Ohne Hauptschule ein aufstiegsorientiertes Bildungsangebot

(bikl.de) Auch in Rheinland-Pfalz wird es in Zukunft keine Hauptschulen mehr geben. Damit existiert diese Schulform bald in zehn von sechzehn Bundesländern nicht mehr. Neben dem Gymnasium und der Integrierten Gesamtschule (IGS) soll es in Rheinland-Pfalz ab 2009 nur noch die so genannte Realschule plus geben. Im Interview erläutert die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen das neue Modell.

14.12.2007 Artikel

Vom Schuljahr 2009/10 werden in Ihrem Bundesland neue Leitlinien für die Schulentwicklung gelten. Sie erklärten kürzlich, Rheinland-Pfalz setze in Zukunft bei seiner Schulstruktur auf eine "Zweigliedrigkeit mit Plus". Was verbirgt sich dahinter?

Doris Ahnen: Neben den Integrierten Gesamtschulen, deren Zahl in Rheinland-Pfalz seit Jahren wächst und künftig durch gesetzliche Änderungen noch einfacher weiter wachsen kann, soll das weiterführende Schulangebot künftig nur noch in Gymnasien und die neue "Realschule plus" gegliedert sein. Die "Realschule plus" vereinigt dabei den Hauptschul- und den Realschulbildungsgang unter einem Dach. Sie ermöglicht ein längeres gemeinsames Lernen – insbesondere in der verbindlichen gemeinsamen Orientierungsstufe. In der integrativen Form der "Realschule plus" – der Regionalen Schule – werden Schülerinnen und Schüler sogar durchgehend integrativ oder teilintegrativ unterrichtet. Die "Realschule plus" bietet zudem zusätzliche Fördermöglichkeiten gerade für schwächere *Schülerinnen und Schüler an. Das reicht von der Senkung der maximalen Klassengröße auf 25 Schülerinnen und Schüler in der Orientierungsstufe bis hin zum Projekt "Keiner ohne Abschluss" für alle, die nach neun Schuljahren noch nicht die Berufsreife erreicht haben. Zudem bietet die "Realschule plus" auch in Form der "kooperativen Realschule", die nach der gemeinsamen Orientierungsstufe abschlussbezogene Klassen hat, regelmäßige Aufstiegsmöglichkeiten vom Haupt- zum Realschulbildungsgang. Und die "Realschule plus" kann durch das Angebot einer Fachoberoberschule einen durchgängigen Bildungsgang bis zur Fachhochschulreife anbieten. Insgesamt soll damit ein stark auf individuelle Förderung ausgerichtetes, umfassendes, wohnortnahes und aufstiegsorientiertes Bildungsangebot entstehen. Diese Struktur bietet eine ganze Reihe von Pluspunkten für die Schülerinnen, Schüler und Eltern durch mehr Förder- und Aufstiegschancen und klare Optionen nach der Grundschule sowie Pluspunkte für die Schulträger, die in Zeiten demografischer Veränderungen und einer bundesweit sinkenden Akzeptanz der Hauptschulen ihr Schulangebot zukunftssicher machen müssen.

Besteht nicht die Gefahr, dass der Kooperativen Realschule und der Regionalen Schule auf mittlere Sicht ein ähnliches Schicksal drohen wie der Schulform Hauptschule?

Doris Ahnen: Diese Befürchtung teile ich ganz und gar nicht. Die Durchlässigkeit im Schulsystem wird verbessert, die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern kann ausgebaut werden, und es werden neue Wege bis hin zur Fachhochschulreife eröffnet. Es geht also um ein sehr aufstiegsorientiertes System, das mit Anreizen für die Schülerinnen und Schüler verbunden ist. Ich gehe davon aus, dass damit die Akzeptanz des neuen Angebots auch bei den Eltern, die in Rheinland-Pfalz ja die Schulwahlentscheidung in der Hand haben, deutlich besser wird.

Vor dem Hintergrund der Beschlusslage Ihres Hamburger SPD-Bundesparteitages drängt sich die Frage auf, warum Sie für Rheinland-Pfalz keine flächendeckende Einführung der Gemeinschaftsschule fordern?

Doris Ahnen: Wir bieten denen, die ein längeres gemeinsames Lernen wünschen, gleich zwei Möglichkeiten, indem wir die Errichtung von Integrierten Gesamtschulen im Schulgesetz erleichtern werden und zudem in der "Realschule plus" eine verpflichtende gemeinsame Orientierungsstufe gesetzlich verankern. Meines Erachtens ist das der richtige Weg, denn: Reformen brauchen immer die Akzeptanz und Unterstützung der Betroffenen – im Falle von Schulreformen also von Schülerinnen, Schülern, Eltern, Lehrkräften und Schulträgern. Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz zeichnet sich gerade dadurch aus, dass wir bei Reformen im Bildungssystem immer auch auf die Vertretungen dieser Gruppen hören, deren Wunschvorstellungen ja durchaus sehr unterschiedlich ausfallen. Das sichert die Nachhaltigkeit von Reformen ganz entscheidend ab. Mit dem Schritt, ein gut ausgestattetes Bildungsangebot zu machen – wobei Angebot hier im engen Sinne des Wortes zu verstehen ist, haben wir ja bereits bei unserem 2001 gestarteten Ganztagsschulprogramm sehr gute Erfahrungen gemacht.

An den Gymnasien gibt es erheblich weniger Kinder mit Migrationshintergrund. Wie wollen Sie hier mehr Durchlässigkeit schaffen?

Doris Ahnen: Ein ganz entscheidender Punkt bei der Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund ist – nicht nur aus meiner Sicht übrigens – die Intensivierung der frühen Förderung. Deshalb haben wir in Rheinland-Pfalz 2005 mit dem Programm "Zukunftschance Kinder – Bildung von Anfang an" eine groß angelegte Initiative gestartet, in der das Land im Zusammenhang mit einer bereits laufenden Stärkung der Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen unter anderem die flächendeckende Sprachförderung, die intensive Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern in Kindertagesstätten fördert und die Elternbeiträge für den Kindergarten – bis 2010 übrigens schon ab dem Alter von zwei Jahren – übernimmt. Das neue Schulentwicklungskonzept für die weiterführenden Schulen bringt dazu wie schon beschrieben noch mehr Durchlässigkeit in das Bildungssystem. Und wir werden natürlich auch darauf achten, dass der Übergang von der neuen "Realschule plus" in den gymnasialen Bildungsgang – sei es nach der Orientierungsstufe oder aber nach Abschluss der Sekundarstufe I – offen bleibt und möglichst erweitert wird.

Professor Edelstein nannte kürzlich das Schulsystem in Deutschland "demokratiewidrig". Teilen Sie seine Ansicht?

Doris Ahnen: Das ist aus meiner Sicht eine unzulässige Zuspitzung. Aber Tatsache ist und bleibt: Wir müssen in Deutschland mehr tun, um Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien besser zu unterstützen.

Während sinnvoller Weise bundesweit zwischen den Ländern Standards vereinbart werden, kommt nicht nur den Eltern die Schulstruktur in Deutschland noch wie ein Flickenteppich vor: Regionalschule, Sekundarschule, Kooperative Schule, Gemeinschaftsschule, Mittelschule etc. Oft verbergen sich hinter diesen Bezeichnungen von Land zu Land sehr unterschiedliche Programme und Bildungswege. Selbst bekennende Föderalisten kommen gelegentlich ins Grübeln. Was muss geschehen, dass sich die großen Parteien bundesweit auf eine Vereinheitlichung der Schulstruktur zu bewegen?

Doris Ahnen: Also zunächst möchte ich feststellen: Ich bin eine bekennende Föderalistin. Die für die Bildung zuständigen Politikerinnen und Politiker der Länder haben sich – im Gegensatz zu der oft öffentlich transportierten Meinung – in den vergangenen Jahren sehr stark aufeinander zu bewegt und ziehen in zentralen Punkten an einem Strang. Was Einheitlichkeit angeht, sind die Vorgabe von bundesweiten Zielen für die schulische Bildung, von Bildungsstandards, sowie die Verknüpfung mit länderübergreifenden Vergleichsuntersuchungen aus meiner Sicht die richtigen Schritte. Der Weg zu diesen Zielen darf, ja muss eigentlich sogar, unterschiedlich sein. Er sollte idealerweise immer auf die vor Ort vorhandenen Gegebenheiten abgestimmt sein. Selbst innerhalb eines Bundeslandes haben wir ja äußerst unterschiedliche Voraussetzungen unter denen Schulen arbeiten.

Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer

Alle Rechte und Erstveröffentlichung bei www.schulstruktur.com


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