Nordrhein-Westfalen hat in der Bildungspolitik die richtigen Weichen gestellt

"Das Ergebnis der zweiten PISA-Studie bedeutet für Deutschland einen Fortschritt, zufrieden stellend ist es aber ganz sicher noch nicht. Für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland, für das die Bildung und Ausbildung seiner Jugend eine zentrale Bedeutung hat, ist ein Platz im internationalen Mittelfeld zu wenig. Die Ergebnisse von PISA 2003 bieten aber angesichts der festzustellenden Verbesserungen Anlass zu verhaltener Zuversicht; ganz sicher sind sie kein Grund für Fatalismus oder gar für Katastrophenszenarien." Mit diesen Worten kommentierte die nordrhein-westfälische Schul- und Jugendministerin Ute Schäfer die nunmehr offiziell vorgestellte internationale Vergleichsstudie PISA 2003.

07.12.2004 Pressemeldung Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen

An der Studie für den internationalen Vergleich hatten im Frühjahr 2003 deutschlandweit 216 Schulen mit 4660 Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 Jahren teilgenommen. An der Untersuchung beteiligten sich 41 Staaten - darunter 30 OECD-Länder. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand bei der zweiten PISA-Studie die Mathematik, aber auch die Bereiche Lesekompetenz und Naturwissenschaften wurden erneut untersucht. In allen drei Bereichen konnte sich Deutschland gegenüber der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 verbessern - wobei die Steigerungen in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften statistisch bedeutsam (signifikant) waren. In Mathematik und Naturwissenschaften erreichten deutsche Schülerinnen und Schüler bei einem internationalen Durchschnitt von 500 Punkten 503 Punkte (plus 22 Punkte gegenüber der ersten PISA-Studie) bzw. 502 Punkte (plus 15 gegenüber der ersten PISA-Studie). Auch im Bereich Lesekompetenz landeten die deutschen Schülerinnen und Schüler bei einem internationalen Durchschnitt von 494 Punkten mit 491 Punkten (plus 7 Punkte gegenüber der ersten PISA-Studie) nahezu exakt auf dem internationalen Mittelwert.

Einen Platz oberhalb des OECD-Durchschnitts von 500 Punkten erreichten die deutschen Jugendlichen mit 513 Punkten im erstmals untersuchten Bereich "Problemlösen". Dabei ging es um die intelligente Anwendung von fachlichem Wissen aus unterschiedlichen Bereichen auf lebensnahe Problemstellungen. Die guten Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf ein noch nicht ausgeschöpftes Potenzial der Schülerinnen und Schüler zur Lösung von Problemen auch in den anderen PISA-Bereichen zu.

"Nach wie vor beunruhigend und völlig inakzeptabel ist aus meiner Sicht, dass Deutschland zu jenen Ländern gehört, in denen es einen sehr engen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg gibt und in denen Kinder aus Zuwandererfamilien weniger erfolgreich gefördert werden als in anderen Staaten. Auch wenn die Zahl der Jugendlichen, die nur über geringe Basiskompetenzen verfügen und damit zur so genannten Risikogruppe gehören, in Deutschland jetzt im Bereich Mathematik mit 21,6 Prozent nahezu dem OECD-Durchschnitt (21,4 Prozent) entspricht, bedeutet das aus meiner Sicht, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben", betonte Ute Schäfer.

"Insgesamt gibt es bei PISA 2003 positive Tendenzen," so die Ministerin, "und das ist erfreulich. Ich halte es aber noch für zu früh, um von einem verlässlichen Trend zu sprechen. Eine solche Aussage ist erst möglich, wenn die Ergebnisse von PISA 2006 vorliegen."

Schäfer wies die bereits vor der Bekanntgabe der neuen PISA-Studie in Teilen der Öffentlichkeit geäußerte Kritik, die Politik habe bisher nur mit einigen "Reförmchen" auf die ersten PISA-Ergebnisse im Dezember 2001 reagiert, für Nordrhein-Westfalen entschieden zurück: "Wer so etwas behauptet, der hat entweder ein Interesse daran, unser Land und unsere Schulen schlecht zu reden oder er hat den Sinn für das Machbare verloren. Was wir in NRW derzeit vollziehen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine grundlegende Neuausrichtung unseres Bildungssystems.

Wir haben mittlerweile ein flächendeckendes System für die vorschulische Sprachförderung aufgebaut, von dem Kinder, die vor der Einschulung Hilfe benötigen, profitieren. Das waren in diesem Jahr immerhin rund 40.000 oder 20 Prozent aller Erstklässler in NRW.

Wir verändern unsere Grundschulen durch offene Ganztagsangebote so, dass sie für viele Kinder zu einem Platz werden, der weit mehr bietet als Unterricht, der ihnen den Kontakt zu Freunden ermöglicht, der ihnen Gelegenheit gibt zu Spiel, Sport, musikalischer und künstlerischer Bildung und zu gezielter Förderung. Wir haben mit den Lernstandserhebungen in den Klassen vier und neun sowie den zentralen Abschlussprüfungen nach Klasse zehn und in den schriftlichen Abiturfächern ein umfassendes Konzept der Qualitäts- und Standardsicherung entwickelt. Es wird zu mehr Transparenz im Bildungssystem führen und bildet somit gleichzeitig die Basis für zunehmend selbstständige Schulen.

Wer sich allein diese Punkte vor Augen führt, muss einräumen, dass in NRW die Grundlagen für ein modernes Bildungssystem gelegt sind - und zwar in einer Geschwindigkeit, die vor einigen Jahren noch kaum jemand für möglich gehalten hätte."

Die Ministerin wies darauf hin, dass erhebliche Anstrengungen unternommen worden sind, um die schwächeren Schülerinnen und Schüler in NRW zu stützen. "Die Hauptschulen haben unter den weiterführenden Schulen mit Abstand die kleinsten Klassen - dennoch arbeiten die Lehrerinnen und Lehrer dort oft unter besonders schwierigen Rahmenbedingungen. Deshalb haben wir - trotz des geringen Spielraums der öffentlichen Kassen - vielen Haupt- und Gesamtschulen weitere Lehrer zugeteilt. Sie sollen Kinder nach dem Wechsel von der Grundschule in den Klassen fünf und sechs gezielt fördern, wobei die Entwicklung der Sprach- und Lesekompetenz im Mittelpunkt steht. Insgesamt 578 Stellen stehen dafür zur Verfügung. Außerdem haben wir den Hauptschulen 400 Sozialpädagogen zur Seite gestellt. Ich bin davon überzeugt, dass wir damit an den richtigen Hebeln angesetzt haben. Allerdings haben sich diese Veränderungen noch nicht für die im Jahr 2003 getesteten 15-jährigen Jugendlichen auswirken können."

Die Ministerin wies in diesem Zusammenhang grundsätzlich darauf hin, dass zwischen der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie im Dezember 2001 und der Untersuchung für die zweite Studie im Frühjahr 2003 noch nicht einmal anderthalb Jahre lagen. Das sei zu kurz, als dass sich die eingeleiteten Reformen bereits in vollem Umfang niederschlagen könnten.

Die Ministerin forderte die Medien ebenso wie die Politik auf, die PISA-Studie sorgfältig zu analysieren. "Ich warne ausdrücklich vor einer Reduzierung der Bildungsdebatte auf Fragen der Schulstruktur. Wer glaubt, man müsse nur die Strukturen ändern, um zu besseren Ergebnissen zu kommen, der liegt ganz sicher falsch. Wichtig ist vielmehr, dass wir die eingeleiteten Schritte zur Modernisierung unser bestehendes Schulsystem, das ja von Bundesland zu Bundesland ganz unterschiedlich ist, konsequent fortsetzen. Allerdings wäre es auch töricht, Strukturfragen bei der Analyse der Schwächen des deutschen Bildungssystems von vornherein gänzlich außer Acht zu lassen. Alle Beteiligten sollten sich einer Debatte über mögliche Veränderungen unserer Schulstruktur nicht von vornherein verschließen. Dieser Diskurs wird ja bereits in großen Teilen der Öffentlichkeit geführt - von den Wirtschaftsverbänden bis hin zu den Kirchen. Auch angesichts der in einigen Jahren zurückgehenden Schülerzahlen wird sich in vielen Kommunen die Frage nach einem wohnortnahen Schulangebot stellen. Mögliche Entscheidungen über Änderungen bei der Schulstruktur - das werde ich nicht müde zu betonen - dürfen aber nur bei weitgehender Übereinstimmung in der Gesellschaft getroffen werden. Sonst droht ein Rückfall in ideologische Schlachten, die den Reformprozess in unserem deutschen Schulsystem nur allzu lange behindert haben. Die notwendige weitere Modernisierung unseres Bildungssystems braucht eine breite Basis."

Schäfer betonte, sie unterstütze die in der Öffentlichkeit immer wieder erhobene Forderung, Deutschland müsse mehr Geld in den Bildungsbereich investieren. "Im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten, die unser Landeshaushalt bietet, geschieht das in NRW. Wer darüber hinaus Verbesserungen fordert, muss aber auch sagen, wo die zusätzlichen Mittel herkommen sollen. Wer, wie die Opposition, vollmundig Verbesserungen fordert oder gar verspricht, gleichzeitig aber den Abbau von Subventionen zugunsten der Bildung - wie bei der Eigenheimzulage - blockiert, der macht sich unglaubwürdig. Ich bin überzeugt, dass sich die grundlegenden Reformen des Bildungssystems, die wir in NRW auf den Weg gebracht haben, positiv auswirken werden. Eine darüber hinausgehende grundsätzliche Verbesserung der Rahmenbedingungen in den Kindergärten und Schulen wird aber angesichts der Lage der öffentlichen Haushalte kaum möglich sein, wenn nicht zusätzliche Einnahmequellen erschlossen werden."

Weitere Informationen zur PISA-Studie finden Sie auch auf einer Internetseite des Ministeriums für Schule, Jugend und Kinder in NRW.


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