Einfach früher dran

(ber). Wenn Fünfjährige die erste Klasse besuchen, sind sie nicht immer hoch begabt, sondern einfach schulreif. Berlin zieht die Konsequenzen und schult ab dem kommenden Schuljahr standardmäßig Fünfjährige ein.

20.12.2004 Artikel

Anne-Christine S. hat ihre Schulzeit in schlechter Erinnerung. "Ich war ein Überflieger", und das kam bei den Mitschülern gar nicht gut an. Als sie in der achten Klasse mitten im Schuljahr in die neunte wechselte, weil die Lehrer sich nicht anders zu helfen wussten, war sie bei den Klassenkameraden endgültig unten durch. Ihre Tochter Lisa wird es einmal besser haben: Seit dem Sommer besucht die Fünfjährige, die erst im April sechs wird, die erste Klasse einer Grundschule im Berliner Bezirk Tiergarten. Dass sie jünger ist als ihre Mitschüler, merkt keiner. Sie hat Wackelzähne und ist genauso groß wie die meisten Kinder ihrer Klasse. "Lisa war einfach immer schon früh dran - wie ich", resümiert die Mutter. Mit 8 Monaten konnte Lisa laufen, mit 18 Monaten die ersten Sätze sprechen. "Wenn wir noch länger gewartet hätten, wäre Lisa einfach zu groß und zu altklug für die erste Klasse gewesen", so die Mutter, die von Beruf Ärztin ist.

Eltern begrüßen frühen Bildungsstart

Mit 5 in die Schule, in 12 Jahren zum Abitur und mit 17 Jahren fertig - das gibt es immer öfter auch in Deutschland. Während Mitte der 1980er-Jahre noch viele Eltern den Schulstart hinauszögerten, um ihre Kinder möglichst lange vor der vermeintlich harten Realität des Schulalltags zu schützen, engagieren sich heute immer mehr Eltern für einen möglichst frühen Bildungsstart. Catrin Hahn etwa hat ihre Tochter Luise mit sechs Jahren von der ersten in die zweite Klasse wechseln lassen, "weil sie sich gelangweilt hat". Mit zwölf Jahren besucht sie nun die neunte Klasse eines Schnellläufer-Gymnasiums im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Auch sie .ndet die Rede von der Hochbegabung zwiespältig. "Luise konnte schon mit vier Jahren lesen, sie wollte einfach alles früher wissen als andere." Luise nickt zustimmend, ihre Noten sind durchschnittlich. Eigentlich hätte Luise mit fünf Jahren eingeschult werden können, aber "nach der Wende war das Schulsystem noch arg autoritär".

Körperlich wirkt Luise jünger als manche ihrer Mitschülerinnen. Ob sie darunter leide? "Die reden von mir manchmal als der Kleinen, aber nur so zum Spaß", sagt sie. Generell gilt in dem Alter zwischen 10 und 14 Jahren, dass die körperliche Entwicklung extrem unterschiedlich sein kann. Manche Mädchen sind schon früh geschlechtsreif, andere fangen erst spät an zu pubertieren. Da ist es manchmal ohnehin schwer einzuschätzen, ob jemand in die siebte, achte oder neunte Klasse geht. Ein Vorteil für Frühstarter.

Einschulung meist mit sechs

Obwohl es kein generelles Alter gibt, in dem ein Kind schulreif ist, wird in den meisten Bundesländern erst mit sechs Jahren eingeschult, nur im Ausnahmefall auch früher (siehe Hintergrund). "Die haben gedacht, ich habe einen Knall", so Anne-Christine S., als sie von der frühen Schulanmeldung ihrer Tochter erzählt. Erst nach mehreren Tests und hartnäckigen Verhandlungen wurde akzeptiert, dass Lisa so früh in die Schule kommt.

Doch zumindest in Berlin wird bald einiges anders. Ab dem Schuljahr 2005/06 werden viel mehr Kinder als bisher Frühstarter sein. Dann nämlich müssen alle Kinder zur Schule, die bis zum 31.12.2005 sechs Jahre alt werden. Das bedeutet, dass im nächsten Schuljahr statt üblicherweise 26 000 Schulanfängern 38 000 Kinder erstmals die Schule besuchen. Viele Eltern begrüßen den früheren Start. Nur die Bedingungen, unter denen die Umstellung stattfindet, stoßen nicht auf Zustimmung: Viel zu volle Schulklassen werden befürchtet, und die Lehrer seien nicht genügend darauf vorbereitet, mit Fünfjährigen Unterricht zu gestalten.

Vorbild Niederlande

Elsbeth Stern vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) plädiert für einen informelleren Umgang mit der so genannten Schulreife. "Wir müssen davon weg, dass Ämter entscheiden, ob ein Kind schulreif ist". Gerade die Kinder, die offiziell nicht als schulreif eingestuft würden, müssten mehr Förderung erfahren, anstatt zurückgestellt zu werden, so die Expertin für früh-kindliche Entwicklung. Sterns Vorbild sind die Niederlande: Dort gehen alle Kinder mit vier Jahren zur Schule. In den ersten Jahren wird auf spielerische Art gelernt und ohne Leistungsdruck. Je nach Entwicklungstand absolvieren die Kinder die Schule schneller oder langsamer.

Individuelles Verfahren in Heilbronn

Die individuelle und somit auch frühere Einschulung gibt es nur an ganz wenigen Schulen in Deutschland. Zum Beispiel an der Klingenberg Grundschule in Heilbronn. Hier wird sogar zweimal jährlich eingeschult - im Februar und nach den Sommerferien. Werden die Kinder für schulreif befunden, dürfen sie - das Einverständnis der Eltern vorausgesetzt - kommen, egal ob sie fünf, sechs oder sieben Jahre alt sind. Seit 1997 wird dieses Konzept verfolgt, und nicht nur das: Altersübergreifender Unterricht, Projektarbeiten und verlässliche Halbtagsbetreuung, wie sie jetzt auch in viele Regelschulen eingeführt wird, gehören an der Klingenberg Grundschule ebenfalls schon seit längerem zum Schulalltag.

Früher fördern

Dass Kinder in einem bestimmten Alter mehr wissen als andere, hängt neben dem persönlichen individuellen Entwicklungstempo von der Förderung ab, die sie erfahren: zu Hause, im Unterricht und im Kindergarten. Wie wichtig eine Förderung im frühkindlichen Alter ist, hat auch eine ländervergleichenden Studie ergeben, bei der Stern als Gutachterin mitgearbeitet hat. Achtjährige, so das Ergebnis, hatten in England ein schlechteres Mathematikverständnis als gleichaltrige Mitschüler in Slowenien, obwohl Letztere erst zwei Jahre später eingeschult wurden. Als Ursache machten die Forscher die gute Bildung in slowenischen Kindergärten aus. Über die Kindergartenzeit kann auch Anne-Christine S. nur Gutes berichten. Ihre Tochter Luise hat in der städtischen Kita unter anderem Frühenglisch und Türkisch gelernt, ohne dass sich die Mutter darum kümmern musste. Außerdem hat sie die Musikschule besucht. "Wenn wir wollen, dass die Kinder früher lernen, müssen wir sie auch früher fördern", resümiert die MPIB-Wissenschaftlerin Stern.

Hintergrund

Einschulungsregelungen der Bundesländer (Auswahl)

Baden-Württemberg: 6. Geburtstag (Geb.) bis 30.9. d. Jahres, auf Antrag der Eltern auch, wenn Geb. bis 30.6. des folgenden Jahres
Bayern: 6. Geb. bis 30.6. d. Jahres, bis zum 30.6. des folgenden Jahres auf Antrag der Eltern, nach dem 31.12. nur mit Gutachten
Brandenburg: 6. Geb. bis 30.9. d. Jahres, Kann-Regelung: 6. Geb. zw. 1.10. und 31.12. d. Jahres bzw. bis 1.8. des Folgejahres, wenn detaillierte Entwicklungsstandsbeschreibung vorliegt
Berlin: 6. Geb. bis zum 31.12. d. Jahres; Kann-Regelung bei Geb. bis 31.3. des Folgejahres.
Bremen: 6. Geb. bis 30.6. d. Jahres, Geb. zw. 1.7. und 31.12. Einschulung auf Antrag d. Eltern.
Hessen: 6. Geb. bis 30.6. d. Jahres; Kann-Regelung für Kinder, die zw. 30.6 und 31.12. sechs Jahre werden.
Bedarfsgerechter, schrittweiser Ausbau von flexiblen Schuleingangsstufen 2004/05 geplant. Längere Förderung in den ersten beiden Schuljahren und beschleunigtes Durchlaufen sollen möglich sein.
Niedersachsen: 6. Geb. bis 30.6. d. Jahres, danach auf Antrag der Eltern. Eine Zurückstellung ist möglich. Angehende Schüler können zum Besuch eines Schulkindergartens verpflichtet werden.
Nordrhein-Westfalen: 6. Geb. bis 30.6. d. Jahres; nach dem 30.6. auf Antrag der Eltern. Flexible Schuleingangsphase zw. 1 bis 3 Jahren.
Rheinland-Pfalz: 6. Geb. bis 30.6. d. Jahres, nach dem 30.6. auf Antrag der Eltern. Eine Zurückstellung ist möglich.
Thüringen: 6. Geb. bis 1.8. d. Jahres, Kann-Regelung für Kinder, die bis 30.6. fünf Jahre alt sind. Flexible Eingangsphase in Klasse 1 und 2, erste Versetzung in Klasse 3.

Ansprechpartnerin

Elsbeth Stern
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Forschungsbereich Erziehungswissenschaft und Bildungssysteme
Lentzeallee 94, 14195 Berlin
Tel. 030-82406-0

www.mpib-berlin.mpg.de/pisa

Erstveröffentlichung
Klett Themendienst


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