Ländervergleich

Ländervergleich reduziert sich auf Länderranking

Maresi Lassek, die Vorsitzende des Grundschulverbands, zieht ein erstes Fazit aus den Diskussionen um den IQB-Ländervergleich: "Es kam, wie es kommen musste: der Ländervergleich wird in der Öffentlichkeit unzulässig verallgemeinert als Erfolgs- bzw. Misserfolgsmesser für die Grundschulen in den Bundesländern. Die Rede von ´Siegern` und ´Verlierern` macht die Runde."

08.10.2012 Pressemeldung Grundschulverband e.V.

Die "Spitzengruppe" fühlt sich bestätigt und bezieht den Erfolg auf Bildungspolitik, Schulstruktur, didaktische Konzepte und die Bildungsfinanzierung in ihrem Bundesland. Die "Verlierergruppe" gerät in eine umfassende Rechtfertigungssituation mit dem Ohnmachtsbewusstsein, die Grundvoraussetzungen hinsichtlich sozioökonomischer und soziokultureller Voraussetzungen und damit letztendlich die Bildungsfinanzierung nicht ändern zu können. "Ist der Ländervergleich", fragt Lassek, "nicht schlicht ein Armuts- und Reichtumsbericht mit Bestandsaufnahme am Ende der Grundschulzeit? Eine Studie wie andere zuvor, welche die Unterfinanzierung des Elementar- und Primarbereichs genauso zeigt wie die negativen Folgen des Föderalismus im Bildungsbereich?"

Dass ihre Kinder sozusagen "untergewichtig" sind, was das verlangte Wissen und Können betrifft, wussten die Lehrer/innen in den sozialen Brennpunkten schon lange vor VERA: Sie sehen es Tag für Tag und leiden darunter. Ob es nun - um im Bild zu bleiben - 10,5 Kilo sind (oder 8,2 oder 6,7), ändert nichts an ihrem Problem. Sie wollen wissen, was helfen könnte. Und dann wollen sie diese Hilfe auch bekommen. Stattdessen hören sie nur, dass die Messungen verfeinert werden.

Immerhin kann dem Ländervergleich die Absicht zugutegehalten werden, die Benachteiligungsfaktoren für Schülerinnen und Schüler differenzierter zu erfassen. So zeigt sich bei den Gegenpolen "Spitzenreiter" und "Verlierer", dass z.B. Bayern genauso wenig erfolgreich mit Risikoschülern umgehen kann wie die Stadtstaaten am Ende der Skala. Nur sind die Anteile von Risikoschülern enorm unterschiedlich: In Bremen und Hamburg kommen fast fünfzig Prozent der Grundschüler aus Zuwandererfamilien und dies häufig gekoppelt mit Armutsbedingungen. Eine völlig andere Konstellation finden wir in den oberen Rängen, zumal sich auch die nationale Herkunft und damit das kulturelle Kapital der Migrantengruppen deutlich unterscheiden. Insofern sind deren Anteile auch rein quantitativ nicht vergleichbar.

Prof. Dr. Hans Brügelmann, Fachreferent beim Grundschulverband, resümiert aus der Sicht der Grundschulforschung: "Der Ländervergleich misst Fachwissen in Deutsch und Mathematik unter engen Zeitvorgaben innerhalb der Testsituation in einer Form, die in hohem Maße sprachabhängig ist. Für Kinder, die zweisprachig aufwachsen und in ihrer Fremdsprache Deutsch alphabetisiert wurden, bedeuten Textaufgaben damit auch am Ende der 4. Klasse noch eine erhebliche Zusatzanforderung." Ihr Sprachkompetenzlernen entspricht in der Regel noch nicht so weit der Altersnorm, wie es z. B. schnelles Lesen oder die Interpretation komplexerer Sachverhalte unter engen Zeitvorgaben verlangen. Damit werden folglich nicht ihre tatsächlichen Kompetenzen erfasst, genauso wenig wie Kompetenzen für das Lernen, also Selbstverantwortung, Selbständigkeit, Teamfähigkeit u.a. Es geht hier lediglich um Ausschnitte des fachlichen Wissens und Könnens.

Der Grundschulverband fordert, bei der Interpretation der Ergebnisse des Ländervergleichs auf eine differenzierte Auswertung zu achten und sorgsam geprüfte Schlüsse zu ziehen. Im Zentrum muss die Verbesserung und gerechtere Verteilung von Bildungsressourcen über Ländergrenzen hinweg stehen (Hemmschuh Föderalismus).

Am Umgang mit den Ergebnissen des Ländervergleichs wird sich die Solidarität der Kultusminister und deren Weitsicht messen lassen müssen. Es geht um das Bildungsrecht jedes einzelnen Kindes!

Die deutschen Grundschulen sind im internationalen Vergleich erfolgreich, obwohl sie – gemeinsam mit den Kitas - die höchst anspruchsvolle Aufgabe der Zweitsprachförderung zusätzlich zu bewältigen haben. Maresi Lassek: "Leisten wir uns also gut ausgestattete Grundschulen und geben wir ihnen die notwendige Unterstützung."

P.S.: In der Frage der Unterrichts- und Schulentwicklung zeigt der Grundschulverband über das Netzwerk "Starke Grundschulen" ein System auf, Schulen miteinander in Kontakt zu bringen und sich gemeinsam auf den Weg zur Schulentwicklung zu machen: www.starke-grundschulen.de

Ansprechpartner

Grundschulverband e.V.

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