Der Wert digitaler Werte
Werte und Normen unterliegen einem stetigen Wandel, den die Anonymität im Netz noch verschärft. Welche Rolle werden Privatsphäre, Sicherheit und Vertrauen für kommende Generationen noch spielen?
06.12.2018 Bundesweit Artikel Martin StengelOb in der Kita, auf dem Pausenhof oder am Esstisch: Werte und Normen werden Heranwachsenden überall vermittelt. Sie sollen lernen, was für die Gesellschaft erstrebenswert und moralisch erwünscht ist. Dieser Prozess findet jedoch zunehmend digital statt. Digitale Medien sind laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zu einem Raum geworden, in dem das individuelle und gesellschaftliche Wertesystem verhandelt und geprägt wird. Für die meisten Kinder und Jugendlichen ist dieser digitale Raum heute Normalität.
Welche Werte wichtig sind
In der Forschung wird der Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Wertebildung bisher jedoch nur selten betrachtet. Die U9- und U25-Studien im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet gehören zu den wenigen Ausnahmen. Sie untersuchen, wie das digitale Verhalten bei unter 25-jährigen mit ihrem Wertesystem verknüpft ist:
Während die unter 9-jährigen in der digitalen Welt noch stark von den Eltern begleitet und kontrolliert werden, emanzipieren sich Kinder mit steigendem Alter. Für Jugendliche stellt Freundschaft dabei einen wichtigen Wert dar. Ihnen geht es jedoch nicht um die vielen Freunde in sozialen Netzwerken. Laut Studie unterscheiden Jugendliche zwischen ihren Facebook-Bekannten und guten Freunden. Wichtig in diesen Beziehungen sind ihnen geteilte Werte, Ansichten und Interessen sowie die Sicherheit, sich aufeinander verlassen zu können.
Wenn es um ihre Privatsphäre geht, ist den Digital Natives vor allem der Schutz ihrer sozialen Reputation wichtig; kurz: Fotos und Informationen, die intim sind oder peinlich werden könnten. Personenbezogene Daten halten sie hingegen für weniger schützenswert, was laut den Forschern ein neues Verständnis von Privatheit erkennen lässt. Die Studienergebnisse zeigen, dass das Thema Sicherheit im Netz für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwar noch wichtig ist: Sie vertrauen allerdings neben Antiviren-Software, eher auf das Wissen ihrer Freunde oder das eigene Bauchgefühl. Institutionen wie Verbraucherzentralen, Ämter, Behörden oder die Polizei sind für sie weniger von Bedeutung.
Sicher ins Neuland begleiten
Das geringe Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen, für den Wert der eigenen Daten und Privatsphäre birgt laut BMFSFJ Gefahren. Die heranwachsende Generation ist für das Ministerium nicht nur die Avantgarde der digitalen Entwicklung, sondern auch besonders von den Risiken digitaler Medien betroffen. Mobbing, Beleidigungen oder Hassreden sind nur einige Gefahren, die im Netz lauern.
Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hält in diesem Zusammenhang die Anonymisierung für eine der schwierigsten und schlimmsten Entwicklungen des Netzes: „Die Brutalisierung geht sehr viel leichter, wenn sie über anonyme Medien passiert. Man kann sich offensichtlich leichter ausleben, wenn man seiner ganzen Wut anonym am den Rechner Luft macht als Face-to-Face.“
Für den Professor für Kunst und Liturgie ist die Art, wie wir im Netz miteinander umgehen, vor allem eine Frage der Erziehung. Das habe zunächst noch nichts mit der Digitalisierung zu tun. Schule und Kita nehmen für Sternberg eine zentrale Position ein, denn Wertevermittlung finde primär über Menschen statt: „Es wird umso mehr auf Erzieher und Lehrkräfte ankommen.“ Nur im Zusammenspiel von Kita, Schule und Familie, können junge Menschen laut BMFSFJ bereits im Kindesalter ein Grundverständnis für ein angemessenes Kommunikationsverhalten und den Wert persönlicher Daten entwickeln.
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