Inklusion

„Inklusion ohne mehr Ressourcen ist zum Scheitern verurteilt“

Die Vereinten Nationen kritisieren Deutschland für die mangelnde Inklusion an den Schulen. Experte Karl-Heinz Imhäuser erklärt, was besser laufen muss. Ein Interview von Vincent Hochhausen

22.12.2023 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
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didacta Infodienst: Was verstehen Sie unter inklusiver Bildung?
Karl-Heinz Imhäuser: Dass alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen und gleichberechtigt am Bildungssystem teilhaben können und dort eine individuelle Förderung erhalten. In Deutschland wird der Begriff stark auf Menschen mit Behinderungen bezogen, international ist das eine Ausnahme: Nicht nur Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, sondern auch Kinder aus anderen benachteiligten Gruppen profitieren von inklusiver Bildung und haben Anspruch auf sie. Das können Kinder aus ökonomisch schwierigen Verhältnissen genauso sein wie Kinder, die Deutsch als Fremdsprache erst lernen müssen, oder speziell Begabte, die sich in der „normalen“ Schule oft nicht wiederfinden.

KARL-HEINZ IMHÄUSER

ist Vorsitzender des Expertenkreises Inklusive Bildung der UNESCO-Kommission in Deutschland und Vorstand der Montag Stiftung Denkwerkstatt.

Warum dieser Fokus auf Menschen mit Behinderungen in Deutschland?
Weil durch das Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 das deutsche System der Förderschulen als Hindernis für Inklusion in den Vordergrund geriet. Dieses System der Betreuung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf an einer eigens dafür geschaffenen Schulform gibt es sonst nirgends. Da Inklusion das Recht auf Beschulung an einer Regelschule vorsieht, gerieten die Förderschulen in die Diskussion.

Inwiefern?
In einigen Bundesländern, etwa in Schleswig-Holstein, hat der Beschluss dazu geführt, dass mittlerweile kaum noch Schülerinnen und Schüler Förderschulen besuchen. Andere Länder, etwa Bayern, argumentieren, dass Förderschulen Regelschulen sind und sich deswegen nichts ändern muss.

Stimmt das?
Der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, der die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention prüft, sieht es anders. Förderschulen sind keine Regelschulen und in Deutschland fehlt es an Bemühungen für eine inklusive Beschulung. Das kritisierte ein für die Prüfung der Umsetzung eingerichteter internationaler Ausschuss bereits 2016 und in wiederum sehr deutlicher Form im August dieses Jahres.

Was fordert der Ausschuss von Deutschland?
Zum einen ein klares Konzept, um das Recht auf einen Platz an einer Nicht-Förderschule bundesweit umzusetzen: Jedes Kind, das möchte, soll eine Regelschule besuchen können. Wichtig dabei ist, dass das Recht auf Inklusion nur in absoluten Ausnahmefällen wegen mangelnder Ressourcen verwehrt werden darf, etwa weil das Fachpersonal fehlt. Hier muss allerdings eine klare Regelung über entsprechende Nachweispflichten gefunden werden, die über die einfache behördliche Feststellung einer mangelnden Ressourcenlage hinaus nachweist, dass und welche Bemühungen unternommen wurden und warum diese erfolglos geblieben sind. Zudem bemängelt die Kommission die schlechte Datenlage in Deutschland und dass es keinerlei Image- und Informationskampagnen für inklusive Bildung gibt, die Eltern und Lehrkräften ihre Vorbehalte nimmt.

Ist es realistisch, die Förderschulen ganz abzuschaffen?
Es ist auf jeden Fall realistisch, die Exklusionsquote, also den Anteil der Schülerinnen und Schüler, die keine Regelschule besuchen, massiv zu senken. Das zeigen Bundesländer wie Schleswig-Holstein oder Bremen. Auch Kommunen haben einen großen Gestaltungsspielraum: In Jena zum Beispiel gehen 90 Prozent der Kinder mit Förderbedarf auf Regelschulen, während es in ganz Thüringen nur 30 bis 40 Prozent sind. In Heidelberg liegt die Inklusionsquote deutlich höher als im restlichen Baden-Württemberg. Dass die Förderschulquoten in anderen Regionen Deutschlands dennoch steigen, ist bedenklich. Das Grundgesetz sieht für ganz Deutschland gleichartige Lebensverhältnisse vor – für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen sind die derzeit nicht gegeben. Viele Kinder mit Förderbedarf wollen auf Regelschulen gehen, am Bildungsalltag teilnehmen. Aber oft finden ihre Eltern keine Schule, die bereit ist, sie aufzunehmen. Rechtlich ist das nicht haltbar, deswegen bekommen Eltern, die eine Klage anstrengen, vor Gericht meistens recht. 

Was braucht das Schulsystem, um Inklusion stemmen zu können?
Es braucht vor allem mehr Ressourcen, also Geld, sonderpädagogisch geschultes Personal und angemessene Räumlichkeiten. Ohne diese Ressourcen ist Inklusion zum Scheitern verurteilt. Schon deswegen macht es wenig Sinn, mit Regel- und Förderschulen zwei Systeme zur Beschulung von Menschen mit Behinderungen parallel laufen zu lassen. Die Schülerzahlen an Förderschulen müssen sinken und die frei gesetzten Mittel – finanziell und personell – müssen an die Regelschulen verlagert werden. Darüber hinaus braucht es weitere Ressourcen, denn der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf steigt an. Die Forschung zeigt, dass in Regelschulen immer mehr Schülerinnen und Schüler, die früher aus diversen Gründen lediglich als auffällig galten, formal als Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf diagnostiziert werden, um zusätzliche Ressourcen zu erhalten – auch dieser Aspekt ist Teil des komplexen Gesamtzusammenhanges. Aber: Mit mehr Mitteln alleine ist es nicht getan.

Woran fehlt es noch?
An Akzeptanz für Inklusion und an vorausschauender Planung. Es gibt in der Öffentlichkeit Skepsis gegenüber Inklusion, die vor den geschilderten Hintergründen teilweise nachvollziehbar ist, teilweise aber auch bewusst geschürt wird. Dem stehen keinerlei Anstrengungen gegenüber, die Menschen vom Sinn der Inklusion zu überzeugen. Selbst die Grünen halten sich bei dem Thema mittlerweile bedeckt. Dabei ist es für alle ein großer Gewinn, wenn wir mehr Kindern vielfältige Bildungswege über die Regelschulen aufzeigen können. Und was die Planung angeht: Wir haben einen großen Investitionsstau in den Schulen. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren werden viele Schulen saniert, renoviert oder neu gebaut werden müssen. Es ist wichtig, dabei die Erfordernisse der Inklusion sowie die heutigen Anforderungen an das Lernen mit einzuplanen. Barrierefreiheit ist da nur ein Thema, es geht um die insgesamt flexiblere Gestaltung und Nutzung von Räumen und Flächen, was auch die Inklusion auf allen Ebenen unterstützt. Es wäre sehr wünschenswert, wenn es Konferenzen auf Bundes- und Länderebene darüber gäbe, wie diese Planung sinnvoll und effizient gestaltet werden kann.


Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:

didacta Infodienst – das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 4/2023, S. 1-3.


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