Längeres gemeinsames Lernen zulassen
Zeitgemäße Schulpolitik muss überholte Strukturen und Denkmuster aufbrechen. Dieses Signal sendet der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) von seiner 52. Landesdelegiertenversammlung in Würzburg aus.
04.06.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V."Um angemessen auf die Herausforderungen der bayerischen Schul- und Bildungspolitik reagieren zu können, braucht es konstruktive Lösungen", erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel. In dem von über 500 Delegierten einstimmig verabschiedeten Leitantrag "Aufbrechen! Schulstruktur im 21. Jahrhundert" fordert der BLLV, überall dort Möglichkeiten für längeres gemeinsames Lernen zu zulassen, wo es gewünscht wird. "Die bayerische Schul- und Bildungspolitik steht aufgrund demografischer Entwicklungen und veränderter Schülerströme vor einem grundlegenden Paradigmenwechsel. Blockadehaltung und Abwehrreaktionen sind wenig hilfreich. Die Beteiligten vor Ort müssen vielmehr in die Lage versetzt werden, behutsame Schulentwicklungsprozesse einleiten zu dürfen", sagte Wenzel. Neben einem weiterentwickelten Gymnasium müsse es künftig eine gleichwertige Alternative geben, eine Schule, die interessierten Schülern Abschlüsse bis hin zum Abitur, längeres gemeinsames Lernen und Wohnortnähe ermöglicht.
"Die Menschen müssen zwischen beiden Schulformen wählen dürfen", verlangte Wenzel. Die Bevölkerung habe ein Recht auf Entscheidungsfreiheit. Beide Schulformen müssten optimal ausgestattet sein und zeitgemäße Lerninhalte vermitteln. Tragend für den Unterricht müsse ein neues Lern- und Leistungsverständnis sein, das sich an individuellen Lernfortschritten orientiert. Alle Schülerinnen und Schüler würden individuell gefördert.
"Die Herausforderungen für das bayerische Schulsystem türmen sich auf: Sinkende Geburtenzahlen und steigende Übertritte in die Realschule, Wirtschaftsschule und Gymnasium gefährden die wohnortnahe Schule, zahlreiche Grund- und Hauptschulen sind von Schließungen bedroht. Auslesedruck und Chancenungerechtigkeit nehmen zu. Die Ausgrenzung von Migranten führt zu Segregation und Ghettobildung. Übertrittsverhalten und schulischer Abschluss werden wesentlich durch die regionale Herkunft bestimmt. Die Wirtschaft klagt, dass einer zu hohen Zahl nicht ausbildungsfähiger Schulabgänger eine zu geringe Zahl von hochqualifizierten Abgängern gegenüber steht. In einem konjunkturabhängigen Ausbildungsmarkt schwinden die Ausbildungschancen für Hauptschulabgänger und Arbeitsmöglichkeiten für Un- und Angelernte", heißt es in dem Leitantrag.
"Die bayerische Schulpolitik reagiert darauf mit unbeirrtem Festhalten am dreigliedrigen System", kritisierte Wenzel. Dieses System leide aber an starren Strukturen und mangelnder Durchlässigkeit. "So kommen auf einen Aufstieg innerhalb des gegliederten Schulwesens elf Abstiege." Gerechtfertigt werde dieses System durch die nicht haltbare Ideologie homogener Lerngruppen durch das Aufteilen der Schüler auf getrennte Schularten. Diese Pädagogik ersetzt Individualisierung durch Gruppierung. Die Folge ist eine mangelhafte Förderung der einzelnen Schüler. Dies fällt insbesondere bei schwächeren Schülern ins Gewicht. Zudem verursacht die Bereitstellung von drei parallelen Schularten hohe Kosten bei geringer Effizienz. Dies zeigt sich im internationalen Vergleich mit anders organisierten Schulsystemen deutlich. Hinzu kommt, dass das bayerische Bildungswesen generell durch Unterfinanzierung und Unterversorgung geprägt ist. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der für öffentliche Bildungsausgaben herangezogen wird, liegt im internationalen Vergleich nicht auf einem Rang, der einer führenden Industrienation zukommt.
"Trotz eines hektischen Reformaktivismus ist die Schulpolitik bislang nicht bereit, tiefgreifende Reformen anzugehen, die den grundlegenden Problemen eine dauerhafte Lösung zuführen", beklagte Wenzel. Die Aufteilung der Schüler nach der 4. Klasse auf unterschiedliche Schularten wird dogmatisch unter allen Umständen beibehalten, auch wenn sich mittlerweile nicht nur das gesamte Ausland, sondern auch beinahe alle anderen deutschen Bundesländer von der Dreigliedrigkeit verabschiedet haben. Im BLLV-Leitantrag wird ausdrücklich betont, "dass die Bildungspolitik keine einheitlichen Schulmodelle per Zwang überstülpen darf." Vielmehr müssten die Schulen vor Ort beraten und bei der Erarbeitung von Konzepten für längeres gemeinsames Lernen unterstützt werden.
Die Delegierten fordern die Bayerische Staatsregierung auf,
- Modelle integrierter, vollständiger Schulangebote mit verschiedenen Abschlussniveaus in einer Schule auf Antrag der Schule zuzulassen
- den Schulen Entscheidungskompetenzen zu geben
- integrierte Alternativen zu entwickeln, anstatt Schulen im gegliederten Schulwesen neu zu gründen
- Schulen in die Lage zu versetzen, Lehrpläne entsprechend verändern zu dürfen
- Lehrer aller Schularten an den neuen Schulen einzusetzen und dort unterrichten zu lassen
- die Lehrerbildung umzubauen (Stufenlehrer, Kompetenz des individualisierten Unterrichts und des Umgangs mit Heterogenität, Förderdiagnostik)
- einzelschulbezogene Fortbildungsinitiativen zu integrierenden Unterrichtsformen anzubieten
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