Rückgang der Lesekompetenz durch Schulschließungen und Lernumfeld
Eine neue Studie des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) hat herausgefunden, dass Schulschließungen während der COVID-19-Pandemie einen großen Beitrag zur Verschlechterung der Lesekompetenz in Europa geleistet haben. Die Schließungen sind allerdings nicht der alleinige Grund.
25.07.2025 Bundesweit Pressemeldung TU DortmundDie Studie hat erstmals ermittelt, welche Rolle Verschlechterungen bei den außerschulischen Lernbedingungen spielen: Europaweit kann ein Viertel des Leistungsrückgangs darauf zurückgeführt werden, in Deutschland sogar mehr als die Hälfte. Die schlechte sozio-ökonomische Lage vieler Familien, zunehmende Mehrsprachigkeit und Digitalisierung sind weitere Herausforderungen.
Der Rückgang der Lesekompetenz in 14 von 18 untersuchten europäischen Ländern und Regionen zwischen 2016 und 2021 ist zu einem bedeutenden Teil auf die umstrittenen pandemiebedingten Schulschließungen zurückzuführen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Technischen Universität Dortmund. Abhängig von der Dauer der Schulschließungen fielen die Rückgänge in einzelnen Ländern und Regionen jedoch unterschiedlich stark aus. Die Dauer variierte in Europa stark und reichte von null Tagen in Schweden bis hin zu 142 Tagen in Slowenien.
„Unsere Studie leistet einen wichtigen Beitrag dazu, den Rückgang der Lesekompetenz, den wir seit Jahren in Deutschland und Europa beobachten, besser zu verstehen“, erklärt Dr. Ulrich Ludewig. Er hat die Studie gemeinsam mit Dr. Rolf Strietholt und Prof. Dr. Nele McElvany durchgeführt. Grundlage für ihre komplexe Analyse waren die Daten der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2016 und 2021 aus 18 europäischen Ländern und Regionen. „Es ist entscheidend, den Einfluss von Schulschließungen und deren Dauer auf die Lernerfolge von Schülerinnen und Schülern präzise zu messen. Angesichts aktueller und zukünftiger Krisen wie dem Klimawandel oder neuen Pandemien können Schulschließungen auch in Zukunft wieder in Betracht gezogen werden. Deshalb ist es unerlässlich, die Folgen dieser Maßnahme besser einschätzen zu können.“
Die Schulschließungen allein reichen jedoch nicht aus, um den Rückgang der Lesekompetenz in Europa zu erklären. Die Studie zeigt erstmals, dass ein Viertel des Leistungsrückgangs in Europa (3 von 11 Punkten) und sogar mehr als die Hälfte des Rückgangs der Lesekompetenz in Deutschland (7 von 13 Punkten) auf die Verschlechterung der außerschulischen Lernbedingungen zurückzuführen ist. Für diese Verschlechterung sind verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich. Viele Familien haben begrenzte finanzielle Mittel, was die Lernmöglichkeiten zuhause einschränkt.
Außerdem sprachen von 2016 bis 2021 mehr Kinder zu Hause eine andere Sprache als die Unterrichtssprache. Der geringere Kontakt mit der Unterrichtssprache ist eine Herausforderung für den Leseerwerb. Zudem könnte die Digitalisierung dazu führen, dass lesebezogene Freizeitaktivitäten bei Eltern abnehmen, wodurch sich auch die Vorbilder für ihre Kinder verändern. Diese Entwicklungen erschweren den erfolgreichen Leseerwerb auch unabhängig von Schulschließungen. Bei Wegfall des Präsenzunterrichts in den Schulen können sich solche Benachteiligungen aber noch stärker auswirken.
„Auch wenn Schulschließungen einen bedeutsamen Einfluss auf die Verschlechterung der Lesefähigkeiten hatten, waren sie keinesfalls die einzige Herausforderung für den Leseerwerb zwischen 2016 und 2021,“ betont Prof. Dr. Nele McElvany. „Um die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler nachhaltig zu verbessern, müssen europäische Bildungssysteme Strategien für den Sprach- und Leseerwerb insgesamt stärker priorisieren. Wir brauchen bessere Unterstützungsmechanismen, die es Schülerinnen und Schülern ermöglichen auch unabhängig von den Ressourcen ihrer Eltern erfolgreich Lesen zu lernen.“
Die gesamte Studie zum Nachlesen (Englisch)
Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU)
Die IGLU-Studie ermittelt alle fünf Jahre in mehr als 60 Staaten und Regionen, wie gut Kinder zum Ende der 4. Klasse Lesen können. In Deutschland wird die Studie vom Institut für Schul entwicklungsforschung (IFS) unter der Leitung von Prof. Dr. Nele McElvany durchgeführt. Die nächste Erhebung findet 2026 statt.
Portrait Institut für Schulentwicklungsforschung
Das interdisziplinäre Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bildungsforschung an der TU Dortmund ist als Forschungseinrichtung an der Schnittstelle von Wissenschaft, schulischer Praxis und Bildungspolitik angesiedelt. Die durch fünf Professuren und rund 50 Mitarbeiter*innen gestalteten Forschungsbereiche des Instituts arbeiten zu aktuellen Themen im Bereich der Empirischen Bildungsforschung mit dem Ziel, schulische Lern- und Entwicklungsprozesse, Schulentwicklung und Bildungsergebnisse im Kontext ihrer individuellen, sozialen und institutionellen Bedingungen zu erfassen, zu erklären und zu optimieren. Das IFS trägt mit seiner Arbeit wesentlich den Profilbereich „Bildungs- und Arbeitswelten von morgen“ der TU Dortmund mit.
- „Vorlesen ist eine Superkraft“: Wie Bücher Sprache und Selbstvertrauen fördern
- Bärendienst für die Bildungsgerechtigkeit
- Abbau kognitiver Kompetenzen beginnt später als gedacht – Lernen schützt
Keine Kommentare vorhanden