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Vielfalt und Qualität: Schulentwicklung in Baden-Württemberg

Die Qualität des Schulunterrichts ist ein aktuelles Thema in Baden-Württemberg. Spätestens seit der Veröffentlichung des IQB-Ländervergleichs herrscht Einigkeit darüber, dass der Unterricht verbessert werden muss – doch wie das geschehen soll, ist umstritten. Auch die Koexistenz vieler verschiedener Schulformen findet in Baden-Württemberg Befürworter wie Kritiker.

13.02.2017 Baden-Württemberg Artikel Anika Wacker
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„Baden-Württemberg hat ein intensives Qualitätsproblem an seinen Schulen“, wird Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann (CDU) Anfang November in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zitiert. Grund für diese klaren Worte sind die Ergebnisse des Ländervergleichs des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) (vgl. Hintergrundinfo unten). Während Baden-Württemberg 2009 noch zu den Spitzenreitern gehörte, sieht das im Ländervergleich 2015 deutlich anders aus: In nahezu allen getesteten Kompetenzfeldern schnitten die Schüler Baden-Württembergs schlechter ab als noch wenige Jahre zuvor, wodurch das Land im bundesweiten Vergleich Rangplätze einbüßte. Einen Grund für den deutlichen Abwärtstrend sieht Eisenmann in der Bildungspolitik der grün-roten Vorgängerregierung. „Der IQB-Ländervergleich führt uns drastisch vor Augen, dass wir uns wieder stärker auf Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren müssen“, erklärt die Kultusministerin. „Die weitreichenden strukturellen Veränderungen unseres Schulsystems haben den Lehrkräften Zeit und Aufmerksamkeit entzogen. Wir müssen jetzt wieder für mehr Stabilität in den Schulen sorgen.“

Qualitätsentwicklung – aber wie?

Auf der Suche nach Lösungen herrscht Uneinigkeit im Grün-Schwarz regierten Baden-Württemberg. Während die Grünen die Einrichtung einer fraktionsübergreifenden Enquetekommission fordern, die Maßnahmen zur Verbesserung der Unterrichtsqualität erarbeiten soll, stellt sich der Koalitionspartner CDU gegen diese Pläne. Eine Enquetekommission verschiebe die Probleme nur, wird der bildungspolitische Sprecher der CDU Karl-Wilhelm Röhm in der „Stuttgarter Zeitung“ zitiert. „Jetzt ist nicht die Zeit monate- oder jahrelang in Kommissionen zu diskutieren. Jetzt ist die Zeit zu handeln“, so Röhm weiter. Für die ablehnende Haltung der CDU zeigt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, kein Verständnis. Eine Enquetekommission wäre nach Ansicht der GEW-Vorsitzenden am besten geeignet, um Maßnahmen zu erarbeiten, die die Qualität des Schulunterrichts verbessern können. „In der Kommission sollten Experten aus der Unterrichtsforschung und -entwicklung sitzen. Wir brauchen die Fremdevaluation des Schulunterrichts und die Hilfe von außen“, fordert Moritz. Experten, die die Schulen begleiten, um die kognitive Aktivierung der Schüler auszubauen sowie Reformen in der Lehreraus- und Fortbildung, seien gute Ansätze, um den Schulunterricht qualitativ aufzuwerten.

Ursachenforschung

Das Kultusministerium Baden-Württemberg setzt aber auf die Entwicklung eines Bildungscontrollings und plant, gemeinsam mit Fachleuten, die Ergebnisse zu analysieren und nach Lösungen zu suchen. „Dabei sollen bereits vorhandene Daten zu den Leistungen der einzelnen Schulen sowie statistische Informationen über Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und das sozioökonomische Umfeld der Schule zusammengeführt und analysiert werden“, erklärt Eisenmann. So sollen Schulen mit Problemen identifiziert werden, damit ihnen Unterstützung bei der qualitativen Weiterentwicklung angeboten werden kann. „Eine Maßnahme hat bereits begonnen: In den Grundschulen haben wir die Stunden für den Unterricht in den Fächern Deutsch und Mathematik erhöht. Damit wollen wir grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Schreiben, Zuhören und Rechnen stärken“, erklärt die Kultusministerin. Als nächsten Schritt wolle man auch die Lehreraus- und Fortbildung „unter dem Gesichtspunkt der Fachlichkeit der Lehrkräfte überprüfen.“

© Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Dr. Susanne Eisenmann ist Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg und Präsidentin der Kultusministerkonferenz der Länder 2017.

