In der Ferne lernen
(dw) Ein Schuljahr im Ausland zu verbringen – davon träumen viele Schüler. Bezahlbar ist dieser Traum dank Austauschprogrammen und Stipendien auch für Durchschnittsfamilien.
31.05.2012 ArtikelUSA, Japan, Italien. Das waren die drei Favoriten, die Henry Strupp genannt hatte, als er sich für ein Auslandsschuljahr über den Rotary Jugenddienst beworben hat – "wobei die USA ganz klar an erster Stelle standen", sagt der inzwischen 21-Jährige. In die USA durfte er dann auch reisen. Das Schuljahr 2006/2007 verbrachte Henry auf der High School in Durango, einer Kleinstadt in Colorado. Seine Freunde in Deutschland drückten in der Zeit die Schulbänke der 11. Klasse.
Untergebracht war Henry in drei Familien. Dieser Wechsel ist beim Rotary-Austausch vorgeschrieben. "Eigentlich sollten die Schüler sogar alle drei Monate die Gastfamilie wechseln, um möglichst viel vom amerikanischen Alltag und der Kultur mitzubekommen", sagt Henry. Zu seiner Zeit gab es aber nicht ausreichend Familien im Ort, die einen Gast aufnehmen wollten; also blieb es bei dreien. Die Gasteltern bekommen von Rotary kein Geld, sondern melden sich aus Interesse. Sie müssen auch nicht selber Mitglied in einem Rotary Club sein, genauso wenig wie die Eltern des Gastschülers. Bewerben für ein Auslandsschuljahr kann sich jede Schülerin und jeder Schüler zwischen 16 und 18½ Jahren, die oder der sich auf das Leben in einem anderen Kulturkreis einlassen will und bereit ist, "ein guter Botschafter Deutschlands zu sein", wie es von Rotary heißt.
15 000 Euro und mehr
Eine weitere Voraussetzung: Die Eltern müssen ebenfalls in dreimonatigem Wechsel Austauschschüler bei sich aufnehmen, die über Rotary ein Auslandschuljahr in Deutschland verbringen. "Das Jahr ist damit für beide Seiten ein kleines Abenteuer, das Flexibilität und Toleranz erfordert", sagt Henrys Vater Christian Strupp. Dafür entstehen lediglich geringe Kosten. Neben der Organisationsgebühr von rund 300 Euro mussten Henrys Eltern nur die Flüge zahlen.
Das ist bei vielen anderen Austauschorganisationen, auch den gemeinnützigen, anders. Ein Auslandsschuljahr kostet da ab 5000 Euro für Südosteuropa und bis zu 15 000 Euro und mehr für die USA, Kanada oder Australien. Auch wenn alle Organisationen Stipendien oder Teilstipendien ausschreiben: Der Auslandsaufenthalt bleibt häufig eine teure und damit exklusive Angelegenheit.
Eine positive Erfahrung
Schade, denn die Auslandserfahrung lohnt sich immer. Durch das Eintauchen in die andere Sprache und Kultur verbessern die Jugendlichen nicht nur ihre Fremdsprachenkenntnisse, sondern insgesamt ihre Fähigkeiten, mit unbekannten Menschen und Situationen umzugehen. Auch der Eltern-Kind-Beziehung tut die Auszeit oft gut. "Schließlich ist die Pubertät eine Zeit, in der man die Erziehung gerne mal outsourcen möchte", meint Christian Strupp; als Gast benähmen sich Kinder halt anders, meist besser.
Selbst schwierig verlaufende Aufenthalte werden von den Jugendlichen im Nachhinein als positive Erfahrung verbucht: weil sie viel über kulturelle Differenzen erfahren haben, sich ihrer eigenen Grenzen bewusst wurden oder gelernt haben, mit Erwartungen realistischer umzugehen. Das belegt die wissenschaftliche Auswertung, die das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) für sein Voltaire-Austauschprogramm in Auftrag gegeben hat.
Das Voltaire-Programm richtet sich an 15- bis 16-jährige Jugendliche. Zunächst nimmt der deutsche Partner sechs Monate einen gleichaltrigen französischen Gastschüler auf, um anschließend sechs Monate in dessen Familie zu verbringen und mit ihm die Schule zu besuchen. Die Austauschpaare werden vom DFJW anhand der Bewerbungen und persönlicher Gespräche zusammengestellt.
"Seit 1999 nehmen jedes Jahr rund 3000 Jugendliche an diesem Programm teil", sagt Yoann Jolye-Müller, stellvertretender Leiter des Referats "Schulischer und außerschulischer Austausch" beim DFJW. Das Interesse sei von beiden Seiten anhaltend groß. Das mag auch daran liegen, dass der Austausch von der französischen und deutschen Regierung finanziert wird. Lediglich einen Teil der Reisekosten müssen die Teilnehmer selbst tragen.
Einer von denen, die im nächsten Schuljahr zum Austausch nach Frankreich möchten, ist Arne Voigt. Der 14-Jährige hat bereits als Achtklässler zwei Monate in Frankreich verbracht, ebenfalls über einen DFJW-Austausch, das Brigitte-Sauzay-Programm. "Das war super, aber acht Wochen sind viel zu kurz. Da ist man gerade erst richtig angekommen und muss schon wieder weg", sagt er. Deshalb will er in der zehnten Klasse eine andere Region Frankreichs kennen lernen, noch besser Französisch lernen und natürlich auch "das gute Essen genießen".
Für alles offen
Ein halbes Jahr in der Schule zu fehlen, erscheint ihm zudem überschaubarer, als ein Jahr deutschen Lernstoff nachzuholen. Dabei ist es normalerweise kein Problem, nach der 10. Klasse im Ausland in Deutschland in die 11. Klasse zu wechseln. Lediglich G8-Schüler, die zwischen der 10. und 11. Klasse ein zusätzliches Schuljahr im Ausland verbringen, bekommen die dort erbrachten Leistungen laut Beschluss der Kultusministerkonferenz nicht anerkannt.
Henry Strupp ist nach dem Austauschjahr seinerzeit wieder in seine alte Klasse eingestiegen. Nur in den Naturwissenschaften sei es etwas schwierig gewesen, "weil die in den USA ganz anders unterrichtet werden". Gelohnt habe sich das Jahr im Ausland auf jeden Fall: "Ich bin viel offener geworden und habe immer noch ganz viele Kontakte." Sein Tipp für künftige Austauschschüler: "Für alles offen sein und nicht als Besserwisser und Weltverbesserer auftreten – dann geht eigentlich alles von allein."
Linktipp
Auf der unabhängigen Website www.rausvonzuhaus.de sind Informationen zu allen Programmen gebündelt, mit denen Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland eine Zeit lang im Ausland verbringen können: von Schüleraustausch über Sprachaufenthalte und Ferienfreizeiten bis hin zu Au-pair-Aufenthalten, Praktika oder Freiwilligendiensten.
Kompakt
Wer ein paar Monate oder ein Jahr seiner Schulzeit im Ausland verbringt, lernt viel dazu – nicht nur in puncto Fremdsprache. Deshalb lohnt sich ein Auslandsaufenthalt in jedem Fall, auch in Zeiten von G8.
Erstveröffentlichung Klett Themendienst Schule Wissen Bildung 05/2012 | Nr. 57
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