Lernprozesse auf allen Kanälen

(gl) Seit zweieinhalb Jahren leitet Wilfried Wolfgang Steinert die Waldhofschule Templin. Kürzlich wurde der Vater von vier eigenen und acht Pflegekindern auch noch zum Vorsitzenden des Bundeselternrats gewählt. Wie ist das zu schaffen? Der Klett-Themendienst sprach mit dem gelernten Fernsehtechniker, studierten Theologen, Pfarrer, Religionspädagogen und Schulleiter.

02.09.2004 Artikel

Der Terminplan von Wilfried W. Steinert ist proppenvoll: "Rufen sie mich im Auto an, da können wir in Ruhe reden", sagt er und macht dabei überhaupt keinen gestressten Eindruck. Während der Fahrt zwischen Schule, mehreren Terminen und dem Heimatort findet der 54-Jährige am ehesten Zeit zum Plaudern. Gerade ist das erste Schuljahr in der umstrukturierten Waldhofschule Templin geschafft: "Es war anstrengend, aber auch voller Erfolgserlebnisse", konstatiert Steinert. Die Waldhofschule wurde vor 14 Jahren als Förderschule für geistig Behinderte eröffnet und im Schuljahr 2003/04 unter dem Motto "Eine Schule für alle" in eine integrative Grundschule umgewandelt (siehe unten). Nicht nur aus Sicht des Schulleiters Steinert ist die Bilanz nach einem Jahr mehr als erfolgreich. Wie die wissenschaftliche Begleitstudie von Prof. Dr. Otto Dobslaff vom Institut für Sonderpädagogik in Potsdam zeigt, liegt die Elternzufriedenheit bei sage und schreibe 100%. Besonders der Zuwachs an Selbstkompetenz wird von den Familien als außergewöhnlich empfunden. Bei keinem der insgesamt 32 Kinder in den zwei Klassen ist ein Nachlassen der Lernfreude zu verzeichnen. Das macht Steinert zufrieden: "Wir sind auf dem richtigen Weg."

Integrativer Lehrplan notwendig

Doch er wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch selbstkritisch die Defizite benennen würde: "Uns fehlt die Zeit, konzeptionell weiterzuarbeiten, zum Beispiel den integrativen Lehrplan zu entwickeln!" Derzeit gibt es in Brandenburg nur einzelne Lehrpläne für gesunde, lernbehinderte und geistig behinderte Kinder. Steinert und seine Kollegen wollen das ändern. "Nur so geht das integrative Konzept wirklich auf." Zum Beginn des neuen Schuljahrs werden wieder 32 ABC-Schützen in die neue Grundschule aufgenommen. So wird die Schule beständig weiter wachsen. "Wir haben eine Zulassung bis zur sechsten Klasse; perspektivisch wollen wir die Schule aber bis Klasse zehn entwickeln", blickt Steinert in die Zukunft. Schöne Aussichten – wäre da nicht die große Schwierigkeit, geeignete Mitstreiter für die Waldhofschule zu gewinnen: "Wir suchen Kollegen, die langfristig hier arbeiten. Dazu müssen sie sich ganz aufs Konzept einlassen, teamfähig sein – und auch hier wohnen", betont der Schulleiter. Letzteres sei das größte Problem, obwohl das rund 80 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegene 14 000-Einwohner-Städtchen Templin eine hohe Lebensqualität verspricht. Die Integration behinderter Kinder wird durch den veränderten Personalschlüssel erleichtert: Für jede Klasse ist ein dreiköpfiges Team verantwortlich, das sich aus einer sonderpädagogischen Lehrkraft, einer sonderpädagogischen Fachkraft und einer Grundschullehrerin zusammensetzt. Da im Unterricht immer zwei Kollegen gleichzeitig anwesend sind und in den Klassen höchstens acht der insgesamt 16 Kinder einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben, kann jedes Kind individuell betreut werden.

Keine inhaltlichen Interessenkonflikte

Ein weiteres Aufgabenpaket hat sich Steinert mit der Übernahme des Bundeselternratsvorsitzes im Mai 2004 aufgehalst: Zweimal jährlich trifft sich das 110-köpfige Gremium zu den Plenartagungen; dazu kommen die Sitzungen der Ausschüsse, die politische Arbeit und die "Hausaufgaben". Doch Steinert bleibt entspannt: Interessenkonflikte zwischen seinem Job und dem Ehrenamt entstehen höchstens, wenn es um die Zeiteinteilung geht: "Ich setze das in der Schule um, was ich mir als Vater wünsche. Und das, was ich gefordert habe, wird durch die Praxis direkt überprüft. Das führt zu Lernprozessen innerhalb der Schule, aber auch im Elternrat und zu Hause in der Familie." So einfach ist das für den Familienvater, dem das gemeinsame Frühstück mit seiner Frau und den fünf noch zu Hause lebenden Kindern heilig ist und der trotz der vielen Aufgaben mindestens viermal wöchentlich auch am Abend mit der Familie am Tisch sitzt. Die Kernthemen seines Arbeitslebens bleiben bei diesen Zusammenkünften präsent: "Meine Frau arbeitet in der Sucht- und Drogenberatung. Klar, dass es zwischen uns viel Verbindung und Austausch gibt. Der Spagat zwischen Job, Ehrenamt, sonstigen Aktivitäten und Familie ist also rein zeitlicher Art."

Hintergrund

Integration und individuelle Förderung

Der Waldhof Templin ist eine Einrichtung in Trägerschaft der evangelischen Stephanus-Stiftung, die sich seit 1878 für Menschen mit Behinderung, Menschen im Alter sowie Kinder und Jugendliche engagiert. Zum Waldhof gehören eine Wohnstätte für Erwachsene mit geistiger/mehrfacher Behinderung, eine Werkstatt für Behinderte, ein Kinder- und Jugendheim sowie die vor 14 Jahren als Förderschule für geistig Behinderte eröffnete Waldhofschule, die im Schuljahr 2003/04 als "Eine Schule für alle" in eine integrative Grundschule umgewandelt wurde. Die Besonderheiten dieser integrativen Grundschule, die mit zwei ersten Klassen (je 16 Kinder) startete, sind:

  • Ein ausgewogenes Verhältnis von Kindern mit und ohne Förderbedarf; jedes Kind bekommt einen individuellen Lehr- und Entwicklungsplan.
  • Für jede Klasse ist ein dreiköpfiges Team verantwortlich, das sich aus einer sonderpädagogischen Lehrkraft, einer sonderpädagogischen Fachkraft und einer Grundschullehrerin zusammensetzt. Im Unterricht sind immer zwei Kollegen gleichzeitig anwesend.
  • Die Ganztagsschule beginnt um 8 Uhr und endet um 15 Uhr; Betreuungsmöglichkeiten gibt es zwischen 7 und 17 Uhr.
  • Fächerübergreifender, projekt- und handlungsorientierter Unterricht; Computer und Internet werden einbezogen.
  • Verkehrsgarten, schuleigener Streichelzoo, Schulgarten, Sportplatz etc.? Kosten pro Kind und Monat: maximal 75 Euro.

Ansprechpartner

Wilfried Wolfgang Steinert
Schulleiter Waldhofschule
Röddeliner Straße 36
17268 Templin
Telefon: 0 39 87-70 00-117
Fax: 0 39 87-70 00-118

www.waldhofschule.de
www.stephanus-stiftung.de

Erstveröffentlichung Klett Themendienst


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