Schultypen

Neben der Qualitätsfrage des Unterrichts in Baden-Württemberg ist auch die Vielfalt des Schulsystems ein immer wiederkehrendes Thema in der Bildungspolitik. Als weiterführende Schulen gibt es hier das Gymnasium, die Realschule, die Hauptschule, die Werkrealschule sowie die jüngste Schulform, die Gemeinschaftsschule. Unter der damaligen grün-roten Landesregierung führte das Land Baden-Württemberg zum Schuljahr 2012/2013 die ersten 42 Gemeinschaftsschulen ein. Ein Schultyp, der vor allem von der damals oppositionellen CDU kritisch gesehen wurde. Doch trotzdem genießen die Gemeinschaftsschulen auch mit dem neuen Regierungspartner, unter der grün-schwarz Koalition, weiterhin Bestandsschutz. „Bei Eltern gibt es durchaus einen Zuspruch für diese Schulart. Das stelle ich nicht in Frage. Was die Anzahl der Standorte angeht, halte ich den Bedarf mit landesweit fast 300 Schulen weitgehend für gedeckt“, erklärt Susanne Eisenmann.

Das Konzept der Gemeinschaftsschule: Schüler werden unabhängig vom individuellen Leistungsniveau in gemischten Lerngruppen unterrichtet, Sitzenbleiben können sie nicht. Neben dem Haupt- und Realschulabschluss soll an Gemeinschaftsschulen mit gymnasialer Oberstufe auch das Abitur angeboten werden. Doro Moritz ist eine Befürworterin der Gemeinschaftsschule: „Es gab zur Einführung gar keine Alternative, denn durch das massive Wegbrechen der Hauptschulen musste eine Schulart entstehen, die unterschiedlichen Begabungen gerecht wird. Für die Schwächeren ist das längere gemeinsame Lernen mit den stärkeren Schülern ein großer Gewinn. Es braucht gleichzeitig einen größeren Anteil leistungsstarker Schüler, um in dieser Gruppe das hohe Niveau zu sichern“, erklärt Moritz.

© Bolay-Medien

Doro Moritz ist die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg.

Zusammenspiel versus Konkurrenz

Bei einer solchen, relativ großen Auswahl an weiterführenden Schulen stellt sich die Frage nach der Koexistenz: Gelingt es, dass sich die Schularten tatsächlich ergänzen? „Nein“, meint Doro Moritz „die Schultypen in Baden-Württemberg machen sich tatsächlich Konkurrenz.“ Seit die Realschulen auch den Hauptschulabschluss anbieten, würden Schülerinnen und Schüler mit Hauptschulempfehlung eher auf die Realschule und nicht mehr zur Haupt- oder Werkrealschule gehen. „Gleichzeitig herrscht zwischen den Gemeinschaftsschulen und den Realschulen vor allem ein Konkurrenzkampf um die leistungsstarken Schüler. Die sind aber wichtig, damit Gemeinschaftsschulen gymnasiale Standards etablieren können“, sagt Moritz. Die GEW-Vorsitzende würde daher eine Reduktion der Schularten als Zwei-Säulen-System begrüßen: „Auf der einen Seite das Gymnasium und auf der anderen Seite die Gemeinschaftsschule. An beiden Schulformen sollte das Abitur angeboten werden. Ich fürchte außerdem, dass es in der jetzigen Struktur und der mangelhaften Qualitätsentwicklung nicht gelingt, Inklusion in allen Schulformen zu verankern und die geflüchteten und sozial benachteiligten Kinder und Jugendliche so gut zu fördern, dass sie im gegliederten Schulsystem ihrer Begabung entsprechend weiterführende Schulen besuchen können. Die Haupt- und Werkrealschulen werden wieder Zulauf haben, sodass diese zerfledderte Schulstruktur erst einmal bestehen bleibt.“

Von der Idee, das Baden-Württembergische Bildungssystem in ein Zwei-Säulen-Modell umzuwandeln, hält die Kultusministerin hingegen nichts. „Unser Schulsystem ist breit aufgestellt und bietet für alle Kinder und Jugendliche die individuell passende Fördermöglichkeit“, erklärt Eisenmann. Die Kultusministerin macht klar: „Mit mir wird es keine weiteren Strukturdiskussionen geben. Wir haben diese Struktur und die Vielfalt der Schularten spiegelt auch die Vielfalt an Begabungen und Interessen der Schülerinnen und Schüler wider.“

Hintergrundinfo:

Der IQB-Ländervergleich
Das IQB prüft, inwieweit in den einzelnen Ländern die von der Kultusministerkonferenz (KMK) formulierten Bildungsstandards und Kompetenzanforderungen an Schülerinnen und Schüler vor Abschluss des jeweiligen Bildungsabschnitts erreicht werden. Die Überprüfungen im Ländervergleich erfolgen im Primarbereich in der 4. Klasse, in der Sekundarstufe I in der Jahrgangsstufe 9.

