Saarbrücker Appell für gelingende Schulen

Verabschiedet von den 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie der Referentin und Referenten des Bildungsforums zum Saarländischen Schulpreis "Schule: Lebensraum statt ´Albtraum!´" am 15. November 2008

15.11.2008 Saarland Pressemeldung Landeselterninitiative für Bildung e.V.

"Wir brauchen Schulen, in denen Kinder und Jugendliche Kompetenzen zur Lebensführung erlangen und alle wichtigen Bildungserfahrungen machen, alle ihre Fähigkeiten und Begabungen entwickeln können und die dazu beitragen, dass junge Menschen zu lebenszuversichtlichen, verantwortlichen, politikfähigen Bürgerinnen und Bürgern unseres demokratischen Gemeinwesens heranwachsen.

Im 21. Jahrhundert darf es nicht mehr nur um das bloße Vermitteln von Lehrstoff gehen. Kinder und Jugendliche müssen vielmehr in die Lage versetzt werden, selbständig Kompetenzen zu erlangen, Qualifikationen auszubauen, Bildung zu leben und zu erleben. Gefordert ist ein doppelter schulischer Perspektivwechsel - vom Lehren zum Lernen und vom Wissen zur Kompetenz.

Wir brauchen Schulen, in denen Kinder und Jugendliche erfahren, dass ihr Lernen hilfreich begleitet, ihre Arbeit wertgeschätzt, ihre Leistung gesehen und gewürdigt wird.

Wir brauchen Schulen, in denen die - nach wie vor riesige - Ungleichheit der Bildungschancen so weit wie möglich abgebaut wird.

Wir brauchen Schulen, in denen Kinder lernen, mit Unterschieden zu leben, und in denen sie so angenommen werden, wie sie sind, ohne beschämt oder für ihr Anderssein "bestraft" zu werden.

Unser Schulsystem muss geöffnet werden für ein längeres gemeinsames Lernen aller Kinder und Jugendlichen mit und ohne Behinderung mit individueller Förderung für alle. In nahezu allen europäischen Ländern lernen heute alle Kinder sechs oder mehr Jahre gemeinsam; die Hälfte der europäischen Länder hat inzwischen eine für alle gemeinsame Schule für die gesamte Dauer der Schulpflicht. Die Beschränkung des gemeinsamen Lernens auf eine nur vierjährige gemeinsame Schule sollte überwunden werden können, frühes Trennen und Ausgrenzen verhindert werden.

Lehrer sind das Fundament des Bildungssystems. Schwerpunkte müssen auf ihrer praxisnäheren Ausbildung insbesondere zur Vermittlung von Lebenskompetenzen und für individuell förderndes Lernen und auf Supervision als berufsbegleitende Unterstützung liegen.

Schulen brauchen Berater für eine systematische Entwicklung der Lernkultur. Erkenntnisse u.a. der Entwicklungs- und Neuropsychologie müssen bei der Entwicklung von Lehrplänen berücksichtigt, entsprechende Experten einbezogen werden.

Für Kinder, Eltern und Lehrer muss allgemein eine effiziente sozialpädagogische und (schul)psychologische Beratung verfügbar sein, die als Unterstützung des Lernens aufgebaut ist.

Wir brauchen ein flächendeckendes Angebot an echten Ganztagsschulen, das im Übrigen die meisten Länder in der EU und der OECD haben. Es führt zu höherem Leistungsniveau und ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Kinder individuelle Leistungsunterschiede ausgleichen sowie ein schlechtes außerschulisches Lernumfeld überwinden können. Dabei geht es nicht um die bloße Ausdehnung des (heute geläufigen) Unterrichts von fünf auf acht Stunden, sondern um verändertes Lernen. Um die Wandelung der Schule von einer Anstalt konzentrierter Belehrung zu einem geordneten Lebens- und Erfahrungsraum. Lernen kann dort zur "Vorfreude auf sich selbst werden", ist besser rhythmisiert, die gemeinsame "Lernzeit" wird höher.

