Gibt es ein Leben ohne Grundschulempfehlung? Ja, weltweit
Dieser Tage geben alle Eltern von Viertklässlern die Rückmeldung zur Grundschulempfehlung an die Schulen ihrer Kinder zurück. Für manche Familien ist es ein einfacher bürokratischer Vorgang, für viele andere jedoch ein schwerer Entscheidungsprozess.
08.03.2011 Pressemeldung Länger Gemeinsam Lernen B-WBis es zur endgültigen Entscheidung kam, ist bereits Einiges passiert: Die Halbjahresinformation zeigte eine deutliche Tendenz, Einzelgespräche zwischen Eltern und Lehrkräften fanden statt. In der Klassenkonferenz stimmten alle in der Klasse unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer über die jeweilige Empfehlung ab – Werkrealschule/Hauptschule, Realschule, Gymnasium. Grundlage dafür ist vor allem der Notenschnitt aus Deutsch und Mathematik.
Eine echte Wahl haben nur Kinder mit Gymnasial- und Realschulempfehlung. Alle anderen können noch über das Beratungsverfahren oder die Aufnahmeprüfung versuchen Einfluss zu nehmen oder ihren Wunsch durchzusetzen.
Nach wie vor versuchen die meisten Eltern zu vermeiden, dass ihr Kind auf die Haupt-/ Werkrealschule gehen muss. Sie befürchten ein schwieriges soziales Umfeld und die schlechteren Ausgangsbedingungen für den Einstieg in den Beruf. Diese Ängste können auch die besten pädagogischen Konzepte und engagierte Lehrkräfte nicht ausräumen. Trotz aller Reformen rangiert die Werkrealschulempfehlung im Formular nach wie vor nicht neben sondern unter der Realschulempfehlung.
Womit haben die beteiligten Personen zu kämpfen?
Die Lehrkräfte
Den Lehrerinnen und Lehrern wird in diesem Prozess eine wichtige Rolle zugewiesen, da sie die Empfehlung aussprechen müssen. Im Bildungsplan geforderte Ziele wie beispielsweise selbstständiges Arbeiten, Methoden- und Sozialkompetenz werden reduziert auf nackte Noten ohne pädagogische Aussagekraft. Es geht um Zehntel. Ob dies für die Kinder motivierend ist - auch im Hinblick auf die weiterführenden Schulen - bleibt fragwürdig. Außerdem wird unterstellt, Noten seien vergleichbar und objektiv. Es gibt kaum einen Bereich im Bildungswesen, der derart stabil erforscht ist und derart klare Befunde liefert: Seit langem ist belegt, dass Noten nicht objektiv und vergleichbar sind.
Viele Lehrkräfte berichten, dass in der Phase vor den Grundschulempfehlungen bei etlichen Kindern das "bulimische" Lernen für die entscheidenden Klassenarbeiten beginnt, nicht selten unter Angst und mit privat finanzierter Nachhilfe unterstützt. Auch sind die Lehrerinnen und Lehrer ein Stück weit gezwungen, die ganze Notenskala auszuschöpfen, um eine Verteilung der Kinder auf die drei Empfehlungsränge zu erreichen. Während der Einzelgespräche mit Eltern von Kindern, die keine Realschulempfehlung geschafft haben, gibt es immer wieder Tränen. Eigentlich sollte das gesamte Kind gesehen werden, aber im Endeffekt geht es um 3,0 oder 3,1. Eine Werkrealschulempfehlung auszusprechen, obwohl der Notenschnitt für die Realschule reichen würde, traut sich schon gar keine Lehrkraft mehr – gerichtliche Schritte werden von Eltern immer häufiger eingeleitet. Der Satz "Ihr Kind kann es ja nach der 5. Klasse nochmal probieren, in die Realschule zu wechseln" wird von Lehrkräften immer wieder mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen ausgesprochen, denn die Durchlässigkeit unseres Schulsystems nach oben ist bekanntermaßen gering.
Die Eltern
Alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Sie kennen es gut, wissen um seine Stärken und Schwächen und können leider nicht in die Zukunft blicken. Erfahrungsgemäß zählen oft die Buben zu den Benachteiligten bei der frühen Selektion. Eltern von Söhnen mit Gymnasialempfehlung melden immer wieder Bedenken an, ob ihr Junge genügend Fleiß, Konzentrationsfähigkeit und Durchhaltevermögen für diese Schulform aufbringen wird. Bildungsnahe Familien wollen ihrem Kind im Hinblick auf die Grundschulempfehlung zuhause die größtmögliche Förderung angedeihen lassen und es gut vorbereiten. Die Korrelation zwischen Elternhaus und Schulerfolg wird sehr offensichtlich. Gleichzeitig wollen diese Eltern ihre Kinder eigentlich nicht unter Druck setzen und leiden unter ihrem eigenen zwiespältigen Verhalten. Am zufriedensten scheinen die Eltern zu sein, deren Kinder eine Realschulempfehlung erhalten, obwohl dort meist in großen Klassen und sehr heterogenen Gruppen unterrichtet wird. Aber G8 kann vermieden und das berufliche Gymnasium angesteuert werden.
Die Kinder
In Klasse 4 spürt man ab Weihnachten eine Veränderung im Verhalten der Kinder. Diejenigen, denen langsam klar wird, dass sie auf die Haupt-/Werkrealschule gehen werden, fallen nicht selten durch renitentes oder traurig-resignatives Verhalten auf. In Klasse 4 gibt es Kinder, die im Pausenhof weinen, weil die anderen nicht mehr mit zukünftigen Haupt-/Werkrealschülern spielen möchten. Wenn unter einer Klassenarbeit die Note 3 steht, gibt es Tränen. "Die Mama sagt, eine 3 ist schlecht, damit schaffe ich die Realschule nicht." Außerdem sind viele Kinder gerade dabei, einen Freund oder eine Freundin zu verlieren, weil er/sie in einer anderen Schulart landen wird. Unter solchen Umständen lernt es sich nicht gut, sagen uns die Hirnforschung und der gesunde Menschenverstand. Fast nie gelingt es den Kindern, ihre zum Teil sehr engen Grundschulfreundschaften zu erhalten, nachdem man sie in verschiedene Schularten verteilt hat. Es gibt auch Kinder, denen der drohende Schulwechsel mit allem was dazugehört (Bus fahren, eine neue Klassengemeinschaft, Fachunterricht bei vielen verschiedenen Personen usw.) Sorgen und Ängste verursacht. Auch werden sie häufig von ihren Eltern in die schwierige Entscheidung für die richtige Schule mit einbezogen und sind damit eigentlich überfordert.
Die Gesinnung
Wir bringen den Schülern mit 9 oder 10 Jahren bei, dass es 3 Arten von Kindern gibt. Die Kinder selber sehen das nämlich gar nicht so. Langsame Rechner spielen und arbeiten gern mit schnellen, gute Schreiber mit schlechten, fixe Leser mit stotternden, Schönmaler mit Kunstfeinden usw. Jeder lernt von jedem. Auch besuchen sie sich gegenseitig in ihren Elternhäusern und der kleine Türke macht so spannende Erfahrungen im Haus des Arztes wie die Anwaltstochter im Haus der Verkäuferin. Es wäre eine schöne Vorstellung, dass das immer so bleiben könnte. Tut es aber nicht. Denn es gibt eine Hierarchie in Deutschland: der Harz 4-Empfänger ist in unseren Köpfen weniger wert als der Arzt, und im Orchester der Jugendmusikschule sitzen selten Migrantenkinder am Streichinstrument.
Das System
In seiner Grundstruktur stammt unser Schulsystem aus der Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts. Immer noch wird vom Kultusministerium behauptet, dass die Haupt- und Werkrealschule "in besonderem Maße die praktischen Begabungen" fördere, die Realschule "eine erweiterte allgemeine Bildung" vermittle und das Gymnasium "eine breite und vertiefte Allgemeinbildung, die zur Studierfähigkeit führt." Wie absurd ist es, dass ein Kind, das in Mathematik und Deutsch im Schnitt schlechter als 3,0 ist, ein praktisch begabtes Kind sein soll. Welches Licht wirft diese Einschätzung auf das Handwerk? Und glücklicherweise gibt es auch praktisch begabte Zahnärzte. Die Wissenschaft ist sich längst einig, dass die Vielschichtigkeit der Begabungsprofile nicht auf 3 Typen reduzierbar ist.
Wie erklärte ein Schülersprecher kürzlich bei einer Podiumsdiskussion:"Eigentlich reichen die drei Schubladen nicht aus, in die die Schüler bei uns eingeteilt werden. Eigentlich bräuchten wir für jeden Schüler eine eigene Schublade, um ihm gerecht zu werden."
Und dann sind wir bei der "Schule für alle Kinder", bei einer "Schule der Vielfalt", die tatsächlich Individualisierung zum Grundprinzip hat und wo demzufolge kein Kind abgegeben wird, sondern optimal seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert und begleitet wird. Unser Schulsystem mit der weltweit einzigartigen frühen Trennung der Kinder zementiert den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Deshalb ist es zynisch und unglaubwürdig, wenn das Kultusministerium in der aktuellen Diskussion um die Grundschulempfehlung den Elternwillen für sozial ungerechter hält als die verbindliche Empfehlung der Schule. Das Kultusministerium befürchtet natürlich, dass sich mit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung das dreigliedrige Schulsystem nicht mehr aufrechterhalten ließe. Wenn für das Kultusministerium Bildungsgerechtigkeit ein Anliegen wäre, dann müsste es die entscheidende Ursache für Bildungsungerechtigkeit, den viel zu frühen Selektionszeitpunkt, ändern.
Im aktuellen Ländervergleich wird Baden-Württemberg das ungerechteste Bildungssystem beschieden. Ein Kind aus der Oberschicht hat eine 6,6fach höhere Chance, auf ein Gymnasium zu kommen als ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie – bei gleicher Intelligenz und gleichem Lernvermögen. Diese Ungerechtigkeit wurde bereits bei der ersten PISA Studie vor über 10 Jahren festgestellt. Der Aufschrei der Bildungspolitiker war groß. Besserung wurde gelobt. Aus heutiger Sicht waren dies reine Lippenbekenntnisse! Die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen hat sich laut IQB-Forschern in den vergangenen Jahren sogar noch vergrößert!
Wann kommt endlich der große Wurf in der Bildungspolitik, der zu mehr Bildungsgerechtigkeit führt?
Keine Kommentare vorhanden