Bayern

Schulstart mit vielen ungelösten Problemen

Übertrittsproblematik, Schulschließungen, demografische Entwicklung, Weiterentwicklung des achtjährigen Gymnasiums und ein massiver Lehrermangel, dessen Folgen noch nicht absehbar sind - das neue Schuljahr startet mit einer ganzen Reihe ungelöster Probleme.

08.09.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Der BLLV vermisst dazu Antworten aus dem Kultusministerium. Wir haben den Eindruck, dass das bayerische Schulsystem an seine Grenzen stößt", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München. Hinzu käme, dass Gelder unökonomisch verteilt würden: "Wir pumpen große Summen in Reparaturmaßnahmen, die überflüssig wären, wenn wir das Fundament der Bildung, den frühkindlichen Bildungsbereich, großzügiger ausstatten würden. Anstatt vorzubeugen, tatsächlich individuell zu fördern und rechtzeitig zu intervenieren, subventionieren wir schulische Um- und Abstiege junger Menschen mit allen Folgen, und wir subventionieren Jahre später Jugendliche ohne Schulabschluss und somit ohne berufliche Perspektive." Die Bildungsfinanzierung müsse daher kritisch diskutiert werden. Kritik übte Wenzel auch an der Praxis des Kultusministeriums, schul- und bildungspolitische Realitäten in Bayern schöner darzustellen, als sie tatsächlich sind. "Umso dringender brauchen wir stattdessen eine ehrliche Bestandsaufnahme und entsprechende Konsequenzen."

Beispiel gebundene Ganztagsschulen, in ihnen findet regulärer Unterricht im Wechsel mit Freizeitphasen über den ganzen Tag verteilt statt:

Das Kultusministerium hatte Ende Juli verkündet, in diesem Schuljahr 175 weitere gebundene Ganztagszüge einrichten und Ganztagsangebote weiter flächendeckend ausbauen zu wollen. "Von diesem Vorhaben ist zwar in schöner Regelmäßigkeit zu hören, der tatsächlich flächendeckende und vor allem bedarfsgerechte Ausbau lässt aber immer noch auf sich warten", kritisierte Wenzel. Vielmehr bilde Bayern zusammen mit Schleswig-Holstein und dem Saarland in Sachen Ganztagschulen das Schlusslicht im Ländervergleich. Im vergangenen Schuljahr gab es an nur an 761 Schulen (das sind 16,3% aller 4.682 Schulen in Bayern) gebundene Ganztagsklassen. Sie wurden von 38.000 Schülern besucht, das sind 3% der insgesamt 1,27 Millionen Schüler. Wenzel wies außerdem darauf hin, dass für solche Angebote das Personal fehlen würde: Wenn für 20% aller bayerischen Schüler gebundene Ganztagseinrichtungen zur Verfügung stehen würden, wären selbst unter Berücksichtigung des Schülerrückgangs zusätzlich 4.340 Lehrerstellen erforderlich."*

Der BLLV-Präsident befürchtet, dass der massive Personalmangel und die damit einhergehenden Folgen wie Unterrichtsausfall oder Streichung zusätzlicher Angebote das beherrschende Thema im neuen Schuljahr sein werden. "Es fehlt und mangelt an allen Ecken und Enden, obwohl die Staatsregierung Bildung zur Priorität erklärt hat."

Wenzel rechnet auch an den Universitäten mit weiteren Unruhen und Protesten: "Es zeichnet sich ab, dass sich die Arbeitsvoraussetzungen für die Studierenden, aber auch für die Lehrenden, weiter verschlechtern werden. Ganz zu schweigen von den vielen Jugendlichen, die keinen Studienplatz ergattern konnten und ausgebremst werden." Die Verkürzung ihrer Gymnasialzeit um ein Jahr nütze ihnen nun gar nichts. Das sei bitter. Diese Generation müsse gleich zweimal für politisch unüberlegte Hauruck-Methoden bezahlen. "Auch die über 5000 arbeitslosen Junglehrer verstehen nicht, warum sie nicht in die Schulen dürfen: Sie werden dringend gebraucht, doch der Freistaat verwehrt ihnen den Eintritt ins Berufsleben."

"Meine Hoffnungen liegen darauf, dass die politisch Verantwortlichen die Realitäten endlich anerkennen und merken, dass sie mit Blockadehaltung und Schönreden nicht weiter kommen und damit auch kein einziges schul- und bildungspolitisches Problem zu lösen ist."

Schwerpunkte der BLLV-Arbeit werden im kommenden Schuljahr u. a. der Übertrittsdruck, die Etablierung eines neuen Leistungsgedankens, die Schulentwicklung im ländlichen Raum, die Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsradikalismus und die innere Reform des achtjährigen Gymnasiums in Bayern sein.

  • Details über den Zusammenhang zwischen dem Ausbau von Ganztagsschulen und dem erforderlichen Lehrerbedarf sind auf der BLLV-Homepage unter folgendem Link zu finden: www.bllv.de/Ganztagsschulen.7106.0.html

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