Schavan: "Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche dürfen nicht zu Modernisierungsverlierern werden"

Wie geht man mit "schwierigen" und verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern am besten um, damit deren Entwicklungspotenziale gestärkt und ihre sozialen Fähigkeiten gefördert werden können? Das ist die Leitfrage, die auf dem Kongress "Auffälligkeiten im Verhalten - Erziehung stärken - Entwicklungen erkennen und fördern" am Montag, 3. Mai, in der Fachhochschule Heilbronn diskutiert wurde. Mit einer Vielzahl von Einzelveranstaltungen, Vorträgen und Workshops wurden dabei wichtige Impulse für die Praxis der Erziehungsarbeit gegeben.

03.05.2004 Baden-Württemberg Pressemeldung Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Kultusministerin Dr. Annette Schavan appellierte an alle Beteiligten, ein besonderes Augenmerk auf die Förderung und helfende Begleitung verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher zu richten: "In unserer Gesellschaft wachsen Kinder heute zum Teil unter schwer verkraftbaren Bedingungen auf. Kinder und Jugendliche, die Schwierigkeiten machen, leben zumeist in schwierigen Verhältnissen. Aus pädagogischer Sicht sind sie Abhängige ihrer Verhältnisse und nicht Schuldige an ihrem Verhalten. Wir müssen alles tun, um Ihnen eine faire Chance zu geben, ihre Persönlichkeit und ihre Talente zu entwickeln. Gerade in Zeiten eines rasanten gesellschaftlichen Wandels darf niemand zum Moderni-sierungsverlierer werden."

Die Ministerin unterstrich, dass es für alle Schularten wichtig sei, dass der Erziehungsauftrag und die Erziehungspartnerschaft aller Beteiligter hervorgehoben werden müsse: "Verhaltensauffälligkeiten müssen als pädagogische Herausforderung erkannt werden, der man mit praktischem und solidarischen Handeln nachkommen muss." Die Kultusministerin erwartet, dass von dem Kongress, dessen Arbeitsergebnisse in einer Dokumentation zusammengefasst werden, klare Handlungsimpulse zur Weiterentwicklung von Netzwerken und für konkrete Projekte ausgehen werde. "Die Stärke und Durchschlagskraft solcher Projekte hängt entscheidend davon ab, dass sich die Beteiligten immer wieder über Ziele, Initiativen, Erfahrungen und Ideen austauschen. Die Vernetzung setzt Partnerschaft voraus und fördert sie. Um benachteiligten Kindern und Jugendlichen Chancen zu eröffnen, brauchen wir eine vertrauensvolle Partnerschaft mit vielen Beteiligten: den jungen Menschen selbst, den Eltern, Politik und Kommunalverwaltung, Schulen, Medizin und Psychologie, Gesundheits- und Sozialverwaltung, Jugendhilfe, freien Bildungsträgern und Verbänden. Gemeinsam müssen wir den jungen Leuten deutlich machen, dass sie uns wichtig sind, dass wir sie ernst nehmen und ihnen zur Seite stehen."

39 Arbeitsgruppen erarbeiten fachübergreifend differenzierte Lösungsansätze

Der Kongress wurde initiiert vom Landesschulbeirat und dem Kultusministerium unter Beteiligung der Akademie für Information und Management, der IHK Heilbronn-Franken und dem Verband Sonderpädagogik. Er soll die verschiedensten Lösungsansätze deutlich machen, die den betroffenen Schülerinnen und Schülern günstige Bildungs- und Lebensperspektiven geben können.
39 Arbeitsgruppen beschäftigten sich nach einem Fachvortrag von Professor Rolf Göppel (Pädagogische Hochschule Heidelberg) zum Thema "Was heißt Erziehung stärken?" in drei Foren mit den Schwerpunkten "Frühe Hilfen", "Begleitende Hilfen" und "Beruflich-soziale Integration". Die Thematik umfasste dabei unter anderem Stressprävention für Lehrkräfte, Sprachförderung im vorschulischen Bereich, Stärkung der Eltern durch Strategien für eine positive Erziehung, Persönlichkeitsstärkung durch Kunst und Bewegung, Krisenintervention und -management in der Schule und interkulturelle Lernprojekte als Weg zur sozialen Eingliederung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshin-tergrund. Dabei zeigte sich, dass schon in vielen Schulen beispielhafte Arbeit mit schwierigen Schülerinnen und Schülern geleistet wird, etwa in der Staufenbergschule in Heilbronn, wo bereits in den Grundschuleingangsklassen Sozialtraining stattfindet, oder in der Urspringschule in Schelklingen, wo Schülerinnen und Schüler aus einem problematischen Umfeld unter dem Motto "Wir betreuen unsere Schüler nicht, wir leben mit ihnen" zum Abitur gebracht werden.

Die Vorsitzendes des Landesschulbeirates, Ingeborge Schöffel-Tschinke hob hervor, dass verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche vielfach sensibel, begabt und kreativ seien, ebenso oft aber verunsichert, beziehungslos und auf der Suche nach Bezugspersonen, die sie verstehen und annehmen: "Es scheint, dass die Suche und der Wunsch nach Halt, Orientierung und Sinnstiftung, Zuwendung und Anerkennung zunimmt, und dies in allen Schularten und in allen Bevölkerungsschichten." Der Landesschulbeirat habe sich schon mehrfach mit dieser Thematik befasst und sei zu folgender Position gekommen: "Es steht außer Frage, dass die Erziehungskräfte in den Kindertageseinrichtungen, den Schulen und den Jugendhilfeeinrichtungen sowie Elternhäusern in der Begegnung mit den jungen Menschen Unterstützung erfahren und gestärkt werden müssen. Mit diesem Kongress wollen wir dazu ein Signal setzen."


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