Baden-Württemberg im IQB-Ländervergleich 2015
Baden-Württemberg belegte im Jahr 2009 bei der ersten IQB-Prüfung der Fächer Deutsch und Englisch Spitzenplätze und lag deutlich über dem Bundesdurchschnitt: In nahezu allen getesteten Fächern belegte Baden-Württemberg hinter Bayern den zweiten Platz, im Kompetenzbereich Lesen den dritten Rang.

Im Ländervergleich 2015 sieht das deutlich anders aus: Im Fach Deutsch rutscht Baden-Württemberg im Kompetenzbereich Lesen von Platz drei auf Platz 13, beim Zuhören von Platz zwei auf Platz 14 und bei der Orthografie von Rang zwei auf Rang zehn. Wie alle Bundesländer hat sich im Fach Englisch auch Baden-Württemberg verbessert, doch im Vergleich zu den andern Ländern ist der Zuwachs am geringsten. In Englisch sackt Baden-Württemberg daher in der Kompetenz Leseverstehen von Rang zwei auf Rang neun, beim Hörverstehen von Platz zwei auf Platz sieben ab.

Das Schulsystem und die Qualitätsentwicklung des Unterrichts in Baden-Württemberg thematisiert auch die didacta-Bildungsmesse 2017 in Stuttgart:

Schule/Hochschule

Forum Bildung
Schule der Zukunft – Zukunft der Schule: Schulentwicklung in Baden-Württemberg
Dr. Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg
14. Februar 2017
14:30 – 15:45 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Podium: Neue Lehrerbildung in Baden-Württemberg
Darüber diskutieren:

  • Gerhard Brand, Vorsitzender VBE Baden-Württemberg
  • Nicola Heckner, Fachleiterin und Lehrbeauftragte am Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Freiburg
  • Volker Schebesta, politischer Staatssekretär im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg
  • Prof. Dr. Silke Traub, Pädagogische Hochschule Karlsruhe, Zentrum für Schulpraktische Studien

15. Februar 2017
12:00 – 13:15 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Podium: G8/G9: Was ist der richtige Weg zum Abitur in Baden-Württemberg?
Darüber diskutieren:

  • Doro Moritz (Vorsitzende GEW Baden-Württemberg)
  • Bernd Saur (Vorsitzender PhV Baden-Württemberg)
  • Claudia Stuhrmann (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg)

15. Februar 2017
13:30 – 14:45 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Wie verbessern wir die Qualität unserer Schulen?
Darüber diskutieren:

  • Doro Moritz, Vorsitzende GEW Baden-Württemberg
  • Carolin Schaper, Lehrerin, Lehrerbildnerin, Schulberaterin und Autorin (zuletzt Hg. „Werkzeugkoffer Pädagogisches Handeln“, 2017)
  • Gerda Windey, Ministerialdirektorin im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

18. Februar 2017
11:30 – 12:15 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum didacta aktuell
Schulentwicklungsland Deutschland?
Darüber diskutieren

  • Verena Appelshäuser, Schulleiterin Grundschule Lambrecht
  • Prof. Dr. Monika Buhl, Dozentin für Schulpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg, Leiterin des Regionalteams Süd der Deutschen Schulakademie
  • Claudia Rugart, Abteilungspräsidentin Schule und Bildung im Regierungspräsidium Stuttgart

17. Februar 2017
Halle 5, D32
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Berufliche Bildung/Qualifizierung

Forum Berufliche Bildung
Berufliche Bildung 4.0: Wo steht das Land Baden-Württemberg?
Darüber diskutieren:

  • Elke Lücke, Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG Porsche AG
  • Stefan Küpper, Südwestmetall
  • Herbert Huber, Berufsschullehrerverband Baden-Württemberg (BLV)

17. Februar 2017
12:15 – 13:15 Uhr
Halle 6, D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier.


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