Nachhilfeunterricht: gefragt wie nie

(Ute Rampillon) Heerscharen von mehr oder weniger qualifizierten Nachhilfelehrern bieten ihre Dienste entweder privat oder mittels eigens eingerichteter Institutionen an. Ute Rampillon, Regierungsschuldirektorin a. D. und Lehrerfortbilderin für Fremdsprachen, über den wachsenden Markt und die Möglichkeiten, die Qualität der Nachhilfeangebote unter die Lupe zu nehmen.

13.07.2004 Artikel

In Deutschland boomt der Nachhilfeunterricht. Jeder zweite Schüler nimmt ihn irgendwann in Anspruch. Besonders gefragt sind die Fächer Englisch und Mathematik mit jeweils 31%, gefolgt von Deutsch mit 24%, Latein (8%) und Französisch (5%). Nicht erfasst sind dabei all jene Lernende, die auf Befragen hin von sich selber sagen, dass sie gern Nachhilfeunterricht hätten. Denn etwa 20% der Schüler, die derzeit ohne Nachhilfeunterricht sind, haben das Gefühl, ihn eigentlich zu brauchen.

Der Nachhilfemarkt

Derzeit stellt sich der Nachhilfeunterricht vielen als ein riesiger kommerzieller Markt dar, der völlig überlaufen ist und immer weiter anzuwachsen scheint. Dominiert wird dieser Markt von zwei bundesweit aktiven Nachhilfeinstituten, den Filialbetrieben "Studienkreis" und "Schülerhilfe". Daneben bestehen etwa 20 kleinere Ketten und ca. 1000 Einzelunternehmen. Einige dieser Organisationen haben sich zu Interessenverbänden zusammengeschlossen oder gar überregionale und internationale Netzwerke geschaffen (z. B. mit England, Österreich oder mit der Schweiz). Zu den bekanntesten zählt der "Interessenverband Nachhilfeschulen e.V." (INA) als Mitglied des Bundesverbands deutscher Privatschulen.

Trotz dieser umfangreichen Angebote werden etwa 80% des gesamten Nachhilfeunterrichts von Privatlehrern abgedeckt, die entweder bei den Lernenden oder bei sich zu Hause den Unterricht erteilen. Zu den ausgefallenen Besonderheiten zählt die rollende Nachhilfe, die in einem Kleinbus zu den Lernenden kommt (www.nachhilfeaufraedern.de). Weit verbreitet ist außerdem die familiäre Nachhilfe durch Eltern, Verwandte und Freunde. Darüber hinaus existieren folgende Sonderformen:

  • Nachhilfe "direkt": Damit ist die Nachhilfe im Internet gemeint, die unter Umgehung von Institutionen durchgeführt wird.
  • Nachhilfe "medial": Hier schlagen Anbieter Nachhilfe per Telefon vor. Dazu wird regelmäßiger Unterricht zu festen Zeiten vereinbart. Varianten sind der Nachhilfeunterricht per Fax, als E-Mail, als SMS ("Schick mir einfach ´ne SMS mit deinen Fragen!") oder auch als Internet-Chat.
  • Relativ weit verbreitet sind inzwischen kommerzielle Börsen für Referate und Facharbeiten, bei denen Down-load-Dateien oder CD-ROMs angeboten werden.
  • Zahlreich sind außerdem Onlinebörsen, die eine kommerzielle Vermittlung von Nachhilfeunterricht in Form von Datenbanken anbieten. Ein nützlicher Service ist die Vermittlung von Privatlehrern im jeweiligen Einzugsgebiet durch die Suche per Postleitzahl.
  • Nachhilfe- oder Lernpensionen bieten Bildungsurlaub in Form von Ferienkursen an.

## Englisch-Nachhilfe Am häufigsten nachgefragt wird (neben Mathematik) Englisch-Nachhilfe. Die wichtigsten Gründe dafür sind:

  • Das Fach Englisch hat als erste Fremdsprache eine stark selektive Funktion. Der eindeutige Elternwunsch gilt dem Schulerfolg.
  • Elternhilfe ist nicht immer möglich (mangelnde Fremdsprachenkompetenz, Zeitmangel, Berufstätigkeit) oder wird nicht gewünscht, weil man außerfamiliären Personen den Vorzug gibt.
  • Englisch hat einen stärker leistungssteigernden Effekt als andere Schulfächer, denn es trägt zum Abbau von Schulangst bei und fördert die Motivation für Fremdsprachenunterricht. Pädagogen sprechen auch von einer Anschubwirkung: Wer in Englisch gut ist, zeigt in der Folge auch in anderen Fächern eine Leistungssteigerung.
  • Englisch hat einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert.
  • Englisch-Nachhilfe wird oft auch bei schulischen Übergängen und Abschlüssen in Anspruch genommen.
  • Englisch als Lehrgangsfach zeitigt bei vielen Lernenden nach etwa zwei Lernjahren die aufgeschobene Wirkung von Lerndefiziten aus dem Anfangsunterricht und weckt damit Nachhilfebedarf.

Die Gründe für Englisch-Nachhilfe sind also eher systemischer Art und lassen sich weniger durch Defizite im Fachunterricht erklären. ## Heterogene Zielgruppe Englisch-Nachhilfe wird als Einzelunterricht oder in kleinen Gruppen erteilt und geht so auf den individuellen Bedarf der Lernenden ein. Außerdem ist sie mit dem schulischen Englischunterricht abgestimmt. Die Vielfalt des Nachhilfeangebots entspricht der Heterogenität der Nachhilfeschüler. In Anspruch genommen wird Nachhilfe vor allem von Schülern,

  • deren Versetzung gefährdet ist,
  • die Leistungsschwächen und/oder schlechte Noten wegen Überforderung oder auch Faulheit haben,
  • die etwas nachholen müssen (Schulwechsel, Krankheit ...),
  • die sich auf eine Prüfung oder einen Wechsel der Schulstufe vorbereiten wollen,
  • die vor anderen einen Vorsprung haben wollen,
  • die noch besser werden wollen, als sie schon sind (Hochbegabte),
  • die aus eigener Motivation heraus eine weitere Sprache lernen bzw. eine Sprache weiterlernen wollen (Hochmotivierte),
  • die das Lernen erst noch erlernen müssen.

Lehrkräfte unterschiedlich qualifiziert

Der Anteil ausgebildeter Lehrkräfte unter den Nachhilfegebenden wurde bisher weit überschätzt: Tatsächlich erteilt lediglich jede zwanzigste Lehrkraft in Anstellung Nachhilfeunterricht. Die überwiegende Zahl der Nachhilfelehrer rekrutiert sich aus dem Pool der Schüler, Studenten, Referendare und arbeitslosen Lehrer. Nicht zu vergessen ist außerdem die große Gruppe der Eltern (überwiegend Mütter) und anderer Familienmitglieder, die Nachhilfe in Form von Hausaufgabenhilfe betreibt. Hinzu kommen englische oder amerikanische Muttersprachler, Übersetzer und Dolmetscher sowie Sprachlehrer, die an Spracheninstitutionen, Nachhilfeeinrichtungen etc. unterrichten. Für sie sind Hilfen unterschiedlichster Art von Bedeutung, wenn sie ihren Unterricht professionell gestalten wollen.

Eltern, die auf der Suche nach guten Nachhilfeangeboten sind, sollten Wert darauf legen, dass die eingesetzten Lehrkräfte neben Sprachkenntnissen über folgende Qualifikationen verfügen:

  • Kenntnis der Möglichkeiten und Grenzen von Nachhilfeunterricht,
  • lerntheoretische Kompetenzen,
  • ein solides didaktisches Wissen, das u. a. das Erstellen von eigenen Lernmaterialien zulässt,
  • kommunikative Qualitäten, die den Nachhilfelehrer in die Lage versetzen, Beratungsgespräche zu führen.

Service

  • Seit 2004 gibt es ein RAL-Gütesiegel für Nachhilfeschulen. Die Gütegemeinschaft INA-Nachhilfeschulen (www.ina-schulen.de) zeichnete im Januar 2004 die ersten sieben Schulen damit aus. Jährliche unangemeldete Überprüfungen durch externe Prüfer stellen sicher, dass das Siegel, das auch wieder aberkannt werden kann, zurecht geführt wird.
  • Englisch-Nachhilfelehrer, die ihren Unterricht optimieren wollen, finden in dem Buch "Better in English. Unterrichtshilfen für Lehrer und Eltern" (Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung 2003) von Ute Rampillon hilfreiche Tipps.

Autorin

Ute Rampillon
Regierungsschuldirektorin a. D., ist Lehrerfortbilderin für Fremdsprachen sowie Autorin verschiedenster Publikationen zur Methodik und Didaktik des Fremdsprachenunterrichts und zur Erwachsenenbildung. Zuletzt erschien "Better in English. Unterrichtshilfen für Lehrer und Eltern" (Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung 2003).

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst


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