"Der Schwarze Peter geht an das Schulsystem"
(red) Bildungschancen in Deutschland sind höchst ungleich verteilt und von Chancengerechtigkeit kann derzeit keine Rede sein. Das belegt der im März 2012 veröffentlichte Chancenspiegel, den Prof. Dr. Wilfried Bos von der TU Dortmund im März vorgelegt hat. Fragen dazu an die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marianne Demmer.
26.03.2012 ArtikelFrau Demmer, sind Sie von den Ergebnissen dieser Studie überrascht?
Marianne Demmer: Nein, es sind die bekannten Daten anders geordnet worden. Es ist ganz sinnvoll noch einmal dran zu erinnern, dass die Bildungsgerechtigkeitsfrage die große ungelöste Frage unseres Schulsystems ist. Wobei man sagen muss man hätte sich schon ein paar frischere Daten gewünscht
<iframe width="484" height="276" src="http://www.youtube.com/embed/Z71uzqovQeE" frameborder="0" allowfullscreen></iframe> Die Kultusminister sagen beinahe unisono: Wir haben alles richtig gemacht. Sehen Sie das auch so?
Marianne Demmer: Wir finden, dass die Kultusminister etwas versäumt haben und zwar etwas Entscheidendes, nämlich dieses Thema zur Priorität zu machen. Stattdessen haben sie unendlich viel Kraft und Aufwand in Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten gelegt, womit die Schulen konfrontiert sind. Und es gibt auch nicht eine vergleichbare Aktivität und ein vergleichbares Engagement in der Frage der Bildungsgerechtigkeit, der individuellen Förderung. Das ist zwar in aller Munde aber nicht in aller Realität
Ist Bildungsgerechtigkeit gar nicht erwünscht?
Marianne Demmer: Es gibt welche, die es nicht wollen. Ich würde sie nicht unter Kultusministern vermuten sondern eher bei gewissen Lehrerorganisationen, die an der Thematik nicht so interessiert sind. Ich glaube, die Kultusministerwürden schon gern, dass die Lehrer und die Schulen es richten und es hinbekommen. Meiner Meinung nach fehlt ihnen der systematische Zugriff auf diese Problematik. Da würde man aber nicht mit paar Pflästerchen und ein bisschen weißer Salbe agieren können, sondern dann muss richtig investiert werden. Dann muss in Lehrerfortbildung investiert werden, dann müssen die Schulen Etats haben, um sich beraten zu lassen, wenn behinderte Kinder in der Klasse sind. Das ist richtig teuer. Das wollen die Kultusminister vielleicht machen, aber da sind die Finanzminister die harten Gegenspieler, die das Geld nicht bereitstellen. Es ist, glaube ich, eine Gemengelage. Boshaftigkeit würde ich keinem unterstellen wollen, aber mangelndes Engagement.
Welchen Anteil haben die Lehrer an dieser Misere?
Marianne Demmer: Der Schwarze Peter geht ans Schulsystem. In dem Moment, wo ich ein Schulsystem schaffe, das sagt, Abitur ist etwas ganz Tolles, das schaffen nur wenige und nach dem 4. Schuljahr wissen wir, wer eigentlich fähig ist, das Gymnasium zu besuchen und wer nicht und ihr Lehrer müsst diesen Stempel aufdrücken, ´dieses Kind hat eine gute Prognose ins Gymnasium zu kommen`, in dem Moment schaffen Sie solche Situationen. Und da ist Bayern traditionell ganz besonders rigoros und nachdrücklich. Die Lehrer können wenig machen, selbst wenn die Grundschulfrauen alle Kinder zum Gymnasium schicken würden, dann hätten Sie trotzdem die Situation, dass durch Konkurrenz in den Gymnasien nach 1,2 Schuljahren ein bestimmter Anteil zurückgeschickt würde, sodass es sich dann wieder ausbalanciert.
Bringt das zweigliedrige Schulsystem Verbesserungen?
Marianne Demmer: Ich hoffe es. Dass es eine wird, setzt einiges voraus, weil die Gefahr gerade in Hamburg zum Beispiel ist, dass doch mehr als 50 Prozent zum Gymnasium gehen und dann diejenigen, die einen besonders hohen Förderbedarf haben auf diese zweite Säule verwiesen sind, wodurch es dort wieder schwierig für die Lehrerschaft wird. Also, ob das wirklich schon die Lösung ist, bezweifele ich, ob es Zwischenschritt ist, kann man wahrscheinlich auch bezweifeln. Nur die Hoffnung, dass man auch daraus etwas gutes irgendwie hinbekommt, stirbt zuletzt.
Die GEW bleibt bei ihrer Forderung nach der Gesamtschule?
Marianne Demmer: Wir bleiben bei der einen Schule für alle, nicht nur Gesamtschule, sondern die inklusive Schule für alle, da sind wir ganz rigoros und fühlen uns durch die Entwicklung bestärkt. Wenn wir zu dem Zeitpunkt mit dem Umbau des Schulsystems begonnen hätten als die GEW es gefordert hat, wären wir heute durch. Dann hätte man heute die Situation, dass man sich tatsächlich auf die inneren Schulreformen konzentrieren könnte, dass man am System Verbesserungen entwickeln könnte. So sind wir seit 40 Jahren damit beschäftigt, solche Grundfragen zu erklären, zu bearbeiten und zu erkämpfen. Es geht ja auch unheimlich viel Kraft in diese permanenten Auseinandersetzungen. Und die Lehrerschaft hat bisher aus jedem Schulsystem versucht, etwas halbwegs Ordentliches zu machen.
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