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Glückliche Schulen

Mehr Glück. Das wünscht sich der ehemalige Direktor für Bruttonationalglück Dr. Ha Vinh Tho für die Gesellschaft. Warum er es in den Schulen sucht. Von Marisa Balz

23.07.2021 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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„Wie wollen wir in Zukunft als Gemeinschaft leben?“ Für den ehemaligen Direktor des Bruttonationalglückszentrums von Bhutan, Dr. Ha Vinh Tho, eine einfache Frage: „Glücklich“, antwortet er, „dazu muss der Grundstein in Schulen gelegt werden.“ Für Tho ist klar: „Wir müssen uns mehr um das Wohlbefinden von Lernenden und Lehrkräften kümmern.“ Deswegen gründete der promovierte Erziehungswissenschaftler das Happy Schools Projekt in Vietnam. Es stärkt das Gemeinschaftsgefühl an Schulen und lehrt Kinder und Jugendliche, aber auch Lehrkräfte, glücklich zu sein. „Für mich ist es eines der wichtigsten Projekte“, fügt er hinzu. 

Gut in Pisa, schlecht in Gesundheit 

Ha Vinh Tho engagiert sich seit zwanzig Jahren im Bereich der Sonderpädagogik in seinem Geburtsland Vietnam. Schulklassen sind dort deutlich größer als in Deutschland: „Im Durchschnitt sind 40 Schüler in einer Klasse“, sagt Tho. „Deswegen fühlten sich die Schülerinnen und Schüler oft nicht wahrgenommen“, berichtet er, während der Buddhist eine Gebetskette aus Perlen durch seine Finger gleiten lässt. Zudem sind Mobbing und Burn-out weit verbreitet. Das lässt ihn nachdenklich werden. Tho entdeckt kurze Zeit später den Studienbericht der UNESCO Bangkok vom 20. März 2016 mit dem Titel Happy Schools. Die Studie zeigt, dass die Pisa-Resultate in ostasiatischen Ländern sehr gut sind, jedoch das Wohlbefinden der Kinder gleichzeitig sehr niedrig ist. Sie untersucht außerdem, was eine Schule braucht, um glücklich zu sein und nennt dafür notwendige Kriterien – darunter die positive Unterstützung der Lehrkräfte, die Ermutigung zum kreativen und freien Lernen und eine angenehme Lernatmosphäre –, ohne einen praktischen Leitfaden mitzuliefern. Für Tho der Start für sein Projekt „Happy Schools“ – er will den Leitfaden umsetzen. Neun vietnamesische Schulen testen seit drei Jahren die achtsamkeitsbasierten Strategien. Mit Erfolg: „Die Schüler fühlen sich heute nicht mehr wie eine anonyme Masse“, sagt Tho.

Fürsorge für mehr Freude und Mitgefühl

Das Projekt Happy Schools beinhaltet drei Module: Selbstfürsorge, Fürsorge für andere und für den Planeten. Tho hat für das Projekt ein Curriculum verfasst, das Übungen zur Achtsamkeit beinhaltet. Beispielsweise sollten Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler einzeln begrüßen. Wie, überlässt Tho jeder Lehrkraft selbst, „denn jede Lehrerin – in Vietnam gibt es überwiegend weibliche Lehrkräfte – kennt ihre Kinder am besten“, sagt Tho. Es handelt sich dabei weniger um ein striktes Handbuch, als um ein breites Angebot, das Raum zur Interpretation lässt. Eine Lehrerin begrüßt inzwischen jede Schülerin und jeden Schüler individuell, wenn sie in den Klassenraum kommen. Sie steht in der Tür, umarmt, gibt High Fives, schüttelt Hände. „Dadurch schafft sie Nähe zu den Schülern und weiß, wie es jedem einzelnen gerade geht“, erklärt Tho. Sich beobachten und bewusstwerden gehören zum ersten Modul der Selbstfürsorge. Ein paar Minuten Stille zu Schulbeginn helfen, sich zu spüren, um dann seine Emotionen zu benennen. „Jedes Kind hat anschließend in der Runde die Gelegenheit zu sagen, wie es sich gerade fühlt, wir nennen das den inneren Wetterbericht“, erzählt Tho. 

Lehrkräfte und Kinder würden dadurch ein besseres Verständnis für ihre Mitmenschen entwickeln, sich in deren Lage versetzen können. So das Ziel des zweiten Moduls: Fürsorge für andere. Er nennt als Beispiel einen Schuljungen, der nie seine Hausaufgaben gemacht hat und zusätzlich Strafarbeiten aufbekam. Schließlich hat sich herausgestellt, dass seine Eltern sich scheiden lassen und er sich deswegen zu Hause nicht konzentrieren konnte. „Als die Lehrerin davon erfuhr, durfte er die Hausaufgaben nach Unterrichtsende in der Schule machen und so wurden seine Noten wieder besser“, berichtet Tho zufrieden. Wichtig ist ihm, einen Bewusstseinswandel bei den Lehrkräften zu erreichen. Noch bevor die Übungen aus dem Curriculum in den Schulalltag implementiert worden sind, durchliefen sie einen Selbstbesinnungsprozess. Anders als bei didaktischen Fortbildungen, wurden sie mit persönlichen Fragen konfrontiert: Wieso bin ich überhaupt Lehrer geworden? Was gefällt mir an meinem Beruf? Was fällt mir schwer? Denn: „Wenn Lehrerinnen gestresst oder unglücklich in ihrem Job sind, dann können wir nicht erwarten, dass es den Kindern und Jugendlichen gut geht“, erklärt Tho. Indem sie lernen, sich selbst wahrzunehmen und ihre eigenen Gefühle zu verstehen, können sie, so Tho, auch besser auf ihre Schülerinnen und Schüler eingehen. 

Glücks- statt Müllpfad 

Tho will außerdem dazu beitragen, dass Jugendliche sich auf eigene Initiative um die Umwelt kümmern, zum Beispiel Müll im eigenen Dorf sammeln. Dafür gibt es auch spezielle Projekte an der Schule. Er nennt beispielhaft einen schmalen Pfad zwischen einer Mauer und der Außenwand zu einem Klassenzimmer, der zu einem Naturprojekt umgewandelt wurde. „Ursprünglich wurde der Außenbereich kaum genutzt und glich einer Müllhalde“, berichtet er. Doch dann wurde er bepflanzt, aus Flaschen wurden Blumentöpfe gebastelt und er dient fortan für Gehmeditationen. „Glückspfad heißt der Weg nun“, sagt Tho freudestrahlend. Das dritte Modul – Fürsorge für den Planeten – habe laut ihm am meisten Freude bei den Kindern ausgelöst, „weil sie merkten, dass sie selbst zu einer besseren Welt beitragen können.“

Weltveränderung beginnt in der Schule

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis hat sich seit dem Happy Schools Projekt deutlich verbessert. Eine Lehrerin ruft beispielsweise die Eltern eines Kindes an, um es zu loben. „Seine Mutter hat bei 
dem Anruf schon etwas Schlimmes erwartet“, erzählt Ha Vinh Tho und beginnt zu lachen. „Lehrkräfte rufen in der Regeln nur wegen schlechter Nachrichten an.“ 

Auch in westlichen Ländern gewinnen Achtsamkeitsstrategien laut dem Buddhisten an Bedeutung. „Der kulturelle Kontext ist zwar ein anderer, aber die Grundprinzipien bleiben gleich“, sagt Tho und verweist auf den Leistungsdruck und Stress an europäischen Schulen. Die Lernwerft in Kiel, eine Club of Rome Schule, nutzt bereits seine Strategien, um die menschliche Bedürfnisse nach Gemeinschaft zu stärken und um den Umweltschutz in den Mittelpunkt zu rücken: „Angesichts der aktuellen Klimadebatte geht es immer dringender darum, zusammen mit unseren Schülerinnen und Schülern, die Gelingensbedingungen für Veränderungsprozesse zu reflektieren“, heißt es dort. Tho hat dafür die Grundsteine gelegt.

Dr. Ha Vinh Tho ist überzeugt, dass ein dauerhafter Wandel in der Schule beginnt. Hier beginnt die Zukunft. Daher rückt er das Gemeinwohl an Schulen ins Zentrum, indem er das Glück und Wohlbefinden stärkt, das zugleich die Schulatmosphäre nachhaltig verbessert. Denn für ihn ist die Schule ein Abbild der Gesellschaft. „Wir befinden uns an einem Punkt, an dem das Gemeinwohl aller Lebewesen über individuelle Interessen gestellt werden sollte.“

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2021, S. 26-29, www.didacta-magazin.de


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