Ein Jahr Mathe und nichts dazugelernt?
Besorgniserregend waren die Ergebnisse der Längsschnittuntersuchung PISA-I-Plus, die im November 2006 vorgestellt wurden: Demnach lernt mehr als ein Drittel der deutschen Schüler zwischen der neunten und zehnten Klasse im Fach Mathematik nichts dazu. Deutschlands „Schulprüfer der Nation“ (Die ZEIT), Professor Olaf Köller, Direktor des Berliner Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), überraschen diese Zahlen nicht.
23.01.2007 ArtikelHerr Köller, PISA-I-Plus wirft kein gutes Licht auf den deutschen Mathematikunterricht. Für sie ein überraschendes Ergebnis?
Köller: Nein, denn was sich hier abbildet, konnten wir bereits in den neunziger Jahren in der so genannten BIJU-Studie am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung feststellen: Es gibt eine erhebliche Zahl von Schülern, die über ein Schuljahr hinweg nichts dazulernen.
Und welche Erklärungen haben Sie dafür?
Köller: Das kann durch geringe Unterrichtsqualität verursacht sein, aber auch durch äußere Umstände – etwa Krankheiten des Schülers oder großen Unterrichtsausfall. Dazu muss man berücksichtigen, dass gerade die Mathematik in der zehnten Jahrgangsstufe an Gymnasien in etlichen Bundesländern nur an drei Stunden unterrichtet wird. Das sind 135 Minuten Unterricht, wenn der dann teilweise auch noch ausfällt oder – was wir auch kennen – wenn Schüler sich einfach abmelden aus der Mathematik, dann ist es auch nicht verwunderlich, dass wir nicht alle Schülerinnen und Schüler erreichen.
Warum steigen Schüler einfach aus der Mathematik aus? Das muss doch Ursachen haben.
Köller: Dazu muss man bedenken, dass Schüler gerade in diesem Alter durchaus andere Sorgen haben als die Mathematik – wenn ich etwa an die ganzen pubertären Fragestellungen denke. Dass etliche Jugendliche dann im Unterricht abschalten, finde ich überhaupt nicht überraschend.
Aber malen Sie sich das Ergebnis jetzt nicht zu schön, wenn Sie das Problem lediglich auf äußere Umstände schieben?
Köller: Es ist natürlich auch ein Problem des Mathematikunterrichts. Und es ist generell ein Problem von Schule in dieser Altersgruppe. Nämlich: Wie gelingt es, Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren noch für den Unterricht zu begeistern und Lernprozesse zu aktivieren? Dort sind wir beispielsweise in der Mathematik und den Naturwissenschaften mit dem SINUS-Programm auf einem guten Weg. Wir brauchen einen handlungsorientierten, kognitiv aktivierenden Unterricht, der die Schüler dazu zwingt, im Unterricht selbst zu arbeiten. Keinen rezeptiven Unterricht, in dem sie dann genau über ihre anderen Sorgen reflektieren können, sondern Unterricht, in dem sie agieren müssen. Dann ist die Chance relativ groß, dass sie auch etwas dazulernen.
Weiterführende Links
- Mehr zur Sonderstudie PISA-I
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