Pädagogen im Sog des Wandels

(Arnd Zickgraf) Schulische Wettbewerbe, Umwandlungen der Schule in Ganztagsschulen, neue Schulgesetze, eigenes Budget für Lehrerfortbildungen - nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich durch die Flut neuer Reformen überfordert, ja gehetzt. So ist die inhaltliche Neuorientierung der Lehrerbildung wie sie Unterrichtsforscher Wilfried Plöger, Universität Köln, vorschwebt, als moderat zu bezeichnen. 

28.07.2004 Artikel

In seinem Referat "Was müssen Lehrerinnen und Lehrer können?" begründet der Pädagoge, warum er "niveauvolle Lehrpläne" für unverzichtbar hält. Ziel der Lehrerbildung ist es nach Plöger, dass junge Menschen befähigt werden, ein "selbstbestimmtes Leben in sozialer Verantwortung" zu leben. Das schließt ein "möglichst hohes Maß" an Allgemeinbildung ein.

Um fünf Kernkompetenzen kreisen kleinen Monden gleich verschiedene Teilkompetenzen:

  • lehrplantheoretischer,
  • lerntheoretischer,
  • schulpädagogischer,
  • fachwissenschaftlicher und
  • kommunikativer Natur.

Den lehrplantheoretischen Kompetenzen widmet Plöger die meiste Aufmerksamkeit als wollte er einen Kontrapunkt setzen zu den allseits immer lauter werdenden Rufen nach Entrümpelung der Lehrpläne.

"Lehrpläne sorgen für die notwendige Ruhe in den Schulen"

Kompetent in lehrplantheoretischen Dingen zu sein, erfordert ein Bewusstsein eines Spannungsverhältnisses. Des Spannungsverhältnisses von gesellschaftlichem und pädagogischem Anspruch. Aus den Kreisen der Politik, der Wirtschaft, des Rechts, der Kultur und anderer gesellschaftlicher Gruppen versuchen Akteure, Einfluss auf die Lehrpläne zu nehmen. Beim "Kampf der großen geistigen Mächte" hat der Staat nun die Aufgabe, die vielfältigen und widerstreitenden Interessen zum Ausgleich zu bringen.

Dem kommt er nach, indem er ein "Bildungsideal" entwirft. Es orientiert sich am Bilde des mündigen Staatsbürgers in einer parlamentarischen Demokratie."Warum soll der Staat kein Interesse daran haben, junge Menschen im Geist der Demokratie zu erziehen?" so Plöger zur politischen Dimension der Pädagogik. Im Zusammenspiel von Staat und Gesellschaft hat die Pädagogik die Aufgabe, in "relativer Autonomie" zu den verschiedenen Gruppierungen zu agieren.

Gefragt - "Schulwissenschaft" und weniger Fachwissenschaft

Ein Unterrichtsfach solle man daher nicht als ein "verkleinertes Abbild" einer fachwissenschaftlichen Disziplin auffassen, meint Plöger. Vielmehr müsse man das Verhältnis zwischen Fach und Fachwissenschaft als eine "eigene Schulwissenschaft" verstehen. Ein guter Abschluss in naturwissenschaftlichen Fächern macht noch keinen guten Lehrer, nimmt man das Interesse der Schüler etwa an Physik oder Chemie zum Maßstab.

Ist das Interesse der Kinder an Naturwissenschaften noch sehr hoch, so nimmt es im Laufe der Schulzeit immer mehr ab. Und das, obwohl viele Schüler der achten bis zehnten Stufe wissen, dass das Verstehen eines naturwissenschaftlichen Faches von großer Bedeutung dafür ist, die Gesellschaft zu begreifen. Chemielehrer wären so gesehen eher Schulwissenschaftler und weniger Chemieexperten, sicher aber keine Lobbyisten für die chemische Industrie.

Lehrpläne sind "zäh, gegenüber dem Veränderungswillen", das bekämen heute die Reformer zu ihrem Leidwesen zu spüren, sagt Plöger. Die gestressten Lehrer werden diese Botschaft mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen: Weitreichende Veränderungen in den Lehrplänen finden nur alle zehn Jahre statt.

Normal ist, in mehrsprachigen Klassen zu unterrichten

Schulen mit Kindern und Jugendlichen aus über 30 Ländern sind heutzutage keine Seltenheit mehr, sie werden immer mehr zur Regel. Im Weltbild mancher Lehrkräfte, so Cristina Allemann-Ghionda, Universität Köln, herrsche noch die Vorstellung von Klassen mit kultureller Homogenität vor. "Normal" ist für diese Pädagogen, Unterricht einsprachig abzuhalten oder die Mehrsprachigkeit der Schülerschaft auszublenden.

Doch: "Soziokulturelle Heterogenität ist heute schon längst der Normalfall", sagt Allemann-Ghionda und fährt fort: "jede Person, die in der heutigen Zeit im Schuldienst arbeitet oder sich auf diese Aufgabe vorbereitet, befindet sich - ob sie es bewusst wahrnimmt oder nicht - in einem mehrsprachigen soziokulturellen Umfeld". Soziokulturell heterogen ist eine Gesellschaft, die sich in sozialer, wirtschaftlicher, religiöser und kultureller Hinsicht öffnet, die dem Fremden gegenüber aufgeschlossen ist, sei es aus wirtschaftlichen Gründen, politischen oder geografischen.

Ein wichtiger Grund für das Gefälle zwischen dem Bildungserfolg der Schüler ohne und mit Migrationshintergrund ist nach Allemann-Ghionda die "bisher nicht ausreichende Vorbereitung der Lehrpersonen auf das Unterrichten und Beurteilen der Leistungen in mehrsprachigen, multikulturellen Klassen". Einfacher ausgedrückt: Auch die Lehrerbildung und angehenden Lehrer müssen ihre Hausaufgaben in interkultureller Bildung erledigen.

Die Kultusministerien haben ihre Hausaufgaben offenbar erledigt: Neueren Untersuchungen zufolge haben die meisten Bundesländer in die Lehrpläne der Grundschule, der Sekundarstufe I und II den Themenkreis interkultureller Bildung bereits einbezogen. Trotzdem müsse noch einiges getan werden, bis endlich Klarheit darüber herrsche, was die "Ausbildung interkultureller Kompetenz in der Schule bedeutet, und wie sie lehrbar wird", so Allemann-Ghionda.

Kompass für interkulturelle Kompetenz

Das Beispiel der Universität Köln zeige, dass Studierende der Pädagogik am Themenkreis interkulturelle Bildung vorbei studieren könnten, wenn sie wollen. Hoffnung verbindet die Erziehungswissenschaftlerin mit der Umstellung des Pädagogikstudiums auf Bachelor- und Masterstudiengänge. Bei den neuen gestuften Studiengängen, die europaweit vergleichbar sein sollen, stehen interkulturelle Bildung und Mehrsprachigkeit auf dem Programm. Im Rahmen eines gestuften Pädagogikstudiums könnte soziokulturelle Heterogenität und Pluralität als "Querschnittsdimension" wohl besser vermittelt werden.

Allemann-Ghionda fordert die Professionalisierung der Lehrkräfte in multikultureller Bildung. Anders formuliert: Professionell ist heutzutage nur, wer pädagogisch auf der Klaviatur interkultureller Bildung zu spielen vermag. Die Internationalität und Interkulturalität müsse sich in den Lehrplänen der Lehrerbildung niederschlagen und zwar systematisch.

Eine Voraussetzung hierzu: die Definition von Standards und Kompetenzen, an denen sich die Lehrerbildung zu orientieren hat. Vorarbeit hat die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) geleistet. An dem Kerncurriculum, das die DGfE erarbeitet hat, knüpfen die fünf Standards an, die Allemann-Ghionda auf der Kölner Tagung vorstellt. Einer der interessantesten Standards dürfte der für das Unterrichten in Klassen sein: "Qualifikation für das Unterrichten in Klassen, die mehrsprachig und soziokulturell heterogen sind (Standard C)".

Standards und Kompetenzen für die Lehrer von morgen

Ein ganzes Bündel unterschiedlicher Fähigkeiten müssten Lehrende im 21. Jahrhundert aufweisen. Sie müssen die Grundlagen interkultureller Bildung und Kommunikation kennen, mehrkulturelle Identitäten verstehen, mit Vorurteilen und "Stereotypen" umgehen können, in mehrsprachigen Klassen unterrichten können, sich Kenntnisse über Diagnostik aneignen und vieles mehr. Allemann-Ghionda fordert von den Pädagogen, die Bereitschaft, sich in "pädagogischer und fachdidaktischer Hinsicht umzuorientieren" etwa durch Kenntnisse der aktuellen pädagogischen Literatur.

Ein Tenor setzte sich bei den Wissenschaftlern auf der Tagung durch: Der Typ des Lehrers, der sich nach dem Referendariat nicht mehr fortbilden möchte, ist ihnen allen ein Gräuel. Auch Lehrkräfte sollen ihr Leben lang Lerner bleiben. Das wäre der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Schülern und Lehrern.

Link zu Teil 1

Erstveröffentlichung und Rechte: bildungplus


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