Gastbeitrag

Für den Unterricht von Morgen

Lehrmittel entwickeln sich weiter, werden zunehmend digitaler. Das Lehrmittel der Zukunft ermöglicht selbstständiges Lernen und unterstützt die Lehrkraft. Von Werner Hartmann

15.11.2019 Bundesweit Artikel didactaDIGITAL - Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologien
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Die Lehrmittel der Zukunft werden nicht mehr vergleichbar sein mit herkömmlichen Lehrmitteln, die sich stark am Modell „Buch“ orientieren. Digitale Lehrmittel können nicht nur didaktisch strukturierte und aufbereitete Lerninhalte wie in Schulbüchern umfassen, sondern mit Kommunikations-, Kooperations- und Interaktionsfunktionen von Social Media und weiteren Online-Diensten erweiterte Lernräume sein. Lehrmitteln kommen im Bildungswesen eine zentrale Rolle zu. Sie werden oft als die heimlichen Lehrpläne bezeichnet. Die Interkantonale Lehrmittelzentrale in der Schweiz, ilz hat neun Kriterien mit dem Titel „Was sind gute Lehrmittel“ veröffentlicht. In dem Bericht „Lehrmittel in der digitalen Welt“ der Hochschule Schwyz werden diese Kriterien unter dem Aspekt der Digitalisierung betrachtet: 

Werner Hartmann hat am schwei zerischen Gymnasium in Baden unterrichtet, an der ETH Zürich die Didaktik der Informatik etabliert und ist heute in Forschung und Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Schwyz tätig.

  1. Gute digitale Lehrmittel fördern die Kompetenzentwicklung der Schüler 
    Gute digitale Lehrmittel bieten vielfältige Lerngelegenheiten. Beispielsweise im Geografieunterricht: Der Zugang zu geografischen Informationen, wie Online-Kartendienste, Satellitenbilder, Routenplaner, Dienste wie Google Street View oder animierte Darstellungen des Landschaftswandels, ermöglicht erweiterte Lernszenarien. Schülerinnen und Schüler können dadurch vermehrt selbstständig aktiv werden. Oder Im Ethikunterricht: Schüler/-innen können mit ihren Social-Media-Accounts Kontakt zu Schüler/-innen aus anderen Kulturen aufnehmen und Interviews über ihre Religion führen.
     
  2. Gute digitale Lehrmittel unterstützen das eigenständige Lernen
    Digitale Werkzeuge, zum Beispiel ein interaktives Arbeitsblatt auf dem Tablet, erleichtern den Einsatz von Unterrichtsmethoden wie entdeckendes Lernen. Im Geschichtsunterricht können zu einem Thema wie „Völkerwanderung im Frühmittelalter“ aktuelle I nformationen zu Fluchtursachen wie Medienmitteilungen, Fernsehsendungen aus verschiedener Perspektive bereitgestellt und direkt im Lehrmittel eingebunden werden.
     
  3. Gute digitale Lehrmittel enthalten vielfältige aktivierende Lernaufgaben 
    Bei einer Lernaufgabe gibt die Lehrperson oder das Lehrmittel einen ersten Teil vor. Beispiel: Beim Prozentrechnen wird gezeigt, wie man einen prozentualen Preisaufschlag bei einem Verkaufsartikel ausrechnet. Die Schüler bringen sich anschießend selbst bei, wie ein prozentualer Rabatt berechnet wird. Bei Schulbüchern erfolgen die Erklärungen meist in Textform. Gerade für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund ist das Lesen längerer Texte aber eine große Hürde. So kann in einem digitalen Lehrmittel die Berechnung des Preisaufschlags mittels eines kleinen Videos anschaulich dargestellt werden. 
     
  4. Gute digitale Lehrmittel bieten eine sachgerechte Aufbereitung der Inhalte
    Für Schülerinnen und Schüler mit geringen Kenntnissen der Unterrichtssprache verhindert die Sprachbarriere oft die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Lerninhalt. Dies trifft nicht nur auf leistungsschwächere Lernende zu, sondern auch auf leistungsstarke, neu zugezogene Schülerinnen und Schüler aus dem Ausland. Übersetzungsprogramme bieten die Möglichkeit von automatisierten Echtzeitübersetzungen von Lerninhalten in einem Lehrmittel. Automatisierte Sprachsynthese ermöglicht das Vorlesen von Texten. Heutige Übersetzungsprogramme wie Google Translater sind bereits in der Lage, qualitativ gute Übersetzungen anzubieten. 
     
  5. Gute digitale Lehrmittel fördern durch die Gestaltung den Lernprozess
    In digitalen Lehrmitteln lassen sich die gestalterischen Elemente aus gedruckten Lehrmitteln weiterverwenden. So können im Fremdsprachenunterricht bei Aufgaben zur korrekten Aussprache per Mikrofon die Sätze der Schülerinnen und Schüler direkt aufgenommen und auf die korrekte Aussprache überprüft werden – seitens der Schüler oder der Lehrkräfte. 
     
  6. Gute digitale Lehrmittel beziehen andere Medien mit ein 
    Ein wichtiger Aspekt der Digitalisierung ist die Vernetzung, insbesondere auch von Menschen, orts- und zeitunabhängig. Im Unterricht erweitern sich die Unterrichtsräume in den virtuellen Raum. Schülerinnen und Schüler können ihre Überlegungen oder Fragen mit Lernenden in anderen Teilen der Welt und in anderen Kulturkreisen teilen. Ein gutes Lehrmittel stellt diese Vernetzungsmöglichkeiten zur Verfügung. 
     
  7. Gute digitale Lehrmittel unterstützen die Lehrpersonen 
    Bereits die einfache Erfassung und Visualisierung von Aktivitäten, etwa durch Softwaresysteme für digitale Wochenpläne oder Verwalten von Hausaufgaben, ermöglicht Schülerinnen und Schülern die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lern- und Arbeitsverhalten, wie es bislang nur mit einem akribisch geführten Lerntagebuch möglich gewesen ist. Eine Auswertung durch die Lehrkräfte über den Lernstand und -fortschritt kann schnell und unkompliziert erfolgen. 
     
  8. Gute digitale Lehrmittel sind vielseitig einsetzbar
    In digitalen Lehrmitteln kann die Lehrperson einzelne Themen bei Bedarf ausblenden, eigene Themen hinzufügen und beispielsweise ortsspezifische Anpassungen oder Aktualisierungen vornehmen. So können das Thema Landschaftswandel auf die eigene Region angepasst werden und bei wirtschaftlichen Fragen aktuelle Themen wie den Brexit auch kurzfristig eingebunden werden. 
     
  9. Gute digitale Lehrmittel enthalten Diagnose- und Beurteilungsinstrumente
    Diagnose- und Beurteilungsinstrumente in einem vernetzten Lehrmittel erlauben auch Lehrmittelverlagen anonymisiert Einsicht in die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler und ermöglichen so optimierte Anpassungen der Lehrmittel an die Lernvoraussetzungen.

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