Schulen brauchen kleinere Klassen. Dann können Lerndefizite und individuelle Probleme von Schülern rascher und klarer erkannt werden, sie können umfassender und gründlicher aufgearbeitet werden. Es entsteht ein besseres Sozial-, Arbeits- und Lernklima, mehr Raum für persönliche Entfaltung und persönliches Engagement.

Schulen müssen einladend, freundlich und anregend gestaltet sein. Ein Ort, an dem Kinder den ganzen Tag über gern und gut leben und lernen können. Ein Ort, der Wertschätzung ausdrückt."

Informationen zum Bildungsforum zum Saarländischen Schulpreis

Das Bildungsforum am 15. November 2008 hat ein zentrales Anliegen von Schülern und Eltern, auch von Kinder- und Jugendärzten aufgegriffen: Schule als Lebens- und Erfahrensraum statt "Albtraum". Welche Rahmenbedingungen braucht Atmosphäre für Lernen? Wie müssen Schulen als Lebensorte aussehen, die zum Lernen Zeit lassen, in denen Lust und Leistung, Selbstständigkeit und Zusammenarbeit kein Widerspruch sind? Auf diese Fragen haben Referenten aus Wissenschaft und Praxis Antworten gegeben.

"Psychosoziale Belastungen von Kindern und Jugendlichen im Lebensraum Schule"
Referent: Prof. Dr. Arnold Lohaus - Universität Bielefeld, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft.

Wann werden aus Erwartungen und Anforderungen subjektive Belastungen? Wann entstehen physische und psychische Beschwerden? Welche Belastungsreaktionen zeigen heute bereits Kinder und Jugendliche? Und: Welche Rolle nimmt dabei die Schule ein? Eine Antwort darauf aus der Wissenschaft und Schlussfolgerungen für Prävention und Intervention im Lebensraum Schule.

"Praxis Lebensberatung"
Referentin: Dorothee Lappehsen-Lengler - Psychologische Psychotherapeutin Lebensberatung Saarbrücken, Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Bistums Trier.

Defizite in der Erziehung, zu hohe Bildungserwartungen, schulische Überforderungen, für das Lernen ungünstige Rahmenbedingungen des Schulsystems. Mit welchen Problemen kommen Familien zu einer Lebensberatung? Welche Schlussfolgerungen sollte die Gesellschaft, welche das Schulsystem ziehen? Ein Praxisbericht aus vielen Jahren Beratungsarbeit.

"Praxis Schulsozialarbeit"
Referent: Peter Balnis - Dipl. Sozialwisenschaftler, Schulsozialarbeit an der Ganztagsgesamtschule Neunkirchen.

Welchen Beitrag brauchen Kinder und Jugendliche zur Persönlichkeitsentwicklung und sozialen Integration, welche Hilfen zur Lebensbewältigung brauchen sie auch an Schulen? Welche Unterstützung brauchen Schüler für das Lernen, welche Unterstützung gar die Lehrer? Ein Praxisbericht aus der vielfältigen sozialpädagogischen Arbeit.

"Schule mit Hirn"
Referent: Dr. Gilbert Mohr - Universität des Saarlandes, Praxis für neuropsychologische Diagnostik und Rehabilitation, Saarbrücken.

Worin unterscheidet sich ein Lernen, das auf rasche Aneignung von Wissen ausgelegt ist, das gar auf Angst, Aversion und Drohungen beruht, von einem Lernen, das Kindern und Jugendlichen Vorfreude auf sich selbst verschafft? Die Antwort aus der Hirnforschung: Lernen, Denken, Handeln - das ist die Kombination, auf die es ankommt, wenn man Neues schaffen und Probleme lösen will. Und auf die Atmosphäre.

Dr. Klaus Kühn
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte

Julian Beisecker
Landesschülervertretung

Bernd Rauls
Stiftung Demokratie Saarland

Dorothee Hempel und Bernhard Strube
Landeselterninitiative für Bildung

Die Reihe "Bildungsforum zum Saarländischen Schulpreis" wird veranstaltet von der Stiftung Demokratie Saarland und der Landeselterninitiative für Bildung in Kooperation mit der Gesamtlandesschülervertretung. Parallel zur Ausschreibung des Preises. Mitveranstalter des aktuellen Forums war zudem der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ), Landesverband Saar.


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