Gastbeitrag

Lernende sind keine Aktenordner

Das Bildungssystem wurde für eine Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt, die wir so nicht mehr vorfinden. Die Zeiten in denen Wissen, wie durch einen Schwamm aufgesaugt und unter Prüfungsdruck wieder abgegeben wurde, sind definitiv vorbei.

06.02.2020 Bundesweit Artikel Klaus Oehmann, Patrick Blumschein
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Menschen müssen sich heute schnell in neue Aufgabenbereiche einarbeiten können oder Entscheidungen ohne die nötigen Informationen fällen. Kreativität, Kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation sind gefragt. Von den Herausforderungen der Digitalisierung ganz zu schweigen. Die Schule steht vor der Herkulesaufgabe dafür die Grundlagen zu schaffen. Anders gesagt: Wie können Bildungseinrichtungen junge Menschen gezielt auf diese Anforderungen vorbereiten? Eine mögliche Lösung bietet die Kompetenzorientierung, denn es braucht mehr als nur Faktenwissen. Schüler müssen ihren Wissensschatz auch reflektieren und durch ihre Handlungen zeigen, dass sie das erworbene Wissen auch anwenden können. Der Schüssel, um diese Kompetenzen entwickeln und fördern zu können, sind Lernaufgaben. Nicht stupides Auswendiglernen für Vokabeltests oder das sinnlose Aneinanderreihen von Methoden sind angezeigt, sondern Lernaufgaben, bei denen die Schüler sich entsprechend ihres Reifegrads weiterentwickeln können. Dies bedarf auf Seiten der Lehrkräfte entsprechende aufgabendidaktische Kompetenzen, die bisher in der Ausbildung eher vernachlässigt wurden.

Alles Lernen ist Problemlösen

Wer lernt ist zunächst ratlos, kennt nicht gleich den Lösungsweg, ist neugierig darauf, wie es wohl funktionieren könnte. Die Aussicht auf Erfolg kann die Lernenden stärken und ihnen Mut machen, nicht gleich aufzugeben. Gleichzeitig sehen sie, dass sie ihre Vorgehensschritte reflektieren und bewerten müssen. Sie sind kreativ, machen Fehler, überlegen sich neue Wege, probieren etwas aus und wägen ab, ob sie so weiter machen oder vielleicht einen Experten um Rat fragen sollten. Sie sind in diesem Denkprozess selbstgesteuert, reflektiert, werden herausgefordert und sind auch oftmals emotional aufgewühlt. Sie arbeiten vielleicht eher im Team, helfen sich gegenseitig und werden vom Lernbegleiter unterstützt. Wenn die Schüler ihr Ergebnis präsentieren, können sie auf das Erreichte stolz sein. So etwas funktioniert nicht in 45 Minuten. Lernaufgaben müssen größer gedacht werden. Sie erstrecken sich oftmals über eine ganze Unterrichtsreihe oder sogar über ein Halbjahr. Mit einher geht eine Veränderung in der Haltung der Lehrperson: vom Wissensaufbereiter hin zum Berater und Coach. Dazu gehört auch, den Lernraum vom Damoklesschwert der Benotung zu befreien.

Der Aufgabendidaktische Kompass

Eine mögliche Orientierung für die Entwicklung von lernförderlichen Aufgaben finden Lehrende im Aufgabendidaktischen Kompass. Er verfügt über fünf Merkmale:

  • ein Problem, das neugierig macht,
  • eine Situation aus dem Leben,
  • eine Handlung, die einen mehrschrittigen Ablauf beinhaltet,
  • Kompetenzen, die mehrdimensional sind,
  • Lernende, die berücksichtigt werden und sich aktiv einbringen können.
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Das Problem steht im „Norden“. Es ist der Orientierungspunkt für die Gestaltung der Lernaufgaben. Sobald die Lernenden den persönlichen Bezug erfasst haben, ist ihre Neugierde geweckt und ihre Motivation entfacht. Dabei können Lehrkräfte Inspiration im Alltag auf der Straße oder in der Tageszeitung finden.

Das zweite Merkmal ist die Situation. Alltagserfahrungen sollten in die Lernaufgabe aufgenommen und anschließend Lösungen entwickelt werden. Die dann wiederum in einer Anwendungssituation ausprobiert werden sollten. Das verzahnt die Schule und das Leben außerhalb der Schule.

Das dritte Merkmal ist die Kompetenz. Ein besonders wichtiger Aspekt beim Lernen ist die Selbstorganisation. Sie macht ein sinnvolles Handeln in neuen, offenen, komplexen, teilweise chaotischen Situationen möglich. Die Schüler müssen nicht nur die Lösung repetieren, sondern auch ihre Lösungswege anderen erklären können. Noch anspruchsvoller ist es, die fächerübergreifende Bedeutung der Aufgaben zu erschließen. Lehrkräfte müssen daher genau überlegen, wie ihr Lehrziel zum Lernziel wird, welche Facetten wie tief bearbeitet werden müssen und wie das in konkreten Handlungen gezeigt werden kann.

Die Handlung ist das vierte Merkmal des Kompasses. Eine Lernaufgabe ermöglicht den Lernenden selbstgesteuertes Handeln. Damit das gelingt, braucht es folglich Handlungsspielräume. Lehrkräfte müssen diese bereits bei der Planung einrichten. Den Lernenden wird nicht vorgeschrieben, was sie tun müssen. Sie schaffen einen eigenen Raum, in dem sie sich eigenverantwortlich Handlungen erschließen oder ihr Denken und Tun aufeinander beziehen können.

Das fünfte Merkmal sind die Lernenden selbst. Sie bringen ihr individuelles Vorwissen, ihre Motivationen, Ängste, Neugierde und Überzeugungen mit. Die wichtigsten Faktoren für den Lernerfolg liegen in der Person des Lernenden selbst. Bei der Gestaltung einer Lernaufgabe sollten Lehrkräfte deshalb unbedingt bedenken, wie die Schüler zu Selbstwirksamkeit, Handlungserfolg und Anerkennung für ihr Lernen und Tun kommen können. Kann sich die Lernaufgaben an unterschiedliche Bedingungen anpassen? Können bei der Teamarbeit die Stärken und Schwächen der Einzelnen produktiv umgesetzt werden? Oder braucht es unterschiedliche Arbeitsaufträge und Kontexte in der Lernaufgabe?

Lernaufgaben, die kompetenzorientiert entwickelt werden, die ein herausforderndes Problem zum Kern haben und in authentischen Situationen verankert sind, ermöglichen den Schülern selbstgesteuertes Lernen. Sie helfen ihnen durch ihre Aktionen ihr Denken zu strukturieren und umgekehrt, ihr Denken durch ihre Aktionen zu überprüfen. Diese Prozesse erfordern ein Umdenken der Lehrerprofession mit einem starken Engagement im Bereich Coaching. Die fachliche Herausforderung an die Lehrkraft wird dabei keineswegs geschwächt.


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