind dann Lern- und Leistungsfortschritte ablesbar. In den immer noch übergroßen gymnasialen Eingangsklassen, die von höchst unterschiedlichen Kindern mit ebenso unterschiedlichen Bedürfnissen besucht werden, bräuchte es für die Umsetzung dieser Prozesse mindestens in den Kernfächern eine zweite Lehrkraft", erläuterte Wenzel. Das sei kostspielig und politisch nicht gewollt. "Stattdessen wird der Begriff der ´individuellen Förderung´ instrumentalisiert."

Weil die Kollegien an den Schulen allesamt mit massiven Personalmangel zu kämpfen hätten und versuchen müssten, die Unterrichtsversorgung irgendwie aufrecht zu erhalten, gebe es für Veränderungsprozesse keinen Raum: "Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind ´reformmüde´, weil sie die Erfahrung machen mussten, dass Reformen immer zu ihren Lasten gehen und das erforderliche Personal nicht zur Verfügung gestellt wird." Ihre Situation sei alles andere als einfach. "Sie werden mit ihren Problemen alleingelassen", kritisierte Wenzel. "Inhaltliche Neuausrichtungen können ohne deutliche Verbesserungen der Lern- und Arbeitsbedingungen nicht vorangetrieben werden. Die bayerischen Gymnasien brauchen Lehrer, Lehrer und nochmals Lehrer." Ohne Personal könne im Übrigen auch der dringend erforderliche Ausbau rhythmisierter Ganztagsschulen nicht gelingen